Teamchefdebatte: "Man sucht nicht husch, pfusch einen Trainer"

    Interview20. Oktober 2017, 17:38
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    Was sagt ein Profi zu den Abläufen im ÖFB? Personalberater Markus Brenner gibt die Antworten. Eine schnelle schlechte Entscheidung bringe nichts. Acht Wochen der Suche wären gut investierte Zeit

    STANDARD: Peter Schöttel, der Sportdirektor des österreichischen Fußballbundes (ÖFB), hat sechs Tage nach seiner Bestellung eine Liste mit Kandidaten für das Teamchefamt präsentiert. Kann man die Auswahl in dieser Eile überhaupt professionell durchführen?

    Brenner: Nichts ist unmöglich. Aber in der Schnelligkeit ist es kaum vorstellbar. Wir haben das jedenfalls noch nicht geschafft. Es entsteht der Eindruck, dass hier im eigenen Saft geschmort wird, dass man nicht über den Tellerrand blickt. Es fehlt die objektive Beurteilung über einen großen Markt und möglicherweise die Äquidistanz zu den Kandidaten.

    STANDARD: Der ÖFB hat den Zeitdruck. Ein Trainingslager steht an.

    Brenner: Man sucht nicht husch, pfusch einen Trainer. Die Priorität muss auf einem vernünftigen Rekrutierungsprozess liegen. Eine schnelle schlechte Entscheidung bringt gar nichts, ist ein unnötiges Risiko.

    STANDARD: Wie viel Zeit nimmt die professionelle Suche nach einer Führungskraft in Anspruch?

    Brenner: Acht Wochen ist ein gutes Maß, vom Auftrag bis zur Reduktion auf drei Kandidaten. Diese Zeit ist gut investiert, von der Entscheidung hängt der Erfolg in der Zukunft maßgeblich ab.

    STANDARD: Können Sie die Arbeitsschritte zeitlich eingrenzen?

    Brenner: Das Anforderungsprofil ist der erste Schritt und relativ flott erstellt. Man klärt in einer Sitzung mit dem Kunden die Erfordernisse, und unter dem Strich steht der Wunsch nach der eierlegenden Wollmilchsau. Dann fängt die Arbeit erst richtig an.

    STANDARD: Und zwar?

    Brenner: Wo sitzen die Kandidaten? Wie erreicht man sie? Besteht seitens des Gegenübers Interesse? Die Antworten auf diese Fragen erfordern eine intensive Recherche. Das macht man nicht von heute auf morgen.

    STANDARD: Schöttel hat sich der Öffentlichkeit ohne Konzept präsentiert. Kann man sich das als Führungskraft leisten?

    Brenner: Der Auftraggeber erwartet sich normalweise eine Idee, wie der Bewerber die Zukunft gestalten will. Ein Konzept müsste daher Teil der Bewerbung gewesen sein. Nichts gegen Peter Schöttel, vielleicht ist er tatsächlich der Beste. Aber das Auswahlverfahren steht dadurch in keinem guten Licht.

    STANDARD: Kann man bei der Trainersuche Kandidaten ausschließen, die nicht auf dem Markt sind?

    Brenner: Im Prinzip ist jeder auf dem Markt. Ich kann niemanden ausschließen. Auch wenn der Kandidat sich auf einem anderen Gehaltsniveau bewegt. Geld steht nicht an erster Stelle, darüber spricht man ganz am Ende.

    STANDARD: Tatsächlich? Wir sprechen von Fußball.

    Brenner: Auch dort kann jemand an seinem Arbeitsplatz nicht glücklich sein. Das soll es geben. Wenn jemand fachlich geeignet ist, sollte man den Kontakt suchen. Man muss die Liste breiter aufstellen.

    STANDARD: Nehmen wir Ralph Hasenhüttl von RB Leipzig als Beispiel. Er ist derzeit Österreichs erfolgreichster Trainer. Eine Verpflichtung ist unrealistisch. Sollte man ihn trotzdem kontaktieren?

    Brenner: Ich weiß nicht, wie zufrieden ein Ralph Hasenhüttl in Leipzig ist, ich verlasse mich nicht auf Hörensagen, sondern gehe neutral in die Überlegungen. Und ich halte die Gespräche so diskret wie möglich.

    STANDARD: Aber was, wenn Diskretion im ÖFB nicht die ganz große Stärke wäre?

    Brenner: Es gibt zwei professionelle Varianten, den Prozess darzustellen. Komplette Transparenz, wohlgemerkt ohne Namen zu nennen, oder komplette Diskretion. Und wer gibt welche Information nach außen? Man muss eine Person definieren.

    STANDARD: Es kursieren unentwegt Namen. Ganz oben scheinen Franco Foda und Thorsten Fink auf der Liste der Kandidaten zu stehen.

    Brenner: Man hat sich die Genehmigung zu Gesprächen mit Fink geholt. Warum soll man sich mit dem Vorgesetzten auseinandersetzen, wenn der Bewerber vielleicht gar nicht interessiert ist? Das ist fachlicher Blödsinn.

    STANDARD: Fair Play?

    Brenner: Gut, in dem Fall ist es vielleicht besser so, im Fußball ist ja alles miteinander verstrickt.

    STANDARD: Der Name Andi Herzog fällt immer wieder. Hat er das Potenzial? Die Öffentlichkeit hat große Zweifel, weil er noch nie als Cheftrainer gearbeitet hat.

    Brenner: Es ist nicht ungewöhnlich, eine Nummer zwei zur Nummer eins zu machen. Die Möglichkeit zum Aufstieg muss gegeben sein. Er hat in den USA gearbeitet, das ist schon eine Empfehlung. Eignet er sich, um eine Mannschaft zu formen? Man könnte auch mit US-Spielern reden – Stichwort Referenzeinholung.

    STANDARD: Was halten Sie von der Diskussion, ob ein Teamchef Österreicher sein muss?

    Brenner: Marcel Koller war kein Österreicher und einer der besten Teamtrainer der vergangenen Jahrzehnte. Damit sollte die Frage ausreichend beantwortet sein. Was soll die Staatsbürgerschaft mit den Kompetenzen zu tun haben? Ich brauche die am besten geeignete Person. Wir sind im Fußball nicht so gut und gescheit, dass das nur ein Österreicher könnte.

    STANDARD: Vielleicht kennt ein Österreicher lokale Begebenheiten?

    Brenner: Welche Begebenheiten? Elf Leute müssen Fußball spielen. Oder sprechen wir vom Wirrwarr in Sachen Kompetenzen im ÖFB? Besser, wenn man das nicht kennt. Besser, wenn man nicht schon vorab weiß, was nicht geht.

    STANDARD: Welche Rechte sollten den Kickern bei der Auswahl des Trainers eingeräumt werden?

    Brenner: Die Letztentscheidung müssen andere treffen, niemand kann sich seinen Chef aussuchen. Man sollte aber sehr wohl Meinungen einholen, welcher Trainertyp vorgezogen wird. Die Spieler müssen mit dem Coach ja auch können. Außerdem ist es ein Zeichen, dass die Spieler als mündige Menschen wahrgenommen werden. Die Spieler deppert sterben lassen wäre der falsche Weg. (Philip Bauer, 20.10.2017)

    Markus Brenner (53) ist Gründer und Geschäftsführer der Personalberatung Brenner & Company mit Hauptsitz Wien.

    • Geld steht nicht an erster Stelle, sagt Markus Brenner.
      foto: standard/christian fischer

      Geld steht nicht an erster Stelle, sagt Markus Brenner.

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