Indiana Jones im Cyberspace: Wieso Archäologen das Universum von "No Man's Sky" erforschen

    19. Oktober 2017, 11:13
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    Ein Wissenschaftlerteam forscht im Weltraumspiel nach den Spuren virtueller Zivilisationen

    Als "No Man's Sky" vergangenes Jahr erschien, waren viele Spieler enttäuscht: Man sah sich von den Entwicklern betrogen, die Features versprochen, aber zum Start nicht umgesetzt hatten. So verlor das Spiel bald wieder einen Großteil seiner Millionen Spieler. Doch neben einigen eingefleischten Fans blieb noch eine weitere Gruppe: Weltraum-Archäologen.

    Unter der Führung des amerikanischen Archäologen Andrew Reinhard, Doktorand der Universität York, planten die Forscher eine Vermessung dieser neuen, unbekannten Welten. Sie wollten Planeten erkunden, Ruinen kartografieren und sogar ein Lexikon der entdeckten Aliens verfassen.

    Dabei ist dieses Projekt für die Archäologen keine reine Spaßveranstaltung: Einige Mitglieder des Teams planen, ihre Funde als Abschlussarbeiten zu veröffentlichen, und Reinhard selbst widmet einen Teil seiner Doktorarbeit diesem Videospiel. Mit ihrem Projekt wollen die Forscher die Grenzen ihres Fachs neu ausloten, doch das einzigartige Vorhaben sollte sich zunächst vor allem nur als unerwartet frustrierend herausstellen.

    hellogamestube
    Das jüngste große Update für "No Man's Sky" rettete nicht nur zum Teil das Spiel, sondern auch die Arbeit der Forscher.

    Fast gestorben

    Denn zunächst mussten die Archäologen mit einigen Einschränkungen kämpfen: Planeten konnten nur in großer Höhe überflogen werden, es fehlten Möglichkeiten zur Dokumentation. Doch dann kam das Entwicklerteam des Spiels den Forschern unerwartet zu Hilfe, wie Reinhard erklärt: "Gerade als ich unser Projekt schon zu Grabe tragen wollte, veröffentlichte Hello Games ein großes Update." Dieses lieferte mit einem neuen Koordinatensystem und einem Fotomodus die wichtigsten Werkzeuge, die die Archäologen für ihre Arbeit benötigten. Nun waren sie bereit für ihr erstes großes Forschungsprojekt, das bis heute andauert: die Erforschung verlassener Spielerbasen.

    Ein Patch hatte viele Spielerbasen vor Monaten unbewohnbar gemacht, und so verließen viele ehemalige Bewohner ihr Zuhause, um eine neue Heimat zu finden. Zurück blieben alte Hologrammbotschaften, Alltagsgegenstände und verschrottete Ausrüstung – ein Paradies für die virtuellen Archäologen, die das Alltagsleben der ehemaligen Bewohner erforschen wollen.

    Reinhard und sein Team begaben sich nach Drogradur, der ehemaligen Hauptstadt der größten von Spielern geschaffenen Kolonie in "No Man's Sky". "In den 13 Monaten, in denen ich nun schon dieses Spiel spiele, bin ich nie auf die Spuren anderer Spieler gestoßen. Jeder Planet und jede Galaxie entdeckte ich zuerst", wie Reinhard enttäuscht erklärt.

    Virtuelles Pompeji

    Doch als er von Drogradur und seinen ehemaligen Bewohnern erfuhr, war er begeistert: "Der Archäologe in mir fragte sich, wie eine Massenmigration in einem Videospiel wohl aussehen könnte. Endlich gab es ein Ziel mit einer konkreten Aufgabe, auf die wir uns stürzen konnten." Für ihn und sein Forscherteam ist die alte Hauptstadt wie ein zweites, virtuelles Pompeji, in dem die Spuren der Vergangenheit wortwörtlich auf der Straße liegen.

    Momentan sind die Funde so reichhaltig, dass das kleine Team geradezu überfordert ist: "Wir brauchen jetzt einen guten Projektplan", schmunzelt Reinhard. "Manchmal fällt es leicht, zu vergessen, in was für einer einmaligen Umgebung wir forschen können. Ich war begeistert wie ein Kind, als ich diese verlorene Stadt zum ersten Mal besucht habe. Umgeben von den Überresten der ehemaligen Bewohner, fühlte ich mich auf meiner langen Reise zum ersten Mal nicht mehr so alleine." (Dom Schott, 19.10.2017)

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    Unsere erste Reise ins Universum von "No Man's Sky".
    • "Ich war begeistert wie ein Kind": Archäologe Reinhard über seinen ersten Fund im Spieluniversum.
      foto: no man's sky

      "Ich war begeistert wie ein Kind": Archäologe Reinhard über seinen ersten Fund im Spieluniversum.

    • "No Man's Sky" lockt mit dem Versprechen auf eine schier endlose, galaktische Spieltwelt und die Möglichkeit, ein eigenes Zuhause aus dem Boden zu stampfen.
      bild: no man's sky

      "No Man's Sky" lockt mit dem Versprechen auf eine schier endlose, galaktische Spieltwelt und die Möglichkeit, ein eigenes Zuhause aus dem Boden zu stampfen.

    • Andrew Reinhard im Raumschiff rechts entdeckt ein mysteriöses Portal und zahlreiche alte Text-Hologramme von Spielern.
      bild: no man's sky

      Andrew Reinhard im Raumschiff rechts entdeckt ein mysteriöses Portal und zahlreiche alte Text-Hologramme von Spielern.

    • Reinhard stößt im deGrasse-System auf bereits entdeckte Planeten und eine verlassene Spielerbasis.
      foto: no man's sky

      Reinhard stößt im deGrasse-System auf bereits entdeckte Planeten und eine verlassene Spielerbasis.

    • Reinhard an der virtuellen Ausgrabungsstelle.
      foto: no man's sky

      Reinhard an der virtuellen Ausgrabungsstelle.

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