Einmalig: Mit drei Bodenradargeräten am Feld – und die Zeit im Nacken

Blog12. Oktober 2017, 08:00
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Warum ein wassergesättigter Boden die Prospektion im norwegischen Borre erschwert

Anfang September, während draußen noch angenehme Temperaturen herrschen, bin ich wie jedes Jahr auf der Suche nach Handschuhen, Haube und dicker Winterjacke, denn es geht auf Prospektion nach Norwegen. Ziel ist das County Vestfold, das sich circa 100 Kilometer südlich der Hauptstadt an den westlichen Rand des Oslofjords schmiegt.

In Vestfold liegen mit Oseberg, Gokstad, Kaupang und Borre einige der wichtigsten eisen- und wikingerzeitlichen Fundstellen Norwegens. Seit 2010 hat das Ludwig-Boltzmann-Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie zusammen mit seinen Partnern, dem Norwegian Institute for Cultural Heritage Research (Niku) und dem Vestfold County Council, diese archäologischen Landschaften mittels großflächiger geophysikalischer Prospektion untersucht, worüber ich im Archäologieblog schon mehrmals berichtet habe.

Anreise im Gespann

Die diesjährige Kampagne ist auf dreieinhalb Wochen angesetzt und konzentriert sich vor allem auf Messungen mit dem Bodenradar; wir nehmen aber auch ein motorisiertes Magnetometer mit auf die 2.000 Kilometer lange Reise nach Norwegen. Den Transport übernehmen wir selbst und fahren im Gespann mit zwei Bussen und zwei Anhängern von Wien aus über Prag und Berlin nach Rostock. Für die 800 Kilometer benötigen wir etwas mehr als elf Stunden – mit Anhängern sind wir auf der Autobahn auf 80 km/h beschränkt.

In Rostock schiffen wir uns abends ein und wachen am nächsten Morgen um fünf Uhr mehr oder weniger frisch im schwedischen Trelleborg auf, von wo aus es über Göteborg weiter Richtung Norwegen geht. Kurz vor der Grenze beschließen wir, das schöne Wetter auszunützen und einen Abstecher zur eisenzeitlichen Fundstelle Blomsholm zu machen, die neben einigen Grabhügeln auch eine aus 49 Steinen bestehende Schiffssetzung beherbergt; mit einer Länge von 42 Metern eines der größten Monumente dieses Typs.

Nachdem wir an der Grenze die Zollformalitäten erledigt haben und mit unseren wissenschaftlichen Messgeräten nach Norwegen einreisen dürfen, nehmen wir in Moss ein letztes Mal die Fähre; diesmal, um den Oslofjord von Ost nach West zu queren. Nach insgesamt zwei Tagen Fahrt erreichen wir unser Ziel: ein kleines weißes Holzhaus im malerischen Åsgårdstrand.

Prospektion in Borre

Die nächsten Tage richten wir uns nicht nur im Haus ein; auch die Messinstrumente und Zugfahrzeuge werden zusammengebaut und nochmals getestet. Das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten, darunter die zentimetergenaue Positionierung mittels eines Real Time Kinematic Global Positioning System (RTK GPS), die Stromversorgung, die Zugfahrzeuge sowie die für die eigentliche Messung verantwortlichen Sensoren beziehungsweise Antennen, ist komplex und darum fehleranfällig. Da wir aber vor allem unsere Bodenradargeräte selbst zusammengebaut haben, sind wir vertraut mit Positionierungsausfällen und wissen, was zu tun ist, wenn die Antennen plötzlich verrückt spielen.

Wir beginnen die Prospektion in Borre, bekannt vor allem durch seine Ansammlung von monumentalen Grabhügeln der späten Eisenzeit. Auf einem der Felder, das wir bereits mehrfach prospektiert haben und von dem wir wissen, dass es zumindest drei wikingerzeitliche Hallen beinhaltet, führen wir eine erneute Messung durch – diesmal mit einer sehr hohen räumlichen Auflösung.

Warum noch eine Messung? Von der Existenz der Hallen wissen wir ja bereits. Archäologische Prospektion wird jedoch nicht nur zum Auffinden archäologischer Strukturen verwendet, sondern dient mittlerweile auch als noninvasive Untersuchung. Das bedeutet, dass wir mittels geophysikalischer Messung und anschließender Datenanalyse so viel wie möglich über die im Boden verborgenen Strukturen herausfinden wollen, ohne zu graben und dabei zu zerstören.

Mit drei Messgeräten am Feld

Bevor wir unser Vorhaben in die Tat umsetzen können, gilt es jedoch, den Bauern, der die Felder, auf denen unsere Messflächen liegen, gepachtet hat, davon zu überzeugen, dass unsere Messgeräte keine Ausfälle bei der nächsten Ernte verursachen. Es dauert mehrere Tage, bis wir die Genehmigung endlich erhalten.

Der Haken dabei: Nur zwei Tage haben wir Zeit für eine Fläche von circa 18 Hektar. Das ist nur mithilfe unserer norwegischen Kollegen zu schaffen, die zwei weitere Malå-Mira-Messsysteme beisteuern. Für kurze Zeit fahren also drei motorisierte Bodenradargeräte zeitgleich in Borre: Für archäologische Zwecke ist das weltweit einmalig.

Dabei sitzt uns nicht nur das Zeitfenster des Bauern im Nacken; auch der Wetterbericht verheißt nichts Gutes: Ein Tiefdruckgebiet wird den Süden Norwegens erreichen und gewaltige Regenmengen mitbringen. Für einen Großteil der norwegischen Küsten gelten Flut- und Sturmwarnungen.

Problem: Wassergesättigter Untergrund

Abgesehen von der Gefahr, die von einer Unwetterwarnung ausgeht, sind größere Regenmengen in Norwegen für unsere Messungen generell eine Herausforderung, da der Untergrund durch Ablagerungsprozesse während und nach der letzten Eiszeit zumeist von Staunässeböden geprägt ist. Das bedeutet, dass Niederschlag von einer sogenannten Stauzone temporär daran gehindert wird abzufließen und der Untergrund nach Regenfällen regelmäßig wassergesättigt ist.

Das führt einerseits dazu, dass unsere immerhin 1,5 Tonnen schweren Bodenradargeräte einfach stecken bleiben, was immer wieder abenteuerliche Abschleppaktionen zur Folge hat. Zum anderen ist der Wassergehalt im Boden ein wichtiger Faktor für den Kontrast zwischen archäologischen Strukturen und dem sie umgebenden, sterilen Material. Untergrund, der komplett wassergesättigt ist, bietet denkbar schlechte Voraussetzungen für die Sichtbarkeit dessen, was wir eigentlich suchen.

Wettlauf mit der Zeit

Doch zurück zu Borre: Der kurzfristige Ausfall eines Messgeräts lässt das Unternehmen zu einem Wettlauf mit der Zeit und gegen die vorhergesagten Regenfälle werden. Der parallele Einsatz der drei Bodenradargeräte zahlt sich schlussendlich aus, und als in Åsgårdstrand die ersten Regentropfen an die Fensterscheiben schlagen, sitzen wir bereits im wohlig warmen Haus vor den Rechnern und sichten die neuen Daten. Obwohl die Qualität der Daten durch gezielte Prozessierung und Filterung noch erheblich steigen wird, zeigt sich bereits jetzt, dass die Messung ein Erfolg war. Alle drei Hallen zeigen sich in nie dagewesener Detailliertheit, die es ermöglicht, neue und bisher unbekannte Einzelheiten zu erkennen. Darüber hinaus sehen wir aber auch bisher vollkommen unbekannte archäologische Strukturen, die das Potenzial haben, die Interpretation von Borre deutlich zu verschieben. Genaueres wird die Datenanalyse der nächsten Wochen und Monate zeigen, und ich werde darüber an dieser Stelle berichten. (Petra Schneidhofer, 12.10.2017)

Petra Schneidhofer ist Geoarchäologin und arbeitet am Ludwig-Boltzmann-Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie in Wien. Sie beschäftigt sich mit Geomagnetik, Bodenradar, der Verwendung von Luftbild- und Satellitenaufnahmen sowie 3D-Visualisierungen.

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