Hella Wenders: Weil das Leben nie Pause macht

    Video20. Oktober 2017, 10:40
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    In "Berg Fidel" und "Schule, Schule" begleitet die deutsche Filmemacherin eine Gruppe von Kindern aus Münster durch ihre Schulzeit. Zwei Filme als ein Plädoyer für gelebte Toleranz und gelungene Integration

    "Also früher, da stand ich noch auf Dinosaurier und so, aber jetzt interessiert mich Astronomie mehr. Ich hab schon Fragen, die man nicht so leicht beantworten kann. Wo hat das Weltall sein Ende?"

    David hat überhaupt so allerhand Interessen. Er macht Musik, schreibt Gedichte und Kurzgeschichten wie jene von dem Raumschiff, dem es gerade noch gelingt, auf der Erde zu landen. Im wöchentlichen Klassenrat übernimmt er gerne die Rolle des Vermittlers. Ein Mädchen hat einem anderen ein Bein gestellt und soll sich entschuldigen. Die Mehrheit der Schüler ist dafür und die Sache damit erledigt. In der weiterführenden Schule wünscht David sich Freunde und Teppichböden. Letztere, damit er die Freunde trotz seiner Behinderung auch gut hören kann.

    foto: viennale
    Bei seiner Verabschiedung sitzt Jakob selbstverständlich im Mittelpunkt: Was an ihm so toll ist, erfährt man in "Schule, Schule".

    Die Grundschule Berg Fidel in Münster, der Hella Wenders' 2011 fertiggestellter Abschlussfilm an der Filmakademie Berlin seinen Titel verdankt, präsentiert sich als Vorzeigeprojekt. Die Schule, in der Behinderte und Nichtbehinderte, Kinder von Zuwanderern und Deutschen gemeinsam unterrichtet werden, setzt auf integratives Lernen. Wenders begleitete drei Jahre lang vier Kinder, filmt sie meistens in der Schule, manchmal zu Hause. Hin und wieder stellt sie Fragen nach ihren Wünschen. Die schon ältere Anita, ein Romamädchen aus dem Kosovo, möchte Topmodel werden. Davids Bruder Jakob mit Downsyndrom ist ein guter Tröster, die anderen Kindern helfen ihm bei den schwierigen Buchstaben. In Berg Fidel wird jedenfalls kein Kind an die Sonderschule überwiesen und der Lehrplan, wenngleich nicht im selben Tempo, von allen erfüllt.

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    Berg Fidel ist ein Plädoyer für Toleranz und für ein demokratisches Miteinander von Kindesbeinen an, und ganz bewusst lässt Wenders keine Erwachsenen zu Wort kommen, die uns die Vorzüge und Qualitäten des gemeinsamen Lernens erklären. Dass Konflikte und Dissonanzen für Wenders so gut wie keine Rolle spielen, heißt natürlich nicht, dass es sie nicht geben würde.

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    Zu sehen ist Berg Fidel in Kombination mit Wenders' aktuellem Nachfolgefilm Schule, Schule, einer Momentaufnahme, für die die Filmemacherin nach sechs Jahren ihre Protagonisten – mittlerweile zu Teenagern herangewachsen – erneut besucht und deren Bildungs- und Lebenswege abgleicht. Von der Montessori-Privatschule bis zur Lehre führt nunmehr der weitere Bildungsweg, erstaunlich ist dabei der beinahe erwachsene Blick der Jugendlichen auf die Welt und die Verhältnisse: Was man in Berg Fidel gelernt hat, ist nämlich, die eigenen Stärken und die Schwächen zu kennen. Und die des Bruders: "Jemand, der kein Downsyndrom hat, wäre auch mal witzig", wünscht sich David. Aber zugleich weiß er: "Das muss auch nicht sein." (Michael Pekler, 20.10.2017)

    "Berg Fidel": 20. 10., 16.00, Urania; 22. 10., 11.00, Metro

    "Schule, Schule": 20. 10., 18.30, Urania; 22. 10., 13.00, Metro

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