"Viel gut essen": Besitzstandswahrungsrede

    Video18. Oktober 2017, 17:30
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    Sibylle Bergs Theaterstück mit der österreichischen Band Kreisky im Wiener Rabenhof

    Wien – Sibylle Berg und die österreichische Band Kreisky haben sich für ein Theaterstück zusammengetan. Keine schlechte Idee, zumal sich Bergs Monolog Viel gut essen (mit chorischem Appendix) für echauffierte Frontalvorträge eignet – das Spezialgebiet der Musiker. Sänger Franz Adrian Wenzl hat zudem schauspielerisches Talent: Er hat sich in der Rolle festgebissen, lässt sich von den Sätzen durchzucken, sodass es ihn über die Bühne reißt. Konzentriert schreddert er Blatt für Blatt das Papier, auf dem sie geschrieben stehen (bildlich gesprochen).

    foto: nikolaus ostermann / rabenhof
    "Viel gut essen" mit der Band Kreisky im Rabenhof.

    Er gibt – unterbrochen von Liedern mit der hinter einem Gazevorhang durchscheinenden Band – jenes Alphamännchen aus Bergs 2014 uraufgeführtem Stück, das zu den vielzitierten Sich-zu-kurz-gekommen-Fühlenden unserer Tage zählt. Ein Mann Mitte vierzig in Europa, Informatiker mit gutem Gehalt, Familienvater und kerngesund, der alles hat, aber glaubt, die anderen (Migranten, Hipster, Frauen, Schwule etc.) würden ihm alles wegnehmen.

    Diese Stimme aus dem rechten Wählervolk türmt 85 Minuten lang tumbe Vorurteile, Hass und Angst aufeinander, und wir hören zu. Wenn Wenzl seine fürchterliche Suada nicht so hingebungsvoll komplex ausspeien würde, es wäre unerträglich. Denn ohne Widerpart, ohne Reflexion oder Konflikt landet dieses – übrigens beim Kochen losgetretene – Selbstgespräch eigentlich im Leeren.

    theaterrabenhof

    Um diese Eindimensionalität aufzubrechen, haben Berg (künstlerische Leitung) und Kreisky auf der funky 80er-Jahre-Showbühne einen kleinen Troll-Chor installiert, der seitlich vor dem Eigenheim seinen akkurat trainierten Sprechgesang einbringt: als Verstärker der oder auch als Ablenker von den Gedanken. Dennoch kommt der Abend über die Reproduktion bzw. Abbildung von Populismus kaum hinaus. (Margarete Affenzeller, 18.10.2017)

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