Alte "Dreckfinken" machen dramatische Luftverschmutzung sichtbar

    9. Oktober 2017, 21:00
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    US-Forscher verwendeten alte Vogelbalge aus Museen dazu, um die Luftverschmutzung der letzten 135 Jahre zu rekonstruieren

    Chicago/Wien – Vor gut hundert Jahren herrschte in vielen früh industrialisierten Städten der Welt eine ähnliche dicke Luft wie heute in Peking oder Neu-Delhi. Die enorme Luftverschmutzung führte damals sogar dazu, dass sich beim Birkenspanner dank natürlicher Selektion dunklere Flügel durchsetzten, weil diese dem Schmetterling auf den rußgeschwärzten Birkenrinden eher das Überleben sicherten.

    Komplett verrußte Vogelgefieder

    Auch helle Gefieder von Vögeln verdunkelten sich in dieser Zeit – doch nicht aus Gründen der natürlichen Selektion, sondern einfach deshalb, weil der Ruß in der Luft die Federn der Tiere verdreckte, wie die US-Forscher Shane DuBay und Carl Fuldner (Uni Chicago) schon lange wussten.

    Für ihre neue Studie im Fachblatt "PNAS" haben sie nun alte Vogelbälge erstmals für eine systematische Analyse der historischen Luftverschmutzung im sogenannten Rustbelt der USA ausgewertet, also der Industrieregion im Nordosten der USA, in der Städte wie Chicago und Detroit liegen.

    foto: carl fuldner and shane dubay, the university of chicago and the field museum
    Zehn im 20. Jahrhundert konservierte Ohrenlerchen aus dem Fields Museum im Verrußungsvergleich.

    Mehr als 1000 ausgewertete Vogelbalge

    Als Grundlage der Studie dienten mehr als 1000 Vogelexponate aus der Region, die in den vergangenen 135 Jahren für Museumssammlungen (darunter für jene des weltberühmten Field Museum in Chicago) konserviert worden waren. Berücksichtigt wurden fünf Vogelarten, die ein helles Brust- und Bauchgefieder besitzen wie etwa die Ohrenlerche, die Klapper- und die Heuschreckenammer und der Rotkopfspecht.

    Um den Verrußungsgrad möglichst objektiv zu messen, entwickelten die Forscher ein eigenes fotometrisches Verfahren: Je nach Verschmutzungsgrad reflektierte das Gefieder mehr oder weniger Licht.

    Detaillierte historische Aufschlüsse

    Im historischen Vergleich zeigte sich, dass die Verschmutzung des Gefieders bei Tieren aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts am höchsten war – und damit auch höher, als die Wissenschaft bisher gedacht hatte.

    foto: pnas
    Die gleiche Vogelart (Field Sparrow bzw. Klapperammer bzw. Spizella pusilla) mit und ohne Rußverdreckung: oben ein Balg aus dem Jahr 1906 und unten von 1996.

    In den 1930er-Jahren kam es dann durch die Weltwirtschaftskrise zu einem Rückgang bei der Rußverschmutzung, die damals in erster Linie dem Kohleverbrauch geschuldet war. Im Zweiten Weltkrieg stieg die Rußbelastung wieder stark an, weil die Rüstungsindustrie viel Kohle verfeuerte. Danach ging die Verschmutzung nach und nach zurück, weil man rußärmere Kohle und Filteranlagen verwendete. Außerdem stellten viele Städte ihre Energieerzeugung auf Erdgas um.

    Weniger sichtbare Luftschadstoffe

    Dass die Vögel aus der jüngeren Vergangenheit sauberer sind, bedeute freilich nicht, dass es keine Probleme mehr gebe, so die Forscher. Heute entließen die USA zwar deutlich weniger Ruß in die Atmosphäre als früher. Im Ausgleich dazu seien die weniger sichtbaren Luftschadstoffe stark angestiegen. (Klaus Taschwer, 9.10.2017)

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