"Aktuelle Frauenbilder produzieren reine Anpassung"

    Interview22. Oktober 2017, 11:23
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    Prinzessin Lillifee macht Mädchen stolz, sagt Medienwissenschafterin Maya Götz. Aktuelle Frauenfiguren haben aber auch Fallen

    STANDARD: Sie forschen zu medialen Rolemodels von Lillifee bis Wonder Woman. Zwischen diesen beiden Figuren liegen aber doch Welten, oder?

    Götz: Ja, und dennoch hängen sie sehr eng zusammen. Beide verkörpern ein Ideal. Bleiben wir einmal bei Lillifee und der Frage, warum etwa vierjährige Mädchen von Prinzessinnen in Rosa so begeistert sind. Nicht alle, aber eine ganze Reihe. Erst einmal ist es wichtig zu verstehen, was es für Mädchen heißt, Prinzessin zu sein. Unsere Studien zeigen, dass es für sie bedeutet: Du bist wertvoll, weil du geboren bist. Eine Prinzessin muss nichts leisten, alle sind begeistert, nur weil sie da ist. Es ist also dieses "Ich bin wertvoll" – wenn man einmal den historischen Umstand vergisst, dass Prinzessinnen vor allem eine politische Währung waren, die verheiratet wurde, was die Mädchen ja nicht wissen. Aber der Gedanke, du bist wertvoll, nur weil du da bist, ist im Prinzip das Schönste, was wir einem Kind mitgeben können. Und so fühlen sich auch viele Mädchen heute. Sie wachsen oft vorwiegend mit der Mutter auf, die empfinden sie als unheimlich kompetent, sie kriegt alles hin, und sie bewundern sie.

    STANDARD: Und warum Rosa?

    Götz: Rosa ist die einzige Farbe, die nicht "Junge" bedeutet. Mädchen fühlen sich heute Jungs oft überlegen. Durch die Art und Weise, wie wir Mädchen sozialisieren, sind sie schlicht und einfach besser angepasst – während die Buben die sind, die alles falsch machen. Sie sind zu laut, werden ermahnt, machen immer Ärger. Wir haben uns in einer Studie angesehen, warum gut gebildete Frauen ihren Töchtern diese Lillifee-Produkte kaufen. Es zeigte sich, dass die Mütter sagen: "Ach, die leben halt nun diese Rosa-Phase aus, die ich nicht ausleben konnte." Und deren Mütter wiederum sagten, dass sie ihren Töchtern das nicht bieten konnten, und sind jetzt ganz erleichtert, dass sie ihren Enkeltöchtern dieses rosa Zeug kaufen können.

    STANDARD: Doch sehr viele Mütter und Väter sind alles andere als begeistert von diesem Angebot.

    Götz: Genau, jetzt kommt die Pointe: Wenn ich vor 30 Jahren ein Mädchen so erzogen habe, gab es auch ein Bewusstsein dafür, dass ich es damit begrenze. Wenn ich heute ein Mädchen so erziehe, mache ich es fit für unser Schulsystem. Heute wachsen Mädchen in dem Bewusstsein auf, stolz darauf zu sein, ein Mädchen zu sein. Und sie haben das Gefühl, sie können alles erreichen, "ich muss mich nur genug anstrengen". Was heute aber komplett fehlt, ist die Defizitperspektive.

    STANDARD: Heißt das, die einengenden Aspekte dieser Vorstellung werden ausgeblendet?

    Götz: Lillifee ist auf den ersten Blick eine kompetente Prinzessin, die ihr Reich führt und das gut hinkriegt – ein Vorbild für Mädchen. Wenn man aber genauer hinschaut, ist ihr größtes Problem, dass sie nicht das passende Kleid für einen Ball hat. Also ja: Der Großmutter wäre das aufgefallen, während wir heute diese Fallen nicht mehr bemerken. Es wird heute völlig ausgeblendet, dass es weltweit keine Gleichstellung gibt. Das sind aktuell gefährliche Fallen für Mädchen und Frauen.

    STANDARD: Auch Filme wie "Wonder Woman" bestärken Mädchen und Frauen nicht?

    Götz: Die Wonder Women unserer Zeit stehen für das neue Ideal von Frau: Frau heute ist so was von gut in ihrem Beruf ist, sie kriegt alles hin. Ist sexuell attraktiv, optimalerweise noch Mutter – eine superfürsorgliche natürlich –, ist voll durchtrainiert. Die Frisur passt, und das Make-up stimmt natürlich auch. Früher durften Frauen innerhalb ihrer beschränkten Rollen immerhin unterschiedliche Körper haben, wer heute aber einen normalen Körper hat, hat schon irgendwas nicht auf die Reihe gekriegt. So, wie Wonder Woman aussieht, kann sie gar keine gesellschaftlichen Veränderungen herbeiführen, weil sie die ganze Zeit damit beschäftigt ist zu trainieren. Wir wollen also unseren Mädchen zwar starke Frauen- und Mädchenbilder zeigen, treiben sie damit aber in die reine Anpassung. Und das schwächt.

    STANDARD: Aber es hat sich in den letzten Jahren doch einiges getan. Denken wir an Filme wie "Mad Max", die durchwegs weibliche Besetzung von "Ghost Busters" oder die Komödien mit Melissa McCarthy.

    Götz: Dazu gibt es interessante Zahlen: Wenn im Hollywood-Kino eine Frau in der Hauptrolle ist, dann bringt der Film auch deutlich mehr Geld ein. Denn so können auch andere Geschichten erzählt werden als die, die wir schon oft gesehen haben. Das ist wirklich eine große Chance. Aber wenn man schlicht und einfach nachzählt, ist man etwa bei einem Verhältnis von 20 zu 80 für männliche Hauptrollen. Und dann ist die weibliche Hauptfigur im Vergleich noch deutlich weniger im Bild und hat weniger Text als eine männliche Hauptfigur. Bei über 90 Prozent der Filme wurde von Männern Regie geführt, es sind also Filme von Männern über Frauen. Die anderen sind glorreiche Ausnahmen.

    STANDARD: Sie beschäftigen sich auch mit dem Zusammenhang von Essstörungen und Fernsehen. Der könne, wie in Bezug auf "Germany's Next Topmodel" immer wieder gesagt wird, nicht so eng sein, dass Mädchen allein wegen einer TV-Sendung magersüchtig werden. Wie sehen Sie das?

    Götz: Für psychosomatische Erkrankungen braucht es sicher noch andere Komponenten. Ein mangelndes Selbstwertgefühl, Perfektionismus oder immer angepasst sein wollen gehört da sicher auch dazu. Gerade bei der Magersucht spricht man ja von der Krankheit der "braven Mädchen", die versuchen, alles richtig zu machen. Das Problem ist also viel größer. Doch diese Shows vermitteln, solche Frauenkörper seien normal – obwohl statistisch nur eine von 40.000 einen solchen Modelkörper hat. Viele Mädchen beginnen sich solche Formate ab neun anzusehen, und in dem Moment steigt die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, das konnte nachgewiesen werden. Der Gedanke "Ich bin zu dick" führt bei etwa vier Prozent der Mädchen zu einer psychosomatischen Krankheit. Für alle anderen muss man sich einmal vorstellen, wie viel Energie es kostet, sich ständig defizitär zu fühlen, weil die Beine nicht lang genug sind oder der Bauch hervorsteht.

    STANDARD: Was kann man als Zuseherin dagegen tun?

    Götz: Wenn ich merke, dass die Hauptfigur ein Geschlecht hat, ist das schon einmal der erste Schritt. Wenn ich sehe, dass der kleine Prinz und sein kleiner Fuchs zwei "Jungs" sind – und auch alle um sie herum – und das Mädchen die Rose hinter einer Glaskuppe, weil sie zu schön für diese Welt ist. Und dann sollte man gemeinsam kritisch fernsehen. Wenn man Figuren mit Barbiekörpern sieht oder derart kurzen Röcken, dass man eigentlich die Genitalien sehen müsste, muss man das immer wieder thematisieren. So lernen Kinder selber, kritisch fernzusehen oder Filme zu schauen. Dann können sie sich auch an tollen Mädchenfiguren wie Ronja Räubertochter oder Mika in der "Ostwind"-Reihe noch mal anders freuen. (Beate Hausbichler, 22.10.2017)

    Maya Götz ist Leiterin und wissenschaftliche Redakteurin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI). Seit 2006 leitet sie das Festival und Netzwerk für Kinderfernsehen, den Prix Jeunesse. Ihr aktuelles Buch befasst sich mit dem Zusammenhang von Medienkonsum und Essstörungen: "Warum seh' ich nicht so aus? Fernsehen im Kontext Essstörungen" (München 2016).

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    Maya Götz hält am 23. Oktober im Rahmen der Preisverleihung des Drehbuchwettbewerbs "If she can see it, she can be it" des Drehbuchforums Wien einen Vortrag über aktuelle Mädchen- und Frauenbilder in den Medien.

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    • "Wonder Woman" (2017) als kleines Mädchen mit einem ihrer großen Vorbilder. Diese Vorbilder, auf die Mädchen im echten Leben in TV und Film treffen, machen ganz schön Druck, meint Maya Götz.
      foto: ap/alex bailey/warner bros

      "Wonder Woman" (2017) als kleines Mädchen mit einem ihrer großen Vorbilder. Diese Vorbilder, auf die Mädchen im echten Leben in TV und Film treffen, machen ganz schön Druck, meint Maya Götz.

    • Maya Götz: "Man muss sich einmal vorstellen, wie viel Energie es kostet, sich ständig defizitär zu fühlen."

      Maya Götz: "Man muss sich einmal vorstellen, wie viel Energie es kostet, sich ständig defizitär zu fühlen."

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