Über Uber: "Don't be evil" als Maxime

    Kommentar der anderen15. Oktober 2017, 15:07
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    Das Oberlandesgericht Wien hat den Fahrdienstleister in Österreich – zumindest einstweilig – aus dem Verkehr gezogen. Dennoch zeigt der Fall Uber die veränderten Spielregeln des 21. Jahrhunderts

    Uber hat Probleme – nicht nur in Österreich, wo das OLG Wien in einer einstweiligen Verfügung entschieden hat, dass Mietwagen keine Leute auf der Straße "auflesen" dürfen, sondern auch in London. Dort wurde dem Unternehmen unlängst die Lizenz entzogen.

    Dabei lief lange Zeit alles sehr gut für das wertvollste Tech-Start-up der Welt, das perfekt den Zeitgeist der Gen Y trifft. Im Gegensatz zu den Babyboomern, für die "mein Haus, mein Auto, meine Yacht" ein erstrebenswerter Traum ist, verzichten die darauffolgenden Generationen zwar auf den Besitz und die Statussymbole – aber nicht auf die damit einhergehenden Vorteile. Man fährt also gerne mit dem Auto durch die Stadt, ohne selbst eines besitzen zu wollen. Uber erfüllt diesen Wunsch, kombiniert mit der intuitiven Bedienbarkeit von Apple und der Zukunftsvision von Tesla.

    Die Grundidee des Unternehmens, das aktuell weit davon entfernt ist, schwarze Zahlen zu schreiben, funktioniert jedoch erst so richtig, wenn die Autos ohne Fahrer auskommen. Bis dahin will Uber eine Infrastruktur aufbauen, die ähnlich wie Amazon kaum mehr aus unserem Leben wegzudenken ist. Und genau wie Amazon Unmengen an Daten sammeln, die den wichtigen Wettbewerbsvorteil darstellen.

    Zukunfts-Vision

    Wie bei allen Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley kaufen wir neben den Vereinfachungen des Lebens aber vor allem die Vision. Es geht um eine Zukunft ohne Unfälle, ohne Abgase, ohne Parkplatzsuche und tatsächlich auch mit weniger Autos. Versprochen wird eine Antwort auf den Klimawandel, die nicht auf Kosten der Mobilität geht.

    So betrachtet ist Uber eine klassische Erfolgsgeschichte der Tech-Industrie: Disruption eines "alten" Geschäftsmodells, Shared Economy, exponentielles Wachstum – wenn das Unternehmen nicht das erste Gebot des 21. Jahrhunderts, "Don't be evil", missachtet hätte. Irgendwann rund um 2000 von Google als Firmenmotto auserkoren, bilden die drei Worte das alles durchdringende Leitmotiv eines neuen Jahrtausends (auch wenn viele politische Entwicklungen Zweifel daran aufkommen lassen).

    Mark Pritchard, Entscheider bei P & G, bringt es in seiner Rede bei der Digitalmesse DMXCO auf den Punkt: "Social media is fueling a new era of corporate citizenship, shining the light on truth and giving brands the chance to use their voices for good."

    Aggressiver Stil

    Das bekommt jetzt auch Uber und damit vor allem der Mitgründer des Unternehmens Travis Kalanick zu spüren. Er war es, der Uber mit seinem aggressiven Stil zu einem Unternehmen mit 12.000 Mitarbeitern und 6,5 Milliarden Dollar Umsatz gemacht hat. Gleichzeitig ist er auch maßgeblich für die Schwierigkeiten verantwortlich, mit denen Uber jetzt zu kämpfen hat.

    Ein Symptom des größeren Problems poppt gerade in London und Wien auf. Während es vordergründig um kleinere Gesetzesverstöße oder Auflagen wie den Nachweis von Englischkenntnissen geht, ist es eher ein Abwehrkampf einer neuen Art von Unternehmen. Uber spielt wie etwa auch Airbnb nicht nach herkömmlichen Regeln, für die unser Rechts- und Wirtschaftssystem ausgelegt ist. Es ist eine neue Form der Mobilität und des Transportwesens, das potenziell das bestehende System vollständig verdrängen könnte. Die Basis für diese Art der Disruption bildet die Technologie – ob sie erfolgreich ist, wird auf einer emotionalen Ebene entschieden.

    Schlupflöcher in den Verordnungen zu finden ist mit einer Heerschar an Anwälten und politischem Willen immer möglich. Aber was schlussendlich zählt, ist die öffentliche Meinung, ob dieser Umbruch, der unter anderem Taxis die Daseinsberechtigung nimmt, zum Wohle der Menschheit ist oder doch den Aktionären dient – und das auf Kosten der Allgemeinheit.

    "Arschloch Taxi"

    Die Art, wie Uber-Boss Travis Kalanick bisher agierte, ließ auf Letzteres schließen. Das beginnt bei Aussagen wie "Wir sind in einer politischen Kampagne, der Kandidat ist Uber, und der Gegner ist ein Arschloch namens Taxi" und findet seinen Höhepunkt in einer Firmenkultur, über die die letzten zwölf Monate immer mehr bekannt wurde. Von unangebrachten Mails, sexueller Belästigung, Mobbing und generell einer Umgebung, die rücksichtsloses Verhalten fördere, ist die Rede. Dazu kommt Ubers Reaktion auf den ersten "Muslim Ban" von Trump im Jänner dieses Jahres. Während die New Yorker Taxis aus Solidarität mit den Betroffenen streiken, ist bei Uber "business as usual". Die Folge: #DeleteUber wird zum "trending topic" und das Image des Konzerns als Weltverbesserer maßgeblich angeschlagen.

    Dass dieser Wandel bedrohlich ist, erkennen auch die Investoren. Ihr Druck führt dazu, dass sich Kalanick im Juni eine Auszeit nehmen muss und ihm Anfang Oktober auch das Stimmrecht im Verwaltungsrat gestutzt wird. Am 30. August dieses Jahres übernimmt Dara Khosrowshahi als CEO das Unternehmen und gibt mit "This company has to change" die Stoßrichtung vor. Ob er erfolgreich ist, wird sich unter anderem auch in Österreich zeigen. (David Bogner, 16.10.2017)

    David Bogner war Head of Content und Geschäftsführer bei "Vice". Mit Philipp Papapostolu wird er sich ab 2018 mit Markenbildung beschäftigen.

    • Handy oder Taxi(funk): Mietwagen wie Uber dürfen keine Fahrgäste von der Straße "auflesen".
      foto: apa

      Handy oder Taxi(funk): Mietwagen wie Uber dürfen keine Fahrgäste von der Straße "auflesen".

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