"Good Morning, Boys and Girls": Chronologie des Versagens

    12. Oktober 2017, 19:30
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    Juli Zehs Stück feierte am Mittwoch im Kosmostheater Premiere: In der Abschiedsinszenierung von Intendantin Barbara Klein triumphiert die Farbsymbolik über einfache Antworten

    Wien – Jens plant einen Amoklauf. Seinen gewalttätigen Fantasien macht der 16-Jährige in Schulaufsätzen Luft. Die Lehrerin bemängelt die Rechtschreibung: "Aber du bist doch ein lieber Bub", keucht sie ungläubig, als er sie später mit der Benelli niederstreckt. "Heute nicht", erwidert Jens. Tief gekränkt von der eigenen Nichtswürdigkeit schreit er: "Ich bin nicht krank. Wenn einer krank ist, dann die Welt!"

    In Good morning, Boys and Girls stellt Juli Zeh die Frage nach der Schuld, wenn Kinder zu Mördern werden. Die Handlung des Stücks wechselt zwischen dem Amoklauf und Reflexionen der Eltern, einer Lehrerin und der Mitschülerin Susanne. Jens' Fantasie und die Realität verschwimmen zunehmend, man kann nur ahnen, was erdacht und was erlebt ist. Kunstblut fließt auf der weißen Bühne nicht. Kosmostheater-Intendantin Barbara Klein lässt in ihrer Abschiedsinszenierung die Figuren stattdessen Yoga-Choreografien tänzeln, während sie sich im Netzwerk der Schuld verstricken.

    Auch die Farbenlehre aus dem Kunstunterricht wird in Erinnerung gerufen. Die Mutter im grünen Trainingsanzug zerbricht an der Frage des Warum und befindet den Sohn als unschuldig, während ihn der "rote" Vater als Monster bezeichnet. Mischt man Komplementärfarben, heben sie einander auf. Jens fantasiert im grauen Leinenleibchen vom Massenmord. Eine maskierte Figur begleitet ihn beim Massaker mit der Handykamera.

    Giamo Röwekamp lässt als gewaltbereiter Sprössling überraschend schnell vergessen, dass der Schauspieler die Pubertät schon eine Weile hinter sich gelassen hat. Auch die ewige Diskussion um Ego-Shooter findet im Stück ihren Platz. Jens' Mitspieler aus dem Computerspiel Counter-Strike nennen ihn bezeichnenderweise "Cold". Ganz so einfach macht es Juli Zeh ihrem Publikum nicht. Als die Geschichte eine überraschende Wendung nimmt, wird dem Publikum selbst der Spiegel vorgehalten. (Eva Walisch, 13.10.2017)

    • Jens (li., Giamo Röwekamp) sieht sich durch seine eigene Nichtswürdigkeit veranlasst, Gewalt auszuüben. Der Maskierte fiilmt mit.
      foto: bettina frenzel

      Jens (li., Giamo Röwekamp) sieht sich durch seine eigene Nichtswürdigkeit veranlasst, Gewalt auszuüben. Der Maskierte fiilmt mit.

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