"Die 39 Stufen": So lustig wie das Suspense-Kino sind sie schon lange

    Video13. Oktober 2017, 16:41
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    Alfred-Hitchcock-Adaption in den Kammerspielen des Wiener Josefstadt-Theaters

    Wien – Die Antwort auf die Frage nach der Bedeutung von Alfred Hitchcocks Die 39 Stufen scheint recht eindeutig: Es gibt sie nicht, trotz Andeutung eines gleichnamigen Spionagerings. Was vorliegt, ist ein wahres Schmuckstück von Film aus dem Jahr 1935. Ein Mann namens Hannay wird von einer Migrantin heimgesucht. Der Dame wird nachgestellt. Prompt kommt sie gewaltsam ums Leben. Ihr Gastgeber wähnt sich daraufhin verfolgt und reist von London nach Schottland, um eine Verschwörung aufzudecken, die nie glaubhaft in Erscheinung tritt.

    foto: rita newman
    B. Pfeifer, A. Pschill, M. Kofler, R. Brauer-Kvam (v. li.).

    Einzig das sich überstürzende Tempo des Films hält den verworrenen Plot am Laufen. Hier, an diesem heiklen technischen Punkt, fühlt das bürgerliche Lach- und Krachtheater sich in seiner Ehre unsittlich berührt. So rasant, schlüpfrig und dabei so situationselastisch komisch wie Hitchcock erzählt man in den Kammerspielen des Wiener Josefstadt-Theaters schon lange!

    Und was soll man sagen: Regisseur Werner Sobotka und sein unfassbar bewegliches Schauspielerquartett behalten einigermaßen recht. Alexander Pschill (als Hannay) und Ruth Brauer-Kvam (in allen relevanten Damenrollen) bilden den komödiantischen Kern dieser Verfolgungsjagd auf unbekannt.

    josefstadttheater
    "Die 39 Stufen" in den Kammerspielen der Josefstadt.

    Pschill kollaboriert auf geradezu unanständige Weise mit dem Publikum. Sein rollendes Augenspiel erinnert nachdrücklich an die Kinder- und Jugendzeit des Tonfilms. Pschill gibt sehr sympathisch den Abenteurer aus dem Geist des Klassendünkels. Er muss die Kunst der Verstellung praktizieren und, ganz entscheidend im Vereinigten Königreich: Er darf unter keinen Umständen die Fassung verlieren.

    Brauer-Kvam brilliert zunächst als exilrussische Exotin: ein erotischer Druckkochtopf. Später markiert sie laut Theaterdrehbuch (von Patrick Barlow) das patente Mädchen, an dessen Seite man liebend gerne durch Schottlands unwirtliches Hochland stiefelt und an das man sich mit Handschellen kettet. Das Hitchcock-Blond steuert die Perückenmacherinnung bei.

    Gruß aus der Fabrik

    Geradezu diebisch freut man sich über Boris Pfeifer und Markus Kofler, die als Statisten in Sekundenschnelle den Tonfall, die Bevölkerungsgruppe oder die sexuelle Orientierung wechseln. Die Kulissen und Requisiten? Sind ein Gruß aus der Sperrholzfabrik (Ausstattung: Karl Fehringer, Judith Leikauf). Dieser Abend? Ist das perfekte postkinematografische Lachangebot. Man kann es getrost nutzen. (Ronald Pohl, 13.10.2017)

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