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17. Oktober 2017, 13:25

Felix Adjei lacht. "Mein Traum ist, der beste Spieler der Welt zu werden." Das Lachen entschärft seine Aussage, als könne er es selbst nicht glauben. Adjei ist etwa 18 Jahre alt, als er diesen Satz für eine Fernsehdokumentation sagt. Seine Augenbrauen sind den Augen ungewöhnlich nah, das schreibt ihm Zweifel ins Gesicht, dieses unschuldige Gesicht, das man nur sympathisch finden kann. Heute ist Felix Adjei 26 Jahre alt. Er kickt in der dritten schwedischen Liga für Umea FC. Felix Adjei ist eine der Erfolgsgeschichten von Red Bull Ghana.

"Der Kärntner Unternehmer Dietmar Riegler rief im September 2005 in Sogakope die Soccer School Lavanttal ins Leben", war im März 2007 anlässlich eines ÖFB-Teamspiels gegen Ghana zu lesen. Riegler wurde damals noch als "Präsident des Kärntner Klubs SK St. Andrä" zitiert, heute firmiert er als Präsident des Bundesligaklubs WAC.

Seine Soccer School wurde er schnell wieder los, Red Bull übernahm sie 2007 als Teil der großen Expansion des Stierfußballs, die auch Stützpunkte in Brasilien, New York und Leipzig bringen sollte. "Die Spieler, die in sechs, sieben, ja zehn Jahren für Salzburg in der Champions League erfolgreich sein werden, die gehen jetzt noch in die Volksschule", sagte Dietrich Mateschitz damals.

Red Bulls Expansion in der Fußballwelt. Ein einzigartiges Projekt mit groben Anfangsschwierigkeiten, dessen Kronjuwel RB Leipzig mittlerweile großen Erfolg hat. Gerade Leipzig hat jedoch immer wieder mit Anfeidungen zu kämpfen.

Zwei bis drei Spieler pro Jahr erhofften sich die RB-Verantwortlichen für Liefering und Salzburg von der Akademie in Sogakope. Es wurden drei Spieler. In sechs Jahren. Nicht nur nach den Maßstäben Red Bulls ein Fehlschlag.

"Ich würde es als sehr ambitioniertes Projekt resümieren. Als eines, das nicht ideal aufgesetzt wurde, wo nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen wurden", sagt Martin Kainz. Der Soziologe hat von allen unabhängigen Blicken auf Red Bull Ghana den qualifiziertesten, zum Zwecke zweier Diplomarbeiten hatte er vier Wochen Zugang zur Akademie und führte dabei 61 teils mehrstündige Interviews.

Der Experte: "Ich würde es als sehr ambitioniertes Projekt resümieren."

Fehler

Die Red-Bull-Verantwortlichen hätten nicht genau genug gewusst, worauf sie sich einließen, sagt Kainz. Weder in sportlicher noch in sozialer Hinsicht. Lokale Gegebenheiten wurden völlig übergangen: "Rund um die Akademie waren fünf kleine Dörfer, mit deren Chiefs man Kontakt aufnehmen und auch in Kontakt bleiben muss, wenn man dort Land erwirbt. Das hat Red Bull mit Sicherheit verabsäumt."

Zuvor in der Soccer School of Lavanttal gängige Gepflogenheiten wie das Ausbilden junger Spieler aus der Umgebung fielen mit der Übernahme weg, trotz des Ausbaus der Akademie blieben größere Investitionen in die Infrastruktur der Umgebung aus – zum Missmut der lokalen Bevölkerung.

foto: martin kainz
Die lokalen Ältesten und Chiefs haben in Ghana ebenso etwas zu sagen wie die staatliche Regierung. Red Bull tangierte das nicht ausreichend.
Servus TV ließ eine Dokumentation über Red Bull Ghana produzieren, Felix Adjei kam dabei prominent vor.

Fehlende Offenheit war nicht der einzige Geburtsfehler des Fuschler Afrikaprojekts. Afrikanische und europäische Angestellte hatten unterschiedliche Quartiere, es kam zu Streiks und Protesten von Mitarbeitern. Auch der sportliche Ertrag ließ auf sich warten. "Red Bull war viel zu wenig darauf bedacht, lokale Expertise einzubinden. Wenn man die nicht hat, wird es schwer, vor Ort zu reüssieren", sagt Kainz.

Die ghanaische Fußballwelt habe verschwommene Strukturen: "Über junge Spieler wird sehr früh die schützende Hand gehalten. Verschiedenste Personen profitieren auch finanziell – Verwandte, Turnlehrer, Sportfunktionäre. Da ist man schnell auch in einer moralischen Grauzone und die Frage – die ich nicht beantworten kann – ist, inwiefern sich Red Bull darauf eingelassen hat oder eben nicht."

Der Spieler: "Ich glaube, es ist die beste Akademie in Ghana."

Der Pionier

Bis zur Schließung schaffte es nur ein Spieler nach Liefering. Felix Adjei. "Ich glaube, es ist die beste Akademie in Ghana. Sie haben dort alles, was man braucht, ich habe viel gelernt", sagt er dem STANDARD. Aus dem Ghanaer sprudelt Dankbarkeit – oder Loyalität. Im Januar 2009 wechselte er nach Liefering: "Alle haben sich sehr gefreut, weil so lange niemand nach Europa gegangen war."

Adjei spielte fast 100 Mal für die Salzburger B-Mannschaft, einmal lief er in der Bundesliga auf, ehe er im Sommer 2015 keinen neuen Vertrag bekam. "Sie haben mir trotzdem angeboten, ein Trainer zu werden und alles für mich getan", schwärmt Adjei, er habe auch weiter mittrainieren dürfen. Nach einem halben Jahr Vereinslosigkeit unterschrieb er in Umea.

Grenzwertige Methoden

Schon der Weg in die Akademie war kein leichter. Gescoutete Spieler wurden medizinisch getestet, unter anderem per Handwurzelröntgen. Einerseits, um ihr echtes Alter festzustellen, erzählt Kainz. Andererseits: "Um die erwartbare Größe einschätzen zu können. Es gab ein gewisses Limit, wenn ein Spieler diese Größe nicht erreichte, war er nicht für die Akademie geeignet." Salzburg habe allerdings angestrebt, diese Technik zu ändern.

Hunderte kamen auch durch diese Prüfung, ihr Leben wurde auf das Ziel Europa ausgerichtet, in der Schule lernten sie Englisch und Deutsch statt Ghanaisch. Die Fächer matchten sich hinter Fußball, Fußball und Fußball bestenfalls um Priorität Nummer vier. "Wir machen hier kein Unicef-Projekt", zitiert Kainz einen internationalen Red-Bull-Manager in seiner Arbeit.

Das vollständige Interview mit Martin Kainz.

"Es kann ja nicht sein, dass wir seit Jahren viel Geld in die Akademien in Ghana und Brasilien stecken, und keiner dieser Spieler gehört in Salzburg zum Kader", kritisierte Ralf Rangnick im Frühjahr 2013 und plante, mehr Akademiespieler nach Europa zu holen. Im Juli 2013 wurde bekannt, dass die Akademie mit Jahresende geschlossen würde. Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft.

Kainz‘ Recherchen vor Ort beweisen: Es war kein glatter Schnitt. Der Posten des General Managers wurde ab Februar monatelang nicht nachbesetzt, die europäischen Mitarbeiter reisten schon vor der offiziellen Schließung ab.

Der Verantwortliche: "Die Schließung war die richtige Entscheidung."

Der damalige Director of Global Football Gerard Houllier nannte den Standort in einem Interview mit den Salzburger Nachrichten "nicht optimal", zudem seien "Fehler im Management gemacht" worden, die Schließung wäre "jedenfalls die richtige Entscheidung". Detail am Rande: Dieses Interview ist online nicht mehr auffindbar – anders als davor und danach zu Houllier publizierte Artikel.

Zwei und drei

Mit der Schließung wechselten Raphael Dwamena und David Atanga nach Liefering. Ersterer blühte vergangene Herbstsaison bei Austria Lustenau auf und spielt nun in der Schweiz beim FC Zürich, Atanga nach Leihengagements bei Heidenheim und Mattersburg nun bei Red Bull Salzburg.

Der größte Name, der je in Sogakope trainierte, schoss seine Bundesliga-Tore für die Austria: Larry Kayode. Der war 2010 nach zwei Akademie-Jahren zum ivorischen Profiklub ASEC Mimosas gewechselt. Salzburg hätte ihm als U18-Spieler von außerhalb der EU damals keinen Profivertrag geben dürfen, so rutschte er den Bullen durch die Finger – Stichwort moralische Grauzone.

Ein weiterer Akademieabgänger hat beachtlichen Erfolg: Patrick Twumasi schaffte es via Lettland zum kasachischen FC Astana und traf dort zweimal in der Champions League.

Die Absolventen von Red Bull Ghana, die nun im Ausland spielen.

Und dann war die Akademie wieder da. Schon im August 2014 wurde sie von Feyenoord Fetteh, der ghanaischen Akademie von Feyenoord Rotterdam, übernommen und heißt seither West African Football Academy. "Wafa" spielt in der ghanaischen Premier League um den Meistertitel, erfolgreicher als es Red Bull Ghana je war. Akademie-Auswahlen spielen bei internationalen Turnieren mit Salzburg-Konnex, im Sommer wechselte der 19-jährige Majeed Ashimeru zu Liefering.

Der Salzburg-Sportdirektor: "Wir haben mit der Wafa eine enge Zusammenarbeit."

Salzburg-Sportdirektor Christoph Freund ist für ein Interview zu den Verbindungen nicht zu haben, in einem Statement lässt er wissen: "Wir haben mit der Wafa – auch aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit – eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit."

Immer wieder fänden junge Spieler ihren Weg zum FC Red Bull, umgekehrt seien Betreuer regelmäßig in Salzburg zu Gast. "Wir kennen ihre Arbeit, sie kennen unsere – das macht die Zusammenarbeit deutlich einfacher."

In der Akademie sind Hochkaräter unterwegs, unter den jüngsten Absolventen sind ghanaische Teamspieler. Für den 16-jährigen Aminu Mohammed soll Manchester City im Sommer zwei Millionen geboten haben. Es wird wieder geträumt in Sogakope.

So wie damals, als Felix Adjei in den Flieger stieg: "Alles was ich wusste war, dass sie Fußball spielen und dass es kalt ist." Auch in Umea spielen sie Fußball, Drittligafußball. Im Winter hat es minus 20 Grad. (Martin Schauhuber, 17.10.2017)