Messe-Tagebuch: Infotainment aus Holz und Plastik

    11. Oktober 2017, 17:41
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    "Content" verbindet in Frankfurt Bücherfreunde und Techniknerds

    Nicht wiederzuerkennen ist das Areal: Alle sind rechtzeitig fertig geworden. In den vier Buchmessehallen herrschten bis Dienstagabend noch rege Aufbauarbeiten. Nun ist die Schutzfolie weichem Flor gewichen, und die Wände sind voll. Die Platzhirsche haben sich die besten Plätze an den Halleneingängen oder in den Mittelachsen gesichert, zehn der kleineren Kojen fänden in jedem dieser Stände Platz. Drei Shortlisttitel allein des diesjährigen Buchpreises lachen aus den Suhrkamp-Regalen. Das Personal darf mitlächeln.

    Zwei Kojenzeilen weiter steht man vor der österreichischen IG Autorinnen Autoren (www.literadio.org überträgt live die hier geführten Gespräche) und dem Österreichstand. Diesen eröffnete am Mittwoch stellvertretend für Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) der Chef der Sektion Kunst und Kultur, Jürgen Meindl. Viele heimische Betriebe im Literaturbereich seien mittelgroß oder klein, das mache es ihnen international nicht leichter. Man wolle Rahmenbedingungen schaffen.

    Betrieben wird der Gemeinschaftsstand u. a. von der Wirtschaftskammer. Ein neuer Schulbuchvertrag wird mit der nächsten Regierung auszuverhandeln sein, blickte der Obmann für den WKO-Fachverband Buch- und Medienwirtschaft, Friedrich Hinterschweiger, in die Zukunft. 75 Prozent der Schüler würden geprintete Lehrbücher (mit digitalem Zusatz) wollen, "das sollte der gesamten Branche Mut machen". 20 verschiedene Umsatzsteuersätze auf Bücher in der EU seien "ein Wahnsinn", auch müsse es eine Angleichung des E-Book-Steuersatzes (20 Prozent) an jenen fürs Printbuch (zehn Prozent) geben. Das Urheberrecht sei eine "Säule der Demokratie und Meinungsfreiheit", auch da sei die EU gefordert und die WKO dahinter.

    Krimipreis an Thomas Raab

    Als Gewinner des erstmals vergebenen Österreichischen Krimipreises wurde am Mittwoch Autor Thomas Raab bekannt gegeben. Dessen Presseagent und als Literaturagent tätige Günther Wildner kennt die von Meindl bechriebenen Mühen des kleinen Players ebenfalls. Es könne ein Jahr dauern, ein Debüt bei einem Verlag unterzubringen. Wenn es überhaupt gelingt. Besonders bei den "Majors", also den großen Häusern, hätten Debüts nicht Priorität, die setzten oft lieber auf Lizenzen von in anderen Sprachen bereits erfolgreichen Autoren.

    Seit 2016 neu in Frankfurt ist die Schiene The Arts+ mit 150 Rednern aus Kultur, Technologie und dem Kreativsektor. Arbeitssprache ist natürlich Englisch. Es unterhielten sich zum Auftakt unter anderem der Museumsmann und neue Volksbühnenchef Chris Dercon sowie der Medienkünstler- und -theoretiker Peter Weibel über digitale Möglichkeiten und Strategien für Museen und Kulturinstitutionen. Warum?

    Buchmesse sei ein lustiges Wort, da dächten alle an Regalreihen, meinte Arts+-Gründer Holger Volland. Dabei gehe es bei Buchmessen mindestens ebenso um den Handel von Lizenzen etc. Diese Bereitstellung von "Content" verbinde die Buch- mit anderen Kreativ- und Technologiewirtschaften. Also gibt es auch einen Stand, der ein "Foodlab" bezüglich der Nahrung der Zukunft vorstellt oder das Prinzip Microfactory zur dezentralen Produktion von Gütern. Das passt wiederum gut zum weiterhin florierenden Trend der Self-Publisher. An einem aufs Wesentliche, nämlich Touchscreens, reduzierten Stand schlägt die App Google Arts & Culture täglich "kulturelle Meisterwerke" aus aller Welt am Handy vor.

    Frankreichs Ehrenhalle

    Wie die Faust aufs Auge reiht sich daran die Antiquariatsmesse. Eine Buchdruckmaschine à la Johannes Gutenberg gar steht im französischen Gastlandareal. Zusätzlich zur üppigen Fläche in den internationalen Ausstellerhallen richtet sich Frankreich mit aus Holzlatten licht gezimmerten Bücherregalen eine eigene kleine Ehrenhalle ein. Mit Platten und Farbwalzen – allerdings nicht mit beweglichen Lettern, für die Gutenberg ab 1450 berühmt wurde – werden auf dem Vervielfältigungsgerät von der Wende zur Neuzeit Auszüge aus aktuellen Romanen zu Infotainmentzwecken schaugedruckt. "Oh" und "Ah". Der Kulturaustausch scheint zu funktionieren: Während eines Podiumsgesprächs auf Französisch fällt der Name Thomas Bernhard. (Michael Wurmitzer aus Frankfurt, 12.10.2017)

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