Ferdinand Hodler im Leopold-Museum: Triumph der Niederlage

    12. Oktober 2017, 18:22
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    Die Schau mit dem Untertitel "Wahlverwandtschaften von Klimt bis Schiele" verläuft sich in vielen unterschiedlichen Akzenten, überzeugt als klassisch-formale Rundum-Retrospektive und lässt stärkere gesellschaftspolitische Bezüge vermissen

    Wien – Hüte Dich vor dem Zorn der in ihrer Eitelkeit Verletzten! "Die letzte Hufbewegung eines alten Gaules ist gehaltvoller an Formenwert als das Getue dieser affektierten Dame", war am 8. Juli 1912 in der Wiener Sonn- und Montagszeitung über den Schweizer Maler Ferdinand Hodler (1853-1918) zu lesen. Wutschäumendes lanciert von Albin Egger-Lienz, verfasst von seinem Ghostwriter Otto Kunz und als Hodler-Streit in die Kunstgeschichte eingegangen.

    Der Osttiroler mit der eher braun-düsteren Palette und Atmosphäre war in der Dresdner Ausstellung zur neuen monumentalen Malerei, von der er sich so viel versprochen hatte, völlig untergegangen. Hodlers Freskostil hatte mit vereinfachenden Formen und großen Farbflächen in seinen Historienbildern, ja, den vor hellenden Hintergründen farbig leuchtenden Figuren, überzeugt. Letztlich ging auch die Attacke des beleidigten Egger-Lienz gegen den angeblich effektheischenden Konkurrenten nach hinten los.

    Denn Hodler war in Wien nicht zuletzt wegen des frenetischen Erfolgs 1904 bei der XIX. Ausstellung der Secession gut vernetzt – auch Bertha Zuckerkandl, die einflussreiche Salonnière, zählte zum sich solidarisch erklärenden Freundeskreis. "Man macht es mir in Wien so angenehm, so köstlich wie nur irgendwie möglich. [...] Große, große Fressen bei verschiedenen reichen Privaten fast fortwährend [...] Auch die Sezession hat mir eine Fête gemacht. Kurz, ich werde ganz nobel behandelt, im eigenen Land ist ja keiner Prophet, sagt man", schwärmte der 51-Jährige in einem Brief an Künstlerfreund Eduard Boss.

    Es ist etwa dieser Wien-Fokus, der die Retrospektive im Leopold-Museum, Ferdinand Hodler. Wahlverwandtschaften von Klimt bis Schiele, von jener unterscheidet, die aktuell in Bonn (bis 28. 1. 2018) ebenfalls etwa 100 Gemälde vom Maler der frühen Moderne zeigt. Dort blickt man eher auf Karrierestrategien des im Umgang mit Händlern, Kunstvereinen und Sammlern proaktiven Malers.

    Obszön in Paris

    Hodler hatte offensichtlich schon immer ein Händchen dafür, Niederlagen in Triumphe umzuwandeln. Beispielsweise beim Skandal um den weiblichen Rückenakt in Die Nacht (1889/90), jenem Hauptwerk der symbolistischen Werkphase, in dem es um die Todesangst verdrängende Kraft der Liebe geht. Der Genfer Bürgermeister ließ die "Obszönität" aus einer Schau entfernen, also stellte Hodler das Bild selbst aus, nahm Eintritt und hatte flugs die Mittel beisammen, um es 1891 in Paris vorzustellen.

    Trotz lokaler Spurensuche nimmt sich die Präsentation in erster Linie aber als klassische Retrospektive aus – was kein Fehler ist. Den Wahlverwandtschaften zu den drei Avantgarde-Meistern Gustav Klimt, Egon Schiele und Koloman Moser (alle wie Hodler 1918 gestorben) sind eher kurze Akzente in den Sälen gewidmet. Umfangreicher sind etwa die Kapitel der Bildnisse, die famos zeigen, wie Hodler allein über eine schiefe Haltung und Gesten der Stillsitzenden emotionale Tiefe vermitteln mochte; insbesondere seine Porträts alter, sinnierender Männer sind ergreifend schön.

    Und so lässt sich an den Landschaften – wenn auch nicht in unmittelbarer Saal-Nachbarschaft – wunderbar Hodlers moderne Meisterschaft und sein Markenzeichen des Parallelismus verfolgen: von vor Pathos triefenden touristischen Alpenveduten über zarte, impressionistische Bilder junger Bäumchen bis hin zum Loslösen von pittoresken Belanglosigkeiten in den Gebirgsmassiven rund um Thuner und Genfer See, die er obendrein im Sinne einer Monumentalität vermittelnden Symmetrie durchaus "passend" gemacht hat.

    Dass diese formalen Prinzipien einer philosophischen Auffassung folgten, nach der die natürliche Ordnung auf Wiederholung von Strukturen der Natur beruht (1), kommt in dieser Schau ebenso zu kurz, wie die Tatsache, dass Theosophie und Naturmystik Ausdruck einer Gegenkultur waren, die unter dem Schlagwort Lebensreformbewegung im Jugendstil den Symptomen des Frühkapitalismus etwas entgegenzusetzen suchte – etwa das Natürliche, das Glückliche und das Schöne. (Anne Katrin Feßler, 13.10.2017)


    (1) "Wir wissen und wir empfinden es alle in gewissen Momenten, dass das, was uns Menschen eint, stärker ist als das, was uns trennt. […] Das Kunstwerk wird eine neue Ordnung offenbaren die den Dingen innewohnt, und das wird sein: die Idee der Einheit." (Ferdinand Hodler)

    Leopold-Museum, bis 22. Jänner 2018

    • Fast schon abstraktes Streifenbild mit Wolken als ornamentalem Jugendstil- element: In "Genfersee mit Jura" (um 1908) gliedert Ferdinand Hodler Landschaft in parallele Strukturen.
      foto: aargauer kunsthaus, aarau / jörg müller

      Fast schon abstraktes Streifenbild mit Wolken als ornamentalem Jugendstil- element: In "Genfersee mit Jura" (um 1908) gliedert Ferdinand Hodler Landschaft in parallele Strukturen.

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