Frankfurt: Houellebecq wollte nicht

    13. Oktober 2017, 19:01
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    Die Buchmesse gibt sich im Programm auch politisch: Die türkische Autorin Aslı Erdoğan und Kollegen geben Auskunft über die Lage in ihrer Heimat

    Nicht nur Bücher eröffnen Geschichten. Auch die Taschenkontrolle am Eingang zu den Messehallen vermag das in manchem Fall. Sie sollen ausführlicher sein als je zuvor. Ob sie notwendig sind? Soziale und politische Realität zieht sich auch durch die Tagesprogramme an Auftritten und Diskussionen.

    Fake-News wäre dabei ein Punkt, Meinungsfreiheit ein anderer. Ein quasi Stargast dazu heuer ist Aslı Erdoğan. Gleich bei mehreren Terminen gibt die türkische Autorin und Kritikerin etwa über die politische Lage in ihrer Heimat Auskunft. Zum Beispiel bei einer Diskussion unter anderem mit Can Dündar, dem mittlerweile in Berlin lebenden Ex-Chefredakteur der türkischen Tageszeitung "Cumhuriyet". Dündar schilderte die zermürbenden Verhältnisse in türkischen Gefängnissen und meinte, als Reaktion darauf müssten die Geschichten der inhaftierten Autoren weltweit erzählt werden.

    Überhaupt dürfe der Westen die Auflösung demokratischer und nichtreligiöser Strukturen in der Türkei nicht hinnehmen. Verglichen mit solchen Worten könne sie zurzeit nur flüstern, sagte Aslı Erdoğan. Denn noch immer läuft gegen sie in ihrer Heimat ein Verfahren, immerhin darf sie das Land wieder verlassen. Solidarität forderte aber auch sie.

    Deutsche Zoten

    Mehr Politik erwartet hatte man sich von Michel Houellebecqs Auftritt im Frankfurter Schauspiel. Dafür, Erwartungen zu durchkreuzen, kennt man ihn aber ohnehin. Statt von seinem Roman "Unterwerfung" ausgehend Islamisierung zu behandeln, wurde die Gesprächsrunde zu einer einstündigen One-Man-Show.

    In der wollte der französische Autor im obligatorischen grünen Parka und mit E-Zigarette partout über anderes reden. Etwa der deutschen Literatur mittels des erotischen Romans neue Impulse verleihen. Auf Youporn sei Deutschland ja bereits groß vertreten. Für Deutschland könne das eine ähnliche Marke werden wie lateinamerikanischer Realismus. Von Goethe ist, übrigens, ja auch manch Zote überliefert.

    Der Gattung Roman – er habe andere Textformen "kannibalisiert" – huldigte er denn auch ausführlich, auch Wissenschafter sollten ihn zwecks Vermittlung ihrer Inhalte nutzen. Houellebecq lobte auch die Wahl Emmanuel Macrons zum französischen Staatspräsidenten. Schlecht bestellt sei es hingegen um literarische Übersetzungen, derer gibt es ihm zu wenig, und um Europa. Wie solle ein politisches ohne kulturelles Europa existieren?

    Solidarität fehlt

    Beim Thema blieb dagegen ein Gespräch zu Fragen von Zusammenleben, Flucht und Migration. Österreich habe damals sehr viele Flüchtlinge aus Jugoslawien behalten und sei damit nicht schlecht gefahren, sagte der deutsche Zeithistoriker an der Uni Wien, Philipp Ther, mit Blick auf die jüngere Geschichte. Eben ist von ihm "Die Außenseiter – Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa" (Suhrkamp) erschienen. Eine Herausforderung für den Sozialstaat seien heute aber oft eigene Standards, die auch trotz mehr Inanspruchnehmern nicht nach unten nivelliert werden sollen. Flüchtlingsaufnahme habe historisch immer auf Solidarität beruht – religiöser, rationaler oder politischer. Im jetzigen Fall geht ihm solche ab.

    Ein Highlight der letzten beiden Messetage ist übrigens auch im mal weiteren, mal engeren Sinn politisch: Am Sonntag wird der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an die kanadische Autorin Margaret Atwood verliehen, die Laudatio hält die österreichische Autorenkollegin Eva Menasse. Im Vorjahr hatte die Publizistin Carolin Emcke den Preis erhalten. (Michael Wurmitzer aus Frankfurt, 13.10.2017)

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