Fall Weinstein: Ende der Kultur des Schweigens

    Analyse10. Oktober 2017, 18:10
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    Der Niedergang von Filmproduzent Harvey Weinstein könnte auf eine neue Kultur im Umgang mit sexuellen Übergriffen hinweisen: Statt auf außergerichtliche Einigungen zu setzen, geht man an die Öffentlichkeit – und die Machtverhältnisse direkt an

    Wien – Von einem "Dinosaurier" sprach die amerikanische Staranwältin Lisa Bloom noch kürzlich, als sie sich zu ihrem Klienten Harvey Weinstein äußern musste. Den 64 Jahre alten Filmproduzenten, der nun angesichts massiver Vorwürfe wegen sexueller Belästigung von allen Funktionen zurückgetreten ist, wollte sie damit zumindest ein bisschen aus der Schusslinie nehmen, denn von einem Dino kann niemand erwarten, dass er sich (schnell) ändert und die "new ways" lernt, die nun zu Weinsteins Sturz führten.

    Inzwischen ist Bloom selbst zurückgetreten. Sie will und kann ihren Klienten, für den sie noch vor kurzem einen Vergleich mit einer Frau verhandelt hatte, die von einem "toxischen Umfeld" in der Weinstein Company gesprochen hatte, nicht länger vertreten.

    Den "langen Weg", den Harvey Weinstein nach eigenem Bekunden nun vor sich hat, muss er mit der Hilfe seiner Familie und von Therapeuten gehen. Angesichts der aufsehenerregenden Entwicklung darf man sich vor allem die Frage stellen, warum die Angelegenheit gerade jetzt eskaliert. Denn die "New York Times", die mit einem Bericht die Sache losgetreten hat, schreibt ja von einer langen Reihe von außergerichtlichen Einigungen, die zum Teil zwanzig Jahre zurückliegen.

    Kultur der versuchten sexuellen Vorteilnahmen

    2015 kam in einem Fall in New York schon einmal die Polizei ins Spiel, aber damals gelang es auch wieder, ein "settlement" zu verhandeln, bevor Anklage erhoben wurde. Immerhin gab es damals schon Schlagzeilen. Nun aber liegt kein ganz aktueller Fall an, stattdessen hat die "Times" eine Vielzahl von Stimmen gesammelt, die regelrecht auf eine Kultur der versuchten sexuellen Vorteilnahme deuten.

    Interessanterweise verwendet Weinstein diesen Begriff "Kultur" auch selbst in dem Statement, in dem er sich mehr oder weniger für schuldig bekennt. "Ich wurde in den 60er- und 70er-Jahren groß", schreibt er da. "Damals waren die Regeln für das Verhalten und für den Umgang am Arbeitsplatz anders. Das war damals die Kultur." Die Formulierung ist zugleich offenherzig und bewusst vage.

    Denn Weinstein verknüpft hier implizit den positiv besetzten Begriff der sexuellen Revolution mit einem anderen Aspekt, der ungenannt bleibt, aber nicht minder deutlich ist: Bis vor relativ kurzer Zeit gab es nicht nur in den USA, aber vor allem dort, eine Kultur, die sexuelle Übergriffe von Männern zwar nicht sakrosankt machte, in der aber immer klar war, dass das Geld in der Regel stärker sein würde als die Ansprüche der Opfer auf angemessene Sanktion.

    Geld als Kompensation

    Bis zu einem gewissen Grad dient das Geld dabei auch als Kompensation bei Streitfragen, die gerichtlich nur sehr schwer zu allgemeiner Zufriedenheit lösbar sind, wie der Fall von Casey Affleck zeigt. Der Star wurde wegen Vorfällen bei der Produktion der Fake-Doku "I’m Still Here" verklagt. Die Vorwürfe waren detailliert, Affleck wies sie als "totale Fiktion" zurück. Die Sache wurde außergerichtlich beendet, hat aber noch den Oscar-Gewinn von Affleck für seine Rolle in "Manchester by the Sea" überschattet.

    Die Ambivalenz eines Missverhältnisses zwischen Macht, Geld, Wahrheit und Recht gilt nicht nur für Berühmtheiten aus der Filmbranche. "Der Spiegel" berichtete von einer außergerichtlichen Einigung, mit der sich der Fußballer Cristiano Ronaldo vor einem Vergewaltigungsvorwurf in Amerika zu schützen versuchte. Und auch die Affäre um Dominique Strauss-Kahn, in der ein Gerichtsverfahren relativ konkret im Raum stand, endete mit einem Vergleich und einer Zahlung an die aus Guinea stammende Zivilklägerin.

    Im Fall von Harvey Weinstein wird nun nicht nur eine ganze Reihe von "settlements" offenbar, sondern es wird auch wieder einmal deutlich, dass es eine ganze Industrie gibt, die mit der heiklen Balance der "power dynamics" beschäftigt war. Diese Dynamiken haben sich seit den Neunzigerjahren, als es im Zuge der politischen Korrektheit zunehmend auf eine strikte Formalisierung von "consent"-Protokollen hinauslief (gegen machistische Zusammenhänge wie Date-Rape- und Jock-Kulturen zum Beispiel an Universitäten), noch mehr verkompliziert.

    Zwiespältige Rolle vieler Beteiligter

    Die Anwältin Lisa Bloom ist dabei das beste Beispiel für die zwiespältige Rolle vieler Beteiligter. Sie hat eigentlich wesentlich dazu beigetragen, dass die weitgehende Straflosigkeit bei sexuellen Vergehen dieser Art zunehmend unter Druck geriet. So vertrat sie die Schauspielerin Janice Dickinson gegen den Komiker und Serienstar Bill Cosby, der in diesem Jahr in einem aufsehenerregenden Prozess mit weit in die Vergangenheit zurückreichenden Vorwürfen letztlich aus Verfahrensgründen nicht verurteilt wurde – der Prozess soll demnächst neu aufgenommen werden.

    Ebenfalls auf der Seite der Klägerinnen war Bloom in einen Prozess gegen Bill O’Reilly, einen Star des konservativen Fernsehsender Fox News, involviert. Fox verlor auch seinen Chairman Roger Ailes und einen Executive für den Bereich Sport wegen Vorwürfen in Sachen "harassment".

    Bei Harvey Weinstein stand Lisa Bloom aber auf der anderen Seite, und zwar auch deswegen, weil sie neben ihrer Tätigkeit als Anwältin ein zweites Interesse hatte: Die Weinstein Company wollte aus Blooms Buch "Suspicion Nation" eine Serie machen. Es geht darin um den Fall von Trayvon Martin, der von einem rassistischen weißen Amerikaner erschossen wurde – in einem Skandalprozess wurde der Täter freigesprochen.

    Kathartische Wirkung

    Dass Bloom nun nichts anderes übrig blieb, als Weinstein die Unterstützung als Anwältin zu kündigen, ist ein weiteres Indiz dafür, dass sich die Verhältnisse offensichtlich verändert haben. Die Causa Weinstein könnte nun, gerade weil sie so weitreichend ist und so tief in eine historisch gewachsene "Kultur" der Machtdynamiken führt, kathartische Wirkung haben. Darauf deuten jedenfalls zahlreiche Statements hin, mit denen Prominente den Fall kommentieren. Die Schauspielerin Ashley Judd, die selbst von einem Vorfall mit Weinstein in einem Hotel in Los Angeles im Jahr berichtet, sagte: "Frauen haben untereinander schon lange über Harvey gesprochen. Es war einfach überfällig, diese Gespräche öffentlich zu machen."

    Bessere juristische Instrumente sind zweifellos nötig, aber das entscheidende Stichwort in der ganzen Angelegenheit hat Weinstein selbst genannt. Es geht um eine Veränderung der Kultur, und das bedeutet für eine Filmbranche, die nach wie vor von Männern dominiert wird, dass sie Frauen verstärkt Karrierewege anbietet, die nicht von den traditionellen Machtdynamiken geprägt sind. Ein Mann wie Harvey Weinstein, ausgestattet mit der Reputation von Filmerfolgen wie "Pulp Fiction" oder "Shakespeare in Love", hatte wohl auch lange Zeit keinerlei Unrechtsempfinden bei dem, was er tat.

    Darauf deutet jedenfalls das Stichwort von "Dinosaurier" hin. Weinstein hat mit einem Schuldeingeständnis reagiert und sich damit moralisch in die Verantwortung genommen. Damit fällt er aber schon wieder einen Schritt hinter seine erste Intuition zurück. Es geht auch um Schuld und um Bezichtigung (und um deren so schwer zu ziehende Grenzen der Berechtigung), aber in erster Linie sollte es nun um eine neue neue Kultur gehen. Das Wort von Ashley Judd von dem "Gespräch", das Frauen untereinander geführt haben und nun öffentlich führen werden, deutet schon einmal in die richtige Richtung. (Bert Rebhandl, 10.10.2017)

    • Ende jener Ära, als man mit Kompensationen Schuld beglichen hat? Harvey Weinstein wurde von seiner Vergangenheit eingeholt.
      foto: e. laurent / apa

      Ende jener Ära, als man mit Kompensationen Schuld beglichen hat? Harvey Weinstein wurde von seiner Vergangenheit eingeholt.

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