Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit: Haus als mentales Kraftwerk

    Ansichtssache15. Oktober 2017, 15:00
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    Vor kurzem wurde der Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit vergeben. Die fünf ausgezeichneten Projekte beweisen, dass die Symbiose von Baukultur und sozialen, technischen sowie ökologischen Überlegungen immer selbstverständlicher wird.

    foto: kurt hörbst

    Angefangen hat alles mit der Suche nach neuen, größeren Räumlichkeiten fürs eigene Architekturbüro. Doch dann stieß der Salzburger Architekt Simon Speigner durch Zufall auf ein stillgelegtes Sägewerk am Ortsrand von Thalgau, für das schon seit den 1980er-Jahren eine Bewilligung zur Errichtung eines Kleinwasserkraftwerks bestand. Und so entwickelte sich das Immobilienprojekt zu einem interdisziplinären, umfassenden Energiecluster mit Bürohaus, Turbinenhaus und angrenzender Fischtreppe.

    "Hätte ich inseriert, dass ich ein Grundstück suche, auf dem man neben einem Bürohaus auch ein Kraftwerk errichten darf, wäre die Suche gewiss erfolglos geblieben", sagt Speigner (SPS Architekten). "Aber so fügte sich das eine zum anderen, und ich konnte das Projekt in Personalunion als Investor, Architekt und Nutzer realisieren." Entwickelt und errichtet wurde das Projekt mit Fördermitteln im Rahmen des Programms "Haus der Zukunft Plus".

    Hinter der schlichten Lärchenschindelfassade verbirgt sich ein warmes, wohnliches Arbeitsrefugium mit handelsüblichen OSB-Platten, innenliegenden Lehmputzwänden und baulich integrierter Wandheizung. Durch das eigene Wasserkraftwerk, das die nötige Energie für Heizung, Warmwasser und Elektroautos bereitstellt, und die ins Dach eingebettete Photovoltaikanlage erreicht das Haus Plusenergie-Standard. Der überschüssige Strom wird ins öffentliche Netz gespeist.

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    foto: kurt hörbst

    Letzte Woche wurde das dreigeschossige Experimentallabor namens oh456 (im Bild) – als eines von insgesamt fünf Projekten – mit dem Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Auslober des Preises, der heuer bereits zum fünften Mal vergeben wurde, ist das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (BMLFUW).

    "Der biennal vergebene Preis richtet sich an gesamtheitlich geplante Bauwerke, die sich sowohl durch hochwertige Architektur als auch durch soziale, funktionale und vor allem ökologische Nachhaltigkeit auszeichnen", sagt der Juryvorsitzende Roland Gnaiger, Professor an der Kunstuniversität Linz, im Gespräch mit dem Standard. "Der Fokus liegt auf der Symbiose von Baukultur und Technik. Es braucht die höchste Zustimmung von beiden Seiten."

    Unter den 76 Einreichungen finden sich Projekte aus ganz Österreich, wobei Wien, Tirol und Vorarlberg deutlich dominieren. Zum Teil schlägt sich die geografische Verteilung auch in den fünf Preisträgern nieder: Neben dem Bürohaus oh456 in Thalgau sind dies das Obdachlosenwohnheim Neunerhaus in Wien-Landstraße (Pool Architektur), die Sanierung des Gemeindeamts Zwischenwasser (Hein Architekten), die Erweiterung der Volksschule Edlach in Dornbirn (Dietrich Untertrifaller Architekten) sowie das Kultur- und Veranstaltungszentrum Montforthaus in Feldkirch aus der Feder des Berliner Büros Hascher Jehle und der Bludenzer Mitiska Wäger Architekten. Letztere drei Preisträger stammen allesamt aus dem Ländle.

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    foto: kurt hörbst

    Das für Vorarlberger Verhältnisse ungewöhnlich futuristische, organisch geschwungene Montforthaus vor den Toren der Feldkircher Altstadt besticht nicht nur in funktionaler und städtebaulicher Hinsicht, sondern überzeugte die sechsköpfige Jury vor allem durch seine inneren – weil haustechnischen – Werte. Das umfassende Nachhaltigkeitskonzept beinhaltet ein dichtes Paket an energie- und ressourcenschonenden Maßnahmen, ein eigenes Produkt- und Chemikalienmanagement sowie eine konsequente Abwärme- und Energierückgewinnung. So wird beispielsweise die Bremsenergie der Aufzüge in elektrische Energie umgewandelt und ins hauseigene Stromnetz gespeist.

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    foto: kurt hörbst

    Auch bei der Sanierung des Gemeindeamts Zwischenwasser spielten ökologische Überlegungen eine große Rolle: Die Energieversorgung kommt vom gemeindeeigenen Biomasseheizkraftwerk sowie von der Photovoltaikanlage auf dem Dach des benachbarten Kindergartens. Statt eines herkömmlichen Wärmedämmverbundsystems wurde das Gebäude innen mit Calziumsilikatplatten und Lehmputz verkleidet. Die Summe der ergriffenen Maßnahmen bescherte dem Projekt bei der Zertifizierung nach dem Vorarlberger Kommunalgebäudeausweis 980 von 1000 möglichen Punkten – die beste Bewertung, die ein Gebäude je erzielt hat.

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    foto: kurt hörbst

    Auch die Erweiterung der Volksschule in Edlach in Dornbirn erreichte dank Fernwärme, kontrollierter Lüftung mit Wärmerückgewinnung und eigener Photovoltaikanlage, die 22 Prozent des Energiebedarfs der Schule abdeckt, eine sehr hohe Punkteanzahl. Die Anreize im Ländle jedenfalls sind groß: Seit 2011 gibt es in Vorarlberg für kommunale Projekte, die in den Kategorien Prozess- und Planungsqualität, Energie und Versorgung, Gesundheit und Komfort sowie Baustoffe und Konstruktion mindestens 600 von 1000 Punkten erreichen, erhöhte Bedarfszuweisungen vom Land. Je besser der Wert, desto höher der Prozentsatz der Förderung.

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    foto: kurt hörbst

    Nicht zu vernachlässigen sind zudem die sozialen Aspekte: Während sich die Volksschule (im Bild) durch den Verzicht von Klassen und die Anordnung von Lernclustern auszeichnet, "die förmlich nach Bildungsreform schreien", wie dies der Juryvorsitzende Roland Gnaiger formuliert, wartet das Neunerhaus in Wien mit insgesamt 73 Kleinstwohnungen auf, mit denen ehemalige Obdachlose wieder eine Starthilfe ins sogenannte normale Leben genießen können.

    "In den Anfangsjahren war es noch schwer, Projekte zu finden, die sowohl architektonisch als auch im Bereich der Nachhaltigkeit überzeugen konnten", sagt Robert Lechner, Jurymitglied und Leiter des Österreichischen Ökologie-Instituts. "In seiner fünften Auflage jedoch hat der Staatspreis deutlich an Reife und Glaubwürdigkeit dazugewonnen. Die Projekte werden immer vielschichtiger und komplexer und leisten einen ernst zu nehmenden Beitrag zu Energieeffizienz und Klimaschutz." Da solle noch jemand sagen, dass es einen Widerspruch zwischen Architektur und Ökologie gebe, so Lechner.

    Der Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ist das höchste Gütesiegel der Republik und versteht sich als Dokumentation von Innovationen und Ermutigung zur Nachahmung und Weiterentwicklung. Die Zeichen stehen gut. Mit den soeben veröffentlichten Baukulturellen Leitlinien 2017 bekennt sich der Bund zur Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität des Planens und Bauens in Österreich. (Wojciech Czaja, 15.10.2017)

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