Die automobile Welt steht unter Strom

    15. November 2017, 07:37
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    Seit dem Streit um den Diesel scheint es klar, wohin die Reise geht bei der Mobilität der Zukunft: Die Branche legt sich breitenwirksam auf die Elektromobilität fest

    Tesla reagiert auf das unmittelbar bevorstehende Eindringen der klassischen Automobilhersteller mit Elektromobilen in die ureigene Domäne und kontert mit dem Einstieg in die Verbrennungsmotorentechnologie. Haben wir Ihr Interesse? Gut. Das mit Tesla war natürlich geflunkert. Das mit den traditionellen Autobauern aber keineswegs. Rund um die IAA in Frankfurt haben etliche Konzerne Zeitplan und genaue Vorhaben präzisiert, mit der sie die E-Mobilität vorantreiben wollen.

    foto: bmw
    iVision Dynamics: BMW macht Appetit auf ein elektrisches E-Mobil im 3er-Format. 600 km Reichweite, über 200 km/h schnell.

    Gegenüber den paar hinsichtlich Reichweite überzeugenden (Tesla-Palette) oder mehr oder weniger akzeptablen derzeit angebotenen Fahrzeugen (Renault Zoe, Chevy Bolt, Nissan Leaf, VW e-Golf, BMW i3, Smart EV etc.) kommen wir zur Dekadenwende, das ist praktisch morgen, auf reale Reichweiten von 400, 500 km, so weit wie heute mit einem potenten Sportwagen. Da wird die Sache tatsächlich praktikabel – sofern die Infrastruktur im selben Tempo mitwächst und Stromtanken nicht teurer wird als Sprit.

    Fächerprinzip

    Zunächst noch ein allgemeines Wort. Auch wenn die batterieelektrische Mobilität derzeit die Nase vorn zu haben scheint: Womit wir zu jener Zeit, in der der neue Blade Runner spielt – 2049 – wirklich fahren, weiß in Wahrheit niemand. Technisch haben die Großen an allen Möglichkeiten geforscht und entwickelt, vom Erdgasauto über die Wasserstoff-Brennstoffzelle bis hin zu methanisierten oder sonstigen Ökotreibstoffen: Fächerprinzip nennt sich dieser enorm kostenintensive Zugang. Praktisch auf Knopfdruck könnte man loslegen mit was auch immer.

    foto: daimler
    Vision EQA: Vorbote für einen kompakten E-Mercedes.

    Und damit zur Welt unter Strom. Renault-Nissan ist bekanntlich schon vor Jahren vorgeprescht, mit dem Nissan Leaf hat man das meistverkaufte E-Auto der Welt im Portfolio, 283.000-mal wurde der Stromer seit 2010 verkauft. Dieser Tage hat der Konzern nach Einstieg bei Mitsubishi – die bringen auch eigene Expertise ein, Stichwort i-MiEV – eine Neuausrichtung verkündet. Im Zuge des Plans "Alliance 2020" wollen die Partner "ihre Vorreiterrolle bei der Elektromobilität stärken und bis 2022 acht rein batteriebetriebene Modelle auf den Markt bringen".

    foto: mini
    Mini Electric: Serienmodell kommt 2019 mit i3-Technik.

    Wenn Renault-Nissan-Boss Carlos Ghosn ständig betont, sich die führende Position nicht aus der Hand winden zu lassen, zielt das auch auf die Absichten von VW. Der Branchengigant hat mit e-up! und e-Golf derzeit zwei Fahrzeuge im Angebot. Doch mit der "Roadmap E" startet jetzt "die umfassendste Elektrifizierungsoffensive der Automobilindustrie", so Konzernchef Matthias Müller, 20 Mrd. Euro werden dafür investiert. Bis 2030 soll es von jedem der rund 300 Konzernmodelle mindestens eine elektrifizierte Variante geben, allein bis 2025 bringt man mehr als 50 E-Autos auf zwei neu entwickelten E-Plattformen, die Rede ist von bis zu drei Millionen reinen E-Autos jährlich. Ende 2018 startet Audi mit einem SUV-Coupé, 2019 folgt der e-tron Sportback, Ende 2019 Porsches Serienmodell der Studie Mission E, und 2020 geht es bei VW mit I.D. und I.D. Crozz los.

    foto: volkswagen
    I.D, I.D. Buzz, I.D. Crozz II – 2020 geht es bei VW los.

    BMW setzt auf die Strategie "Number One > Next", die bis 2025 zwölf rein elektrische Fahrzeuge vorsieht. Den Auftakt macht 2019 der E-Mini, 2020 startet ein elektrischer X3, und der iVision Dynamics, ein Gran-Coupé in 3er-Format, wird sich kurz darauf zwischen i3 und i8 positionieren.

    Zehn neue E-Autos

    Ähnlich wie VW mit I.D. und BMW mit "i" hat auch Mercedes eine eigene Submarke für E-Fahrzeuge installiert: IQ. Bis 2022 kommen zehn reine Batterieelektriker unter diesem Label. 2019 beginnt alles mit einem kompakten Auto, das dem Vision EQA Coupé nicht unähnlich sein wird.

    foto: honda
    Honda Urban EV Concept, ebenfalls 2019 startbereit.

    Angesichts dieses Umfelds hat sich auch Toyota (siehe hier) entschlossen, gemeinsam mit Mazda an der batterieelektrischen Mobilität zu arbeiten, zusätzlich zu Hybrid und Wasserstoff-Brennstoffzelle. Hyundai-Kia erhöht ebenfalls die E-Auto-Schlagzahl, und selbst Honda, wie Toyota und die Koreaner Wasserstoff-Brennstoffzellen-Pionier, stellt die Weichen auf Strom – Erstling ist 2019 der Urban EV. Ja, sogar bei PSA (Peugeot, Citroën, DS, Opel) steht der Einstieg in die Großserien-E-Mobilität bevor. Ab 2019 kommen vier Stromer, PSA plant aber nur kleinere Modelle – für die größeren ist Plug-in-Hybrid vorgesehen. Mit dem Opel Ampera-e wird's leider nix, GM macht ihn für PSA unerschwinglich, und apropos Amis: Bis 2022 wird auch eine ganze Reihe von E-Mobilen von GM und Ford in Aussicht gestellt. (Andreas Stockinger, 15.11.2017)

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