Julya Rabinowich: Verweile nicht, du bist nicht schön

13. Oktober 2017, 17:00
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Das miese Benehmen ist offensichtlich Common Sense geworden

In Österreich geht eine Ära zu Ende. Jene Ära nämlich, von der man hätte sagen können, ein Wahlkampf wäre halbwegs mit jenen Zuständen konform gegangen, die man gemeinhin als menschenwürdig bezeichnen kann.

Die durchschnittlichen Wahlkämpfe bisher verliefen so: ein wenig Anbissigkeit, gut, etwas forsches Auftreten, okay, ein Schwupps aus dem Schmutzkübel – gerade noch zu ertragen.

Aber was seit langen Wochen über das Land hereinbricht, ist eine Schlammlawine, die sich zur Hokusai-Welle türmt und die nicht einen Stein auf dem anderen lassen wird. Wer immer gewinnt: Das Land hat jedenfalls im Vorhinein verloren.

Verloren die guten Umgangsformen, verloren das Vertrauen, verloren das Ansehen der Akteure.

Da wurde angezeigt und gegenangezeigt, da wurde beschattet, bedroht, gemeuchelt, verleumdet, SMS schlüpfrigsten Inhalts verschickt, spioniert, gelogen und bestochen. Da wurden schlimmste Antisemitencodes durchs Land gejagt, da wurde verharmlost und auf Sündenböcke eingedroschen, da wurde Schaum geschlagen und Jauche gekippt – da blieb kein Auge trocken.

Inmitten der Wahlkampfscherben werden nun manche am Montag die traurigen Reste ihres Vokabulars zusammenklauben. Und andere die verwesenden Reste ihres Weltbildes. Und das alles mit der Gewissheit, ja doch wieder mit dem ehemaligen Gegner kommunizieren zu müssen, um auf irgendeinem grünen Zweig zu kommen. Nie wieder kommunizieren geht nicht.

Andererseits: Eigentlich können Politiker, deren Berater und Fußvolk erleichtert aufatmen. Sie sind nicht allein. Das miese Benehmen ist so offensichtlich Common Sense geworden, dass nicht einmal mehr intellektuelle Kultursendungen davon ausgenommen sind und auch Nobelpreisträger von der Verbalsau gerempelt werden: On air und ohne mit der Wimper zu zucken erklärte Dirk Schümer in einer Literatursendung, Elfriede Jelinek und Günther Grass seien Idioten. Argumente: keine. Dennis Scheck hörte ungerührt zu. (Julya Rabinowich, 13.10.2017)

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