Rafik Elouardi: Das Glutauge mit dem Staffelholz

    Video10. Oktober 2017, 09:02
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    Österreich ist nicht gerade für seine 4-mal-400-Meter-Staffeln bekannt. Vor zwanzig Jahren aber formierte sich in Wien eine Truppe, die zur Weltspitze aufschloss. Der gebürtige Marokkaner Rafik Elouardi war wichtiger Bestandteil, die WM-Medaille zum Greifen nah

    Wien – Rafik Elouardi zückt das Smartphone, um sein Gedächtnis aufzufrischen. Über Youtube lassen sich seine Läufe mit der österreichischen 4-mal-400-Meter-Staffel bei den Leichtathletik-Hallenweltmeisterschaften 1997 abrufen. Palais Omnisports in Paris, volles Haus, die ganz große Bühne. "Ich fürchte, dass das Alpenquartett keine Chance hat", sagt der deutsche Kommentator. "Ein Irrtum", kontert der 47-jährige Wiener zwei Jahrzehnte später.

    Startläufer Martin Lachkovics übergibt das Staffelholz als Letzter, Elouardi holt sich den Brasilianer, schnappt sich den Russen und zieht auch am US-Amerikaner vorbei. Mit Rang zwei fixieren die beiden weiteren Läufer Andreas Rechbauer und Thomas Griesser den Einzug ins Finale. Eine Riesenüberraschung. "Mir sind Flügel gewachsen, aber ordentlich", erinnert sich der ehemalige Leichtathlet. "Ein starkes Rennen von Elouardi", lobt der Kommentator. "Sicher kein gebürtiger Österreicher", ergänzt er nach kurzer Nachdenkpause.

    Der Reporter lag mit seiner Vermutung richtig, Elouardi wurde kurz zuvor eingebürgert. 1970 in Marokko als Sohn eines Diplomaten geboren, verbrachte er die ersten Kindheitsjahre in Deutschland und zog 1981 mit seiner Familie nach Wien. Dort besuchte der Bursche das Lycée Français de Vienne, sein sportliches Talent war nicht zu übersehen. "Eines Tages sind Trainer aus den USA an mich herangetreten und wollten mich mit einem Stipendium nach Florida lotsen." Der Schüler war begeistert, die Eltern weniger. "Ich habe sie angefleht, aber es war nichts zu machen."

    König vom Schotterteich

    Elouardi trainiert locker weiter und widmet sich nebenbei dem Schultheater. Als er von einem Casting für eine TV-Produktion hört, stellt er sich ohne große Erwartungen vor – und bekommt eine Hauptrolle zugeteilt. Kingstontown am Schotterteich, so der Name der sechsteiligen Serie, die im ZDF ausgestrahlt und am Wienerberg gedreht wurde. Dort wo heute Hochhäuser in die Luft ragen, sei damals "alles Pampa gewesen". Elouardi verkörperte Mario, den Sohn italienischer Einwanderer. "Die Leute haben mich in der Straßenbahn angesprochen, ich bekam einen schönen Batzen Fanpost."

    Blick zurück auf das Smartphone: das Pariser WM-Finale, sechs Nationen laufen um die Medaillen. Die USA, Jamaika, Frankreich, Russland, Japan und Österreich. "Ich konnte vor Nervosität kaum schlafen." Elouardi wird wieder als zweiter Läufer ins Rennen geschickt. "Wir wussten, dass es zu Rempeleien kommen könnte, ich sollte meine Erfahrungen als Rugbyspieler einbringen." Er übernimmt das Holz als Vierter, schickt sich kurz darauf an, den zweiten Platz anzugreifen. Die Marschroute stimmt, der Traum lebt. Doch dann passiert es. Der Kommentator ist außer sich: "Der Russe drückt den Japaner weg! Spinnt denn der? Das war eine Unverschämtheit, eine solche Frechheit!" Elouardi ist involviert, er verliert den Rhythmus, Österreich beendet das Rennen auf Rang fünf. Bitter: Die Zeit aus dem Vorlauf hätte für Bronze gereicht.

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    Die Hallen-WM 1997 in Paris: "Der Russe drückt den Japaner weg! Spinnt denn der?"
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    Die WM 1997 in Athen: "Das Glutauge, so sagen sie zu ihm in Österreich."

    Fünf Monate später läuft die österreichische Staffel unter freiem Himmel bei der Weltmeisterschaft in Athen. Der TV-Kommentator ist derselbe, nun aber besser informiert, Elouardi ist ihm durchaus ein Begriff: "Das Glutauge, so sagen sie zu ihm." Österreich verpasst das Finale der besten acht Nationen um einen Rang. Die Zeit von 3:02,95 Minuten ist noch immer nationaler Rekord. "Und der wird auch länger Bestand haben. Es ist in einem kleinen Land gar nicht so einfach, gleichzeitig vier schnelle Läufer hervorzubringen." Unter Trainer Peter Dürer war beim LCC Wien eine verschworene Gemeinschaft entstanden, bereit, an die Grenzen zu gehen. "Wir haben uns nach dem Training übergeben. Es war extrem, aber das hat uns gefallen."

    Heute arbeitet Elouardi für den Opec-Fonds für Internationale Entwicklung (Ofid). Die Organisation ist am Wiener Parkring angesiedelt. Sie wurde 1976 von den Mitgliedern der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) gegründet und arbeitet mit Entwicklungsländern zusammen, um diese sozial und wirtschaftlich zu fördern. "Wir finanzieren Großprojekte zu günstigen Konditionen", sagt Elouardi, während er durch die prunkvollen Räumlichkeiten des Palais Erzherzog Wilhelm führt. Der Wiener ist seit 2007 bei der Ofid im Bereich der Unternehmenskommunikation tätig. Er kümmert sich als Webentwickler um die technische Basis, verfeinert den Workflow. Klingt wie ein 08/15-Bürojob. "Ist ja auch einer, aber er macht Spaß."

    Drehsessel statt Tartanbahn

    Vor den Olympischen Spielen 2000 von Sydney hatte Elouardi "von heute auf morgen" umgesattelt, die Tartanbahn durch den Drehsessel ersetzt. Der Wunsch nach Veränderung sei stark gewesen, die Faszination für das Internet groß. "Ich wollte den Zug nicht verpassen. Und ich hatte im Sport erlebt, was ich erleben wollte." Die Leichtathletik habe ihm alles abverlangt und vieles gelehrt: "Ohne Disziplin kommst du nicht weiter. Wir haben ein ganzes Jahr trainiert, um ein paar Zehntel schneller zu sein." Ob noch mehr drinnen gewesen wäre? "Der nächste Schritt wäre Doping gewesen. Ich habe mich dagegen entschieden. Wenn du einmal damit beginnst, geht es nur noch um Siege und Geld. Mein Antrieb war die Liebe zum Sport. Ich wollte trainieren und laufen." Wäre die Beschaffung illegaler Substanzen einfach gewesen? "Natürlich, man ist ja nicht blöd."

    Einst galt Elouardi als Lebemann, als abenteuerlustiger Freigeist. Mittlerweile ist sein Alltag straff organisiert, das Familienleben mit zwei kleinen Kindern setzt Grenzen. Bekommt er Auslauf, schwingt sich der enthusiastische Motorradfahrer auf seine Maschine, eine BMW 1200 GS Adventure, und pflügt durch die Landschaft. "Ich bevorzuge Steinwege und Wasserüberquerungen. Auf einer Wüstentour habe ich mir das Bein gebrochen, das war nicht so clever." Im Juli nahm Elouardi am Gibraltar Race, einer Langstreckenrallye, teil. Das Ziel war das Ziel, er hat es erreicht. "Und irgendwann, wenn die Kinder groß sind, setze ich mich auf das Motorrad und pfeife auf alles. Dann ziehe ich eine Gerade und bin weg. So wie damals als Leichtathlet. Ich wollte die Welt erkunden. Ich wollte schauen, wie weit ich komme." (Philip Bauer, 10.10.2017)

    • Rafik Elouardi übernimmt bei der Leichtathletik-WM 1997 das Staffelholz und läuft zu einem noch immer bestehenden nationalen Rekord.
      foto: gepa/guenter floeck

      Rafik Elouardi übernimmt bei der Leichtathletik-WM 1997 das Staffelholz und läuft zu einem noch immer bestehenden nationalen Rekord.

    • Rafik Elouardi über alte Zeiten: "Es war extrem, das hat uns gefallen."
      foto: ofid/abdullah alipour jeddi

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    • Neues Hobby: Langstreckenrallyes auf dem Motorrad.
      foto: hendrik soster

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