Forschung durch Fälschung

Kolumne11. Oktober 2017, 15:59
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Puller und Silberstein produzierten weit über den Social-Media-Bereich hinausgehende Fälschungen, mit denen sie die tiefsten Abgründe heimischer Politik erforschen wollten

Selten war die Tröstung "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende" so zutreffend wie in diesem Wahlkampf. Hatten die Enthüllungen über die Machenschaften Tal Silbersteins zunächst einen Schock ausgelöst, so zeigt sich nun, dass sie vieles im Nachhinein zumindest nachvollziehbar erscheinen lassen, was uns auf den ersten Blick nur fassungslos gemacht hat. Wir verdanken diese Einsicht dem PR-Berater Peter Puller, der die von ihm im Auftrag Silbersteins gestalteten Schmutzkübelkampagnen als "professionelles Marktforschungsprojekt" beschreibt.

Erstes Ergebnis dieses Forschungsprojekts ist eine aus der "Wir für Sebastian Kurz"-Facebook-Seite resultierende Erkenntnis: Man kann jemanden zu schaden versuchen, indem man ihn scheinbar unterstützt. Das überrascht nicht wirklich, wenn man bedenkt, wie oft schon der Verdacht aufkam, dass die Familie Putz von Ikea bezahlt, der und die Billa-Hausverstand von Spar gedungen, Fälbl und De Luca von der Westbahn eingeschleust und der Schärdinand von einem Syndikat ausländischer Käsemacher ferngesteuert wurde.

Doch Puller und Silberstein ging es um mehr. Sie produzierten auch noch weit über den Social-Media-Bereich hinausgehende Fälschungen, mit denen sie die tiefsten Abgründe heimischer Politik erforschen wollten. Am deutlichsten manifestierte sich diese Absicht in ihrer Kreation der Figur "Alfred Gusenbauer", einer zu viel Fleisch gewordenen Verkörperung aller Symptome des moralischen Niedergangs der Sozialdemokratie. Die reale Existenz "Gusenbauers" wurde der Öffentlichkeit erfolgreich vorgetäuscht, was wiederum viel über den bedauernswerten Zustand der SPÖ aussagt.

Aber auch anderen Parteien wurde auf diese Art ein Spiegel vors Gesicht gehalten. Bei der ÖVP gelang das mithilfe der in ihrer machtversessenen Verschlagenheit so ziemlich alle charakterlichen Defekte der Partei in sich vereinenden Kunstfigur "Wolfgang Sobotka". Diese wurde noch dazu als möglicher Finanzminister ins Spiel gebracht, was angesichts der zu ihr erfundenen Biografie wirkt, als würde man den Betreibern Fukushimas das Umweltministerium überlassen, trotzdem aber von den meisten geglaubt wurde.

Den Grünen wurde ihr schleichender Abstieg über die Stationen Nettigkeit – Belanglosigkeit – Peinlichkeit anhand eines fiktiven "Julian Schmid" schonungslos vor Augen geführt, während der wunde Punkt der FPÖ durch die Erfindung gleich mehrerer Fake-Personen ("Harald Vilimsky", "Robert Lugar", "Johann Gudenus") bloßgelegt wurde, indem diese als mögliche Minister genannt und H.-C. Strache auf gefälschten Plakaten mit dem Wort "Denker" präsentiert wurde, was den gleichen Effekt hat, als würde man Bernie Madoff mit "Idealist" bewerben.

Dass alle Medien auf diese Schwindeleien hereinfielen, erscheint verblüffend, aber nicht unerklärlich, wenn man erfährt, dass Silberstein und Puller die perfideste Fälschung im Dienste der Marktforschung just im heimischen Mediensektor gelang. Mit der von ihnen erdachten käuflichen Gratiszeitung "Österreich" erbrachten sie den Beweis, dass sich hierzulande das Genre "Boulevard" auch als "Straßenstrich" interpretieren lässt. (Florian Scheuba, 11.10.2017)

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