Weinstein-Skandal zieht immer weitere Kreise

    12. Oktober 2017, 16:12
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    Laut Schauspielerin Lea Seydoux wussten alle vom Verhalten des Produzenten, die Oscar-Akademie beruft eine Dringlichkeitssitzung ein

    Hollywood – Der Skandal um Harvey Weinstein zieht immer weitere Kreise – von Hollywood bis in die US-Justiz und Politik. Immer mehr Schauspielerinnen und Models melden sich mit Vorwürfen sexueller Belästigung zu Wort. Dabei kommt langsam jenseits der Einzelschicksale der größere Skandal zutage: Weinsteins Verhalten war offenbar jahrelang in der Branche und unter Mächtigen ein offenes Geheimnis.

    Die Vorgänge um den US-Produzenten seien nur die "Spitze des Eisbergs", sagte der Comedian und Regisseur Rob Schneider dem Promi-Magazin "TMZ". "Es gibt keine einzige Schauspielerin, die keine Geschichte hat." Er sei selbst in jüngeren Jahren von einem Regisseur sexuell belästigt worden.

    Der Branchenjournalist Alex Ben Block, über zehn Jahre Mitglied der Chefredaktion des Fachblatts "The Hollywood Reporter", sagte, "viele Leute haben gute Gründe, nicht darüber zu sprechen". Dass es nicht früher herausgekommen sei, liege daran, dass "die meisten Frauen" aus Weinsteins Umfeld befürchtet hätten, "dass es ihrer Karriere schadet, wenn sie an die Öffentlichkeit gehen".

    Viele hätten Angst gehabt

    Weinstein sei ein "Käufer", ein "Anwerber", dem niemand habe missfallen wollen, sagte Block. Viele hätten "Angst" gehabt. Es gebe in Hollywood viele "sehr gute Leute", aber auch "Schweinehunde" – "Menschen verfault bis ins Mark, die in dieser Welt erfolgreich sind, weil es eine Welt der Mörder ist".

    Die "New York Times" hatte zunächst berichtet, dass Weinstein Frauen wiederholt sexuell belästigt habe. Daraufhin wurde er am Wochenende von seinem eigenen Filmstudio entlassen. Am Dienstag berichtete das Magazin "New Yorker" über Vergewaltigungsvorwürfe von drei Frauen gegen den 65-jährigen. Weinsteins Frau Georgina Chapman gab ihre Trennung von dem Produzenten bekannt.

    Die Weinstein Company beharrte bisher darauf, nichts von den Vorfällen gewusst zu haben. Doch die "New York Times" berichtete unter Berufung auf einen Anwalt Weinsteins, dass es außergerichtliche Einigungen mit drei oder vier Frauen gegeben habe, damit diese über die Vorfälle Stillschweigen bewahrten.

    Nach einer Reihe von anderen Prominenten schilderte zuletzt Model und Schauspielerin Cara Delevingne am Mittwoch, dass Weinstein sie in einem Hotelzimmer aufgefordert habe, eine anwesende Frau zu küssen. Die 25-jährige Britin erklärte, dies habe sie abgewendet, indem sie angeboten habe etwas vorzusingen. Bei der Verabschiedung brachte er "mich zur Tür und stellte sich davor und versuchte, mir auf den Mund zu küssen".

    "Es ist unglaublich, dass er sich jahrzehntelang so verhalten konnte"

    Auch die französische Schauspielerin Lea Seydoux warf Weinstein vor, sie sexuell bedrängt zu haben. Seydoux, 2013 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, sagte der Zeitung "The Guardian", "alle" in Hollywood hätten von Weinsteins Verhalten gewusst. "Das ist das Widerlichste daran", sagte sie. "Es ist unglaublich, dass er sich jahrzehntelang so verhalten konnte und trotzdem seine Karriere machte."

    Missbrauchsklagen des Models Ambra Battilana Gutierrez bringen auch die Justiz in Erklärungsnot. Gutierrez ging mit ihren Vorwürfen 2015 zur Polizei. Diese habe sie verkabelt zu einem weiteren Treffen mit Weinstein geschickt, berichtete "The New Yorker". Die Tonaufnahmen belegten, wieWeinstein sich dafür entschuldige, Gutierrez' Brust begrapscht zu haben, und wie er sie zu einem Hotelbesuch dränge.

    Doch der zuständige Staatsanwalt Cyrus Vance sah von einer Strafverfolgung ab – angeblich mangels Beweisen, wie er am Mittwoch vor Journalisten sagte. Kritiker fragen sich außerdem, weshalb Ex-Präsident Barack Obama und Ex-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton so lange zu den Vorwürfen gegen ihren Freund und großzügigen Parteispender Weinstein geschwiegen haben.

    Oscar-Akademie berät über Ausschluss

    Die Leitung des Filmfestivals von Cannes und die Oscar-Akademie zeigten sich angewidert angesichts der Vorwürfe. Die Akademie will am Samstag in einer Dringlichkeitssitzung über den Ausschluss von Filmproduzent Harvey Weinstein wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe beraten. Das beschriebene Verhalten Weinsteins sei "widerlich, abscheulich und gegensätzlich zu den hohen Standards der Akademie und der kreativen Gemeinschaft, für die sie steht", zitierte der "Hollywood Reporter" die Academy.

    Weinstein ist seit mehr als 20 Jahren Mitglied des mächtigsten Verbands der US-Filmindustrie. Seine mit den Miramax-Studios und der Weinstein Company produzierten Filme wurden von der Academy mit insgesamt 81 Oscars ausgezeichnet. Fünf davon gewannen den Oscar als bester Film, für "Shakespeare in Love" gewann Weinstein persönlich den Oscar als bester Produzent. Der US-Frauenverband NOW rief dazu auf, Weinstein die Mitgliedschaft zu entziehen.

    Am Mittwoch hatte bereits der britische Filmverband BAFTA Weinsteins Mitgliedschaft ausgesetzt. Das Filmfestival Cannes, wo Weinstein seit Jahren zu den bekanntesten Gästen zählt, zeigte sich in einer Mitteilung "bestürzt" über die Vorwürfe.

    Die "New York Times" berichtete unterdessen, dass Mitarbeiter der von Weinstein mitgegründeten Produktionsfirma seit mindestens zwei Jahren von den Vorwürfen gegen den Produzenten wussten. Der Vorstand sei über Einigungen mit drei oder vier Frauen informiert worden, sagte Anwalt David Boies der "New York Times" (Donnerstag) zufolge – er vertrat Weinstein im Jahr 2015. Das Unternehmen hatte die Vorwürfe erst als "totale Überraschung" bezeichnet. (APA/dpa, 12.10.2017)

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