Traumjob E-Sportler: Wie man vom professionellen Computerspielen leben kann

    22. Oktober 2017, 11:00
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    Tägliches Training, körperliche und mentale Fitness, Selbstvermarktung: Pro-Gamer verraten ihr Erfolgsgeheimnis

    Er reist um die Welt, hat Sponsoren, und selbst sein Bart hat einen Fanclub. Dario "TLO" Wünsch lebt den Traum vieler Jugendlicher: Er ist "Pro-Gamer" und verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Zocken von Computerspielen. Wünsch gehört damit zu einer stark wachsenden Berufsgruppe von E-Sportlern, die rund 320 Millionen Zuschauer pro Jahr begeistern.

    E-Sport boomt. Wünschs Teamkollege Kuro Salehi Takhasomi aus Berlin hat just Schlagzeilen geschrieben, als er vor wenigen Wochen die mit 24 Millionen US-Dollar dotierte Weltmeisterschaft des Spiels "Dota 2" gewann. Er ist, kommerziell gesehen, seitdem der erfolgreichste E-Sportler der Welt. So hohe Preisgelder sind nicht die Regel, aber auch mit einem weniger populären Spiel wie "Starcraft 2" kann man seinen Lebensunterhalt verdienen, versichert Wünsch.

    Gutes Auskommen, aber nur für wenige

    Mit Turnieren hat der Profi bisher rund 100.000 US-Dollar verdient, die Top 5 in seinem Bereich stehen bei rund 500.000 Dollar. Wie auch bei klassischen Sportarten sind Preisgelder jedoch nicht die einzige Einnahmequelle. Bezahlte Auftritte bei Events, Sponsorengelder und klassische Gehälter sind wichtige Bestandteile der finanziellen Absicherung.

    Wünschs Weg zum Profispieler begann mit zwölf Jahren, als er einem "Starcraft"-Amateur-Clan beitrat und seine Brüder im Heimnetzwerk bezwang. Vom E-Sport-Fieber wurde der heute 27-Jährige auf der Branchenmesse Games Convention angesteckt. Er besiegte überraschend einen Profi, der ihn aufgrund seines jungen Alters unterschätzte. Der verblüffte Verlierer signierte ihm eine Teamjacke mit den Worten "Auch ein Kleiner kann ein Großer werden". Durch diese Aktion fiel er dem Gründer von Team Liquid auf. Ende 2010 wurde Wünsch dann mit seinem Nickname "The Little One" in das Team aufgenommen.

    foto: richard stanway
    "Es gibt mehr Lebenskonzepte als den klassischen Nine-to-five-Job. Das ist das große Privileg unserer Zeit."

    Privileg und harte Arbeit

    Dass hinter dem Beruf eine große Passion stehen muss, erklärt der in Wien lebende Adrian "Lifecoach" Koy. Er spielt für Evil Geniuses das Sammelkartenspiel Gwent. "Es gibt pro Spiel nur ein paar Dutzend Menschen, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Ohne viel Arbeit geht es nicht, will man mit der Weltspitze mithalten", sagt Koy, der mit 36 Jahren zu den älteren Akteuren gehört.

    Koy spielt oft acht bis zehn Stunden pro Tag mit dem immer gleichen Kartendeck und nimmt diesen Fokus bewusst mit in den Schlaf. Am nächsten Tag ist er sich dann ganz sicher: "Diese eine Karte hat noch gefehlt!" Auch Wünsch bestätigt diesen Drang zur Perfektion: "Wenn ein großes Turnier ansteht, sind es locker sechs bis sieben Stunden reine Spielzeit pro Tag, dazu kommen dann noch Analyse, Replays der Mitbewerber und körperliche Bewegung als Ausgleich."

    Vorbild sein

    Der Verantwortung als Szenestar ist sich Koy bewusst. Der Familienvater möchte junge Menschen inspirieren: "Es gibt mehr Lebenskonzepte als den klassischen Nine-to-five-Job. Das ist das große Privileg unserer Zeit. Wenn man für irgendwas brennt, sollte man dem nachgehen. Es ist fast ausgeschlossen, dass man damit nicht irgendwie seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, wenn man dieses Ziel ernsthaft genug verfolgt."

    Wie wichtig es ist, sich als E-Sportler unabhängig vom Spiel zu vermarkten und weitere Standbeine aufzustellen, bestätigen uns beide Profis. Denn im Gegensatz zum Breitensport sind die Games immer das geistige Eigentum der jeweiligen Entwickler. Dass Publisher den E-Sport vorrangig in ihrem Interesse prägen, ist daher unumgänglich. "In zehn Jahren werden wir zurückblicken und darüber lachen, dass es noch keine Spielerlobby gab", gibt sich Koy dennoch optimistisch. "Ich bin überzeugt, dass Spieler und Fans in Zukunft eine größere Gewichtung bei der Ausformung des Sports erhalten", ergänzt Wünsch.

    dota2
    Das "Dota 2 The International 2017" war das bisher höchst dotierte E-Sport-Turnier überhaupt. Insgesamt wurde ein Preisgeld in der Höhe von 24 Millionen Dollar ausgeschüttet.

    Goldene Zeiten

    Viel dazu beitragen könnte die immer größer werdende Akzeptanz. Bereits 2022 sollen E-Sport-Disziplinen bei den Asia-Spielen teilnehmen. Das Komitee der Olympischen Spiele 2024 in Paris möchte diese neuen Sportarten ebenfalls in ihre Bewerbung aufnehmen. Das IOC muss dem noch zustimmen, aber scheint dem Vorschlag nicht gänzlich abgeneigt zu sein. Es ist also vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, bis Videospielen nicht nur Spaß, Kultur und Sport, sondern auch olympisch ist. (Manuel Fritsch, 22.10.2017)

    • "Ohne viel Arbeit geht es nicht, will man mit der Weltspitze mithalten", sagt Profi Adrian "Lifecoach" Koy.
      foto: cd projekt red

      "Ohne viel Arbeit geht es nicht, will man mit der Weltspitze mithalten", sagt Profi Adrian "Lifecoach" Koy.

    • "Auch ein Kleiner kann ein Großer werden" – Dario "TLO" Wünsch ist einer der großen Pro-Gamer geworden.
      foto: richard stanway

      "Auch ein Kleiner kann ein Großer werden" – Dario "TLO" Wünsch ist einer der großen Pro-Gamer geworden.

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