Carmen Cartellieri: Dem Stummfilm Lebendigkeit geschenkt

    20. Oktober 2017, 10:38
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    Filmarchiv-Retrospektive auf die österreichische Filmpionierin

    "Auf das Spiel der Augen muss das größte Gewicht gelegt werden. Die Bewegungen müssen langsam sein." – Carmen Cartellieri (1891-1953) hat sich ihr Wissen über die Schauspielkunst im Stummfilm hauptsächlich im Learning-by-doing-Verfahren angeeignet und es auf bemerkenswerte Weise angewendet. Die Quereinsteigerin, die im Chaos der Kriegszeit wie aus dem nichts im noch jungen Filmbusiness Fuß fasste, galt Anfang der 1920er-Jahre als eine der interessantesten Stummfilmdiven Wiens.

    Das Filmarchiv Austria widmet dem insgesamt nur zehn Jahre umspannenden Filmschaffen der Schauspielerin und Produzentin nun eine Retrospektive und zeigt eine Werkschau aus zum Teil bisher verschollen geglaubten Filmen und Filmfragmenten. Sie wurden in den letzten Jahren recherchiert und restauriert.

    Der exotisch klingende Name Carmen Cartellieri ist wider Erwarten nur halb erfunden. Franziska Ottilia Cartellieri wurde als Tochter eines Bahnbeamten in Proßnitz (nahe Ölmütz) geboren. Nach der Familiengründung und der Übersiedelung 1916 nach Wien (sie heiratete den Ingenieur und Erfinder Emanuel Ziffer Edler von Teschenbruck und bekam eine Tochter) strebte sie auf eigene Faust eine Filmkarriere an.

    Schon 1917 gab sie in der Regie von Cornelius Hintner im Spielfilm Anjula, das Zigeunermädchen ihr Debüt und überzeugte bereits da mit einem unverstellten, natürlichen Spielgestus, der sie neben spätexpressionistischen, der Überzeichnung verpflichteten Mimen als besonders erscheinen ließ. Das Defizit einer fehlenden Schauspielschule und das damit einhergehende Ausprägen eines eigenen Stils hatte sich als Vorteil erwiesen. Allerdings war dies zugleich auch die Crux von Cartellieris Karriere, denn mit dem späteren Aufkommen des Tonfilms war ihr Talent mit einem Mal relativiert. 1928 drehte sie mit Das Schicksal derer von Habsburg ihren letzten Film und trat bis zu ihrem Tod 1953 – soweit bekannt – nicht mehr auf.

    Sich selbstständig machen

    Cartellieri verkörperte oft Frauentypen, die sich auf dem ihnen zugewiesenen Platz zu ihrem eigenen Vorteil selbstständig machen und freispielen, auch auf Kosten anderer. Schon in Anjula ist sie eine zwar von ihrem Gefährten instrumentalisierte Rom-Frau, die zum Diebstahl angestachelt wird, doch sie reißt am Ende doch die Zügel an sich. Als Pfeife rauchende, den Rock locker schlenkernde Trickdiebin bleibt sie der ihr widerfahrenden gesellschaftlichen Ablehnung scheinbar ganz enthoben, souverän und unantastbar.

    Noch stärker dirigiert sie in Die Frauen des Harry Bricourt (1922) als mit einem kühl kalkulierten Rachespiel beauftragte Ehefrau das Geschehen. Ähnlich wie auch in Der Rosenkavalier (1926), wo Cartellieri ebenfalls in einer wichtigen Nebenrolle, als verschlagene Sittenwächterin Annina, die Intrigen bei Hofe am Laufen hält.

    Cartellieris große, aufgeweckte Augen und ihre markant geschminkten Augenbrauen prädestinierten sie auch für abgründigere Sujets. So ist sie nicht nur das hörige Dienstmädchen im Horrorklassiker Orlac's Hände (1925), sondern auch die Verderben bringende Femme fatale in Die Würghand (1920). Ihr Gesicht drückt stets Lebendigkeit aus, verfällt nie in eine maskenhafte Mimik. Trotz einer Reihe geopferter Männer im Schlepptau zeigt Cartellieri als Schmugglerbraut in diesem am Semmering gedrehten Spielfilm das menschliche Antlitz einer Frau, die nach Höherem strebt. (Margarete Affenzeller, 20.10.2017)

    20.-30. 10., Metro

    • "Der Rosenkavalier" ist ein Film voller Gesten der Ekstase. Nur die ausgefuchste Hofdame Annina (Carmen Cartellieri, re., mit Jaque Catelain) behält stets kühlen Kopf.
      foto: viennale

      "Der Rosenkavalier" ist ein Film voller Gesten der Ekstase. Nur die ausgefuchste Hofdame Annina (Carmen Cartellieri, re., mit Jaque Catelain) behält stets kühlen Kopf.


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