Zum Nationalfeiertag: Das ist Österreich

    21. Oktober 2017, 09:00
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    Zur Begrüßung gibt's in Österreich einen Schnaps. Danach Bier oder Wein. Hauptsache Alkohol. Ein Glas geht schon. Ein Schluck wenigstens, zum Anstoßen: ein Österreichführer zum Nationalfeiertag – von A wie Aufleben bis Z wie Zivilcourage

    Ankommen und Aufleben So heißt es in der Österreich-Werbung. Da fühlt man sich als (zahlender!) Gast gleich willkommen. Obergrenzen gibt es für Urlaubsgäste keine. Für Haustiere übrigens auch nicht (siehe Tiere first). Für alle anderen gilt die Nicht-Willkommens-Kultur – eine Kulturform, die in Österreich von der Mehrheit sehr geschätzt wird.

    Begrüßungsschnaps Zur Begrüßung gibt's in Österreich einen Schnaps. Danach Bier oder Wein (siehe Qualitätswein). Hauptsache Alkohol. Ein Alkoholangebot abzulehnen gleicht einer persönlichen Beleidigung. Für jedes Argument (Ich muss noch fahren. Ich habe noch nicht gefrühstückt. Ich bin schwanger.) gibt's ein Gegenargument (Ein Glas geht schon. Ein Glas geht schon. Ein Schluck wenigstens, zum Anstoßen.). Dass Österreich ein Alkoholproblem hat, lässt man sich trotzdem nicht nachsagen. In Tschechien trinkt man nämlich noch mehr Bier als hierzulande, also wenn ein Land ein Alkoholproblem hat, dann sicher nicht Österreich. Prost.

    Cordon bleu vom Schwein Zum Alkohol gehört natürlich ein deftiges Schnitzel oder noch besser ein Cordon bleu. Jedenfalls paniertes und in Fett herausgebratenes Schweinefleisch. Schweinefleischverweigernden Menschen, die aus gesundheitlichen, ethischen oder gar religiösen Gründen kein Schweinefleisch essen, traut man hierzulande schon aus Prinzip nicht. Da wird schon einmal in die eine oder andere fleischfreie Speise ein Speck hineingeschummelt: Ist ja nur für den Geschmack!

    Donauwalzer Ein beliebter Tanz sowohl im Tanzsaal als auch auf dem politischen Parkett: der Rechtswalzer. Gerne auch von so manchen ehemaligen Linkswalzertanzenden getanzt.

    Eiernockerln Am 20. April kommt selbst bei der einen Tafelspitzliebhaberin oder dem anderen Schweinsbratenverteidiger ein vegetarisches Gericht auf den Tisch: Eiernockerln mit grünem Salat. Dass der 20. April Hitlers Geburtstag ist und dessen Lieblingsspeise angeblich Eiernockerln waren, ist reiner Zufall, was denn auch sonst.

    Fußballwunder Österreich hat sich für die WM 2018 nicht qualifiziert. Aber jetzt einmal ehrlich: Wozu brauchen die Fußballfans Russland 2018, wenn sie Cordoba 1978 haben? Ein gewonnenes Spiel gegen Deutschland. Das große Wunder. Nach dem ist sogar ein Platz benannt: der Cordobaplatz in Wien. Fans pilgern über die Edi-Finger-Straße dorthin, um für ein weiteres Wunder zu beten. Erfolgreicher als die Nationalmannschaft der Männer ist derzeit jene der Frauen. Die zeigt, wie man weiterkommt. Ganz ohne Wunder.

    Gratiszeitung Sensationsblätter zur kostenlosen Entnahme sind hier nicht gemeint. Wenn man in Österreich "Die Zeitung ist heute gratis" sagt, meint man die Sonntagszeitung. Um eine von einem Zeitungsständer entnehmen zu dürfen, muss man das passende Kleingeld in eine Box werfen, das macht aber keiner. So tun als ob, das schon. Wenn man jemanden dabei erwischt, der nur so tut als ob, kommentiert man das mit Kopfschütteln, bevor man selbst eine Zeitung stiehlt.

    Herzlichkeit In Österreich ist man zu den Urlaubsgästen ausgesprochen herzlich. GASTFREUNDSCHAFT wird hier halt noch groß geschrieben. Da lächelt man einem überfreundlich ins Gesicht. Manchmal ist das Lächeln auch ehrlich gemeint.

    Idyllisches Familienglück Eine Familie in Lederhosen und Dirndlkleidern. Lachend im Weizenfeld. Das ist Heimat. Das ist Österreich. Zumindest in den Tourismusbroschüren, die es gibt, damit die (zahlenden!) Gäste nicht ausbleiben. Es würde wohl kaum jemand das Romantikzimmer buchen, wenn die Hochglanzfamilie nicht im Weizenfeld posieren würde, sondern neben ausgestopften Tieren, vorm Waffenschrank oder im Kellerzimmer.

    Ja, ich will Die Hochzeitsglocken läuten (derzeit noch) nur für Mann und Frau. Österreich hält eben an Traditionen fest. Auf Stillstand legt man großen Wert, auch wenn sich Parteien mittlerweile Bewegung nennen. Und während in Deutschland die Ehe für alle gefeiert wird, ist die Polizei in Österreich damit beschäftigt, Clowns anzuzeigen und Reisende am Flughafen darüber aufzuklären, dass sie Staubschutzmasken nur mit ärztlichem Attest (Schnupfen, Husten, Gesetzesallergie) tragen dürfen.

    Kunst und Kultur Besonders beliebt neben der Nicht-Willkommens-Kultur: Musik (siehe Mozart), Bälle (siehe Opernball) oder Brauchtumsveranstaltungen wie Trachtenumzüge, bei denen heimische Blaskapellen auch gern einen Nazimarsch spielen. Das hat natürlich genauso wenig zu bedeuten wie die Eiernockerlnliebe im April. Eine Volkskunst, die in ganz Österreich praktiziert wird: die Verdrängungskunst (siehe Verdrängungskunst).

    Landschaft Österreich ist bekannt für seine Natur: Waldheimatliche Böden. Türkisblaue Seen. Kornblumenwiesen. Bei klarer Sicht kann man von der Bergspitze aus ganz Österreich sehen: ein braunes Schnitzel mit Zäunen herum, weil sein Essen teilt man mit niemandem. Höchstens mit dem Hund (siehe Tiere first).

    Mozart Wenn man außerhalb Europas sagt, dass man aus Österreich kommt, sagen viele: Ah, Mozart! Manche sagen: Ah, Hitler! Oder: Ah, Kängurus! Um das Austria-Australia-Missverständnis zu beseitigen, haben die Edlseer einen Song für die Welt geschrieben, der auch den wahren Musikgeschmack vieler Österreicherinnen und Österreicher widerspiegelt: In Austria no Känguru, bei uns gibt's die Kuhli-Muh. Mozart, Walzer und vü anderes a, alles is made in Austria.

    Neid Neidisch ist man in Österreich nicht. Dass man es in Kauf nimmt, weniger Geld für die eigenen Familien zu bekommen, nur damit andere Familien noch weniger bekommen, hat doch nichts mit Neid zu tun. Sondern mit der typisch österreichischen Bescheidenheit.

    Opernball Die Ballsaison wird gerne als fünfte Jahreszeit bezeichnet. Bonbonball, Life Ball, Trachtenpärchenball. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Und für jede Garderobe: Frack für den Opernball, Tracht für den Jägerball, Säbelschmiss für den Akademikerball.

    Po-Grapscher Nur um eines klarzustellen: Österreichs Männer sind gegen Gewalt an Frauen. Selbst die Frauen-zurück-an-den-Herd-Brüller entpuppen sich immer mehr als Feministen. Vor allem dann, wenn die Gewalttäter aus dem Ausland kommen. Wenn die Österreicher ihre eigenen Frauen schlagen, ist das keine Gewalt, sondern zärtlich gemeint. Und der Arbeitskollegin an den Hintern zu fassen ist kein sexueller Übergriff, sondern ein Kavaliersdelikt.

    Qualitätswein Weinmachen kann man in Österreich in vielen Regionen. Beim Trinken achtet man allerdings eher auf die Quantität denn auf die Qualität. Beim gemeinsamen Trinken macht man sich Freunde, und den Wert einer guten Freundschaft darf man in Österreich nicht unterschätzen. In diesem Sinne: Ein Glas geht noch. Eines ist immer noch gegangen. Wenigstens ein Fluchtachterl.

    Raunzerei Die Österreicherinnen und Österreicher sind chronisch unzufrieden. Das gehört halt zu ihrem Naturell. Sie raunzen und jammern den ganzen Tag lang. Am liebsten über das eigene Leid. Ändern wollen sie an Situationen, die sie ändern könnten, nichts. Welchen Grund hätten sie dann noch zu jammern. Und wenn es einem zur eigenen Überraschung einmal so richtig gutgeht, vermiest einem das (zu heiße oder zu kalte) Wetter garantiert die gute Laune.

    Skifahren Skifahren lernt man hierzulande schon als Kind. Ob man will oder nicht. Ob es schneit oder nicht (Kunstschnee! Eine weitere anerkannte – weil dem Tourismus zuträgliche – Kunstform in Österreich). Und ob es Berge gibt oder nicht. Wer behauptet, zum Skifahren brauche man Berge, hat noch nie Skiurlaub im Burgenland gemacht. Dort gibt es Pisten schon ab vierzig Meter Höhenunterschied. Für den Einkehrschwung reicht es allemal. Und wieder gibt es einen Grund zu trinken!

    Tiere first In Österreich heißt es: Tiere first. Hunde und Katzen sind im Gegensatz zu Menschen in Not willkommen. Wenn ein frierendes und hungriges Kätzchen vor dem Gartenzaun miaut, öffnet man gerne die Tür. Und bei Tierquälerei kennt man kein Erbarmen. Nach heftigen Protesten wird Halal-Fleisch aus dem Supermarktsortiment genommen. Solche Erfolge werden im Bierzelt groß gefeiert. Mit Alkohol und saftigen Massentierhaltungsbratwürsten, von denen auch der Hund abbeißen darf.

    Ungeduld In Österreich hat man prinzipiell keine Zeit. Vor allem dann nicht, wenn man nichts zu tun hat. Wenn man in der Schlange an der Supermarktkasse steht, zeigt sich die Ungeduld am deutlichsten. Da seufzt und stöhnt man laut. Dreht sich um. Tritt von einem Bein aufs andere. Zählt die Artikel in den Einkaufswägen vor einem. Verdreht die Augen. Bis sich die Anspannung entlädt in einem wütenden: Zweite Kassa, bitte! Wenn man dann endlich an der Reihe ist, lässt man sich unendlich viel Zeit beim Kleingeldsuchen. In Österreich ist man nur am Sonntag entspannt. Denn das ist der Tag des Herren und somit der Tag der geschlossenen Supermärkte und des Frühschoppens, wo man ganz offiziell schon am Morgen betrunken sein darf.

    Verdrängungskunst Eine Kunstform, die in Österreich schweigend praktiziert wird. Spricht man die Verdrängungskunstschaffenden auf ihre Kunst an, können sie sehr zornig werden: Früher hätten wir schon gewusst, was wir mit solchen wie dir machen! Ja, über die Vergangenheit reden sie halt nicht so gern, und vor der Zukunft haben sie Angst. Bleibt noch immer die Gegenwart, in der sowieso alles schrecklich ist.

    Wahlkampfmarathon In Österreich ist das Wahlkämpfen eine sportliche Disziplin. Und im Gegensatz zu manch anderer eine äußerst erfolgreiche. Egal ob Wahlkampfdauer oder Anzahl der TV-Duelle, Österreich bricht alle Rekorde. Showkämpfe, Wettgrinsen, Schlammschlachten, Worthülsenbauen, Schmutzkübelschütten und Anfechten. Dem Publikum wird für sein Steuergeld etwas geboten. Wohl auch in Zukunft.

    Xenophobie Die Österreicherinnen und Österreicher sind nicht fremdenfeindlich, aber. Sie haben nichts gegen Fremde, aber. Und nur weil sich einer kleidet wie ein Nazi oder redet wie ein Nazi oder sich benimmt wie ein Nazi, ist er noch lange kein Nazi. Soweit verstanden?

    Yoga wird in Österreich immer beliebter. Das sehen die selbsternannten Heimatretterinnen und Volksschützer gar nicht gern. Die sehen die heimische Kultur in Gefahr und strecken nicht wie beim Sonnengruß beide Arme, sondern nur einen Arm in die Höhe. Was natürlich wieder nichts zu bedeuten hat. Da wollte halt jemand ein Bier bestellen. Oder winken. Wenn keine Ausrede mehr zieht, wird die Tat als der fünfhundertdreiundachtzigste Einzelfall verharmlost.

    Zivilcourage Das Wegschauen lernt man in Österreich schon als Kind. Noch vor dem Skifahren. Das geht uns nichts an! Das ist deren Angelegenheit! Da mischt man sich nicht ein! Es gibt aber sehr viele Menschen, die Zivilcourage beweisen. Die hinschauen, wenn Unrecht geschieht. Aufstehen. Helfen. Sich einmischen. Sich nicht einschüchtern lassen. Nicht schweigen. Menschen, die sich auch weiterhin für den Schutz der Menschenrechte einsetzen werden. Lauter als je zuvor. (Petra Piuk, Album, 21.10.2017)

    Petra Piuk, "Toni und Moni. Anleitung zum Heimatroman". € 19,90 / 208 Seiten. Kremayr & Scheriau, Wien 2017

    • "Die schönsten Trachten werden am Dirndlgwandsonntag ausgeführt", so lautet die Bildunterschrift der Volkskultur Niederösterreich zu diesem Bild.
      foto: fotograf & fee / gerald lechner

      "Die schönsten Trachten werden am Dirndlgwandsonntag ausgeführt", so lautet die Bildunterschrift der Volkskultur Niederösterreich zu diesem Bild.

    • Österreich ist bekannt für seine Natur: waldheimatliche Böden. Türkisblaue Seen. Kornblumenwiesen.
      foto: imago

      Österreich ist bekannt für seine Natur: waldheimatliche Böden. Türkisblaue Seen. Kornblumenwiesen.

    • Petra Piuk, geb. 1975 in Güssing, lebt in Wien. Ihr Debüt "Lucy fliegt" erschien 2016, "Toni und Moni. Anleitung zum Heimatroman" 2017.
      foto: www.detailsinn.at

      Petra Piuk, geb. 1975 in Güssing, lebt in Wien. Ihr Debüt "Lucy fliegt" erschien 2016, "Toni und Moni. Anleitung zum Heimatroman" 2017.

    • Petra Piuk, "Toni und Moni. Anleitung zum Heimatroman".  € 19,90 / 208 Seiten.  Kremayr & Scheriau, Wien 2017
      foto: kremayr scheriau

      Petra Piuk, "Toni und Moni. Anleitung zum Heimatroman". € 19,90 / 208 Seiten. Kremayr & Scheriau, Wien 2017

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