Osterinsel-Kultur: Genetische Analysen werfen neue Fragen auf

    22. Oktober 2017, 17:36
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    Eine neue Studie besagt, dass die Erbauer der imposanten Moai doch keinen frühen Kontakt mit Südamerikanern hatten. Doch damit ist das Rätsel noch lange nicht gelöst

    Santa Cruz – Die Geschichte von Rapa Nui – so heißt die Osterinsel in der Sprache ihrer Einheimischen, der Rapanui – fasziniert die Wissenschaft schon lange. Das liegt nicht nur an der Vielzahl kolossaler Steinskulpturen, genannt Moai: Die aufwendig gefertigten Statuen zeugen von einer einst blühenden Kultur. Faszination und Forschungsinteresse betreffen vor allem den mutmaßlichen Niedergang dieser Kultur, zu dem bis heute unterschiedliche Theorien kursieren.

    Als die ersten Europäer die Insel im 18. Jahrhundert betraten, soll die Bevölkerung der Insel auf ein paar tausend Menschen beschränkt gewesen sein – was war also passiert? Einer verbreiteten These zufolge könnte es sich um eine der ersten menschlich verursachten Ökokatastrophen gehandelt haben: Infolge der totalen Abholzung der einst üppigen Wälder der Insel kam es demnach zur Erosion der Böden und damit zum Zusammenbruch der Landwirtschaft, der schließlich die Bevölkerung massiv dezimierte.

    foto: terry hunt
    Rätselhaft wie ihre einstigen Erbauer: Moai auf Rapa Nui.

    Migranten aus Polynesien

    Andere Theorien sehen die europäischen Forschungsreisenden stärker am Kollaps beteiligt, als diese überlieferten: Der Bevölkerungsrückgang auf der Osterinsel könnte auch erst später durch eingeschleppte Krankheiten wie Pocken, Syphilis und Tuberkulose richtig dramatisch geworden sein. Oder hatten die Rapanui zuvor auch schon mit anderen Menschen Kontakt?

    Die meisten Forscher nehmen heute an, dass die Insel im fünften Jahrhundert von Polynesien aus besiedelt wurde – dafür sprechen archäologische Funde, Sprachanalysen und frühere genetische Untersuchungen. Ob die Inselbewohner anschließend auch Austausch mit Menschen aus dem 4.000 Kilometer entfernten Südamerika hatten, ist nicht eindeutig geklärt.

    Bisher sprach aber einiges dafür, dass die Rapanui vor den Europäern das amerikanische Festland erreicht haben und anschließend wieder zurücksegelten: Darauf deuten DNA-Spuren südamerikanischer Urahnen im Erbgut heutiger Rapanui hin. Doch dem widersprechen nun Forscher um Lars Fehren-Schmitz von der University of California in Santa Cruz: In einer vergleichenden DNA-Analyse im Fachblatt "Current Biology" kommen die Wissenschafter zum Ergebnis, dass es keinen Genfluss mit südamerikanischen Menschen vor der Ankunft der Europäer gegeben hat.

    foto: reuters

    Überraschendes Ergebnis

    Für ihre Studie extrahierten die Wissenschafter Erbgut aus archäologischen Funden auf der Osterinsel: Sie untersuchten die DNA von drei Individuen, die dort vor der Ankunft der Europäer lebten, und von zwei späteren Nachfahren. Alle Proben zeigten Merkmale polynesischer Abstammung. "Doch wir fanden zu unserer großen Überraschung keinerlei Hinweise auf einen genetischen Austausch zwischen den Einwohnern der Osterinsel und Südamerikas", sagte Fehren-Schmitz.

    Die Forscher nehmen deshalb an, dass die südamerikanischen Einflüsse im Erbgut der heutigen Rapanui erst aus der jüngeren Geschichte stammen. So könnten Sklaverei, Umsiedlungen, Walfang und andere Aktivitäten, die erst mit den Europäern kamen, für den Genfluss verantwortlich gewesen sein. "Unsere Untersuchung beantwortet vielleicht die eine Frage, wirft dafür aber neue auf", so Fehren-Schmitz. "Die Geschichte der Osterinsel ist wohl noch komplizierter als gedacht." (dare, 23.10.2017)

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