Pro & Kontra: Auf Kur gehen

    23. Oktober 2017, 15:18
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    Der Kuraufenthalt als Insel für Ruhe und Selbstbesinnung oder "subventionierter Quasi-Urlaub"

    foto: getty images/istockphoto/kzenon

    Pro
    von Christoph Winder

    Im aufgepeitschten Meer des Neoliberalismus, das uns umbrandet, ist der Kuraufenthalt ein Inselchen, auf welchem, wenigstens temporär, noch Ruhe und Selbstbesinnung möglich ist. Dem Österreicher das Menschenrecht auf diese Auszeit zu entziehen hieße eine Revolution heraufbeschwören. Zu Recht. Denn neben ihren psychologischen Wohltaten hat die Kur auch sonst Vorteile sonder Zahl.

    Das Kurwesen sorgt für entfettete Lebern, aufgepimpte Herzen, entspeckte Bäuche, entschwärzte Raucherlungen, wieder in Form gebrachte Rückgrate und fachmännisch durchgeputzte Adern. Es wirkt der körperlichen Absandelung einer Nation, die sich beim Genuss von Bier, Burenhäutl und Memphis light ungern Zwänge antut, auf breiter Ebene entgegen und hebt die Volksgesundheit in lichtere Höhen. Zudem vermittelt die Kur ein beschwingtes, zukunftsorientiertes Lebensgefühl, weil man sich bei den Fressgelagen und Vollräuschen in der Zwischenkurzeit in der tröstlichen Gewissheit wiegen darf: Nach der Kur ist vor der Kur, der nächste Kuraufenthalt kommt bestimmt.

    Kontra
    von Siegfried Lützow

    Einen "subventionierten Quasi-Urlaub" nannte jener fähige Funktionär die Kur, der nicht nur einer Burgerkette seinen Namen lieh, sondern auch – ehe er höchst flüchtige Duftmarken in einer Parteizentrale setzen sollte – den Sozialversicherungsträgern strahlend vorsaß. Das war weise gesprochen, denn der Urlaub auf Regimentsunkosten ist nicht nur oft und oft dazu geeignet, Schatten auf bis dahin gut funktionierende Partnerschaften zu werfen.

    Jetzt, da sich Leistung wieder lohnt, wären staatlich finanzierte Kurexzesse fatale Signale. Ganz nach dem Motto "Lieber F. X. Pichler als F. X. Mayr!" nimmt im Dunstkreis von einschlägigen Anstalten kaum die allgemeine Arbeitsfähigkeit Aufschwung, dafür die Nahversorgung mit Alk und Mehlspeisen.

    Knappheit ist künstlicher Mangel und also geeignet, Bedarf zu erzeugen, dessen man sich gar nicht bewusst war. Das könnte so weit gehen, dass sich Kurgäste jene Gebresten, wegen derer sie auf Kur geschickt werden, mangels häuslicher Aufsicht während der Kur erst zuziehen. Und das kann nicht Sinn der Sache sein. (RONDO, 23.10.2017)

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