The Dream Syndicate: Erfolgreiche Mythenpflege

    10. Oktober 2017, 12:00
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    Psychedelic, Punk und Feedbacklärm. Damit galt die Band in den 1980ern als nächstes heißes Ding. War aber nicht. 30 Jahre später veröffentlichen sie nun ein neues Album – samt einer kleinen Sensation

    Wien – Wenn die Zuschreibung Kult eine Bürde ist, trägt die Band The Dream Syndicate nicht schwer daran. Zumindest ist es ihrem neuen Album "How Did I Find Myself Here?" nicht anzumerken. Darauf überwiegt Spiellaune, der Hang zum Feedbacklärm, durchbrochen von herrlichen Melodien, angestreuselt von zarter Psychedelic und einem Schuss Düsternis.

    Fast 30 Jahre sind vergangen, seit The Dream Syndicate ein Album veröffentlicht haben. In der Zeit erwuchs ihrem 1982 erschienenen Debüt "The Days Of Wine And Roses" das Präfix Kult. Sänger und Gitarrist Steve Wynn und seine Mitstreiter schufen damals eine eingängige Mischung aus Einflüssen wie The Velvet Underground, Sixties-Seligkeit und der Rotzigkeit des Punk.

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    "Tell Me When It's Over" – der Opener von "The Days Of Wine And Roses" in einer aktuellen Aufführung aus dem Jahr 2014.

    Von Los Angeles aus gelang ihnen eine Karriere, die ein paar Alben lang nach oben zeigte. Sie tourten mit R.E.M. und U2 und waren Teil des auf drei Kontinenten wahrgenommenen Paisley Undergrounds. So wurde eine Szene von kalifornische Postpunk-Bands mit Sixties-Einflüssen genannt: Rain Parade zählten dazu, Green On Red und Opal – eine großfamiliäre Angelegenheit samt personeller Rochaden unter diesen Bands.

    Ende und Anfang

    The Dream Syndicate wurden eine Zeitlang als nächstes heißes Ding gehandelt, verwirklicht hat sich diese Ahnung nicht. Obwohl es kein Album gibt, das nicht mindestens einen potenziellen Hit aufweist. Nach dem Album "Ghost Stories" mit Songs wie "The Side I'll Never Show" und "Loving The Sinner, Hating The Sin" war 1988 Schluss. Steve Wynn startete eine Solokarriere, die seinen Ruf eines exzellenten Songschreibers mit jedem Werk verfestigte.

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    "The Side I'll Never Show" von 1988.

    Im Hintergrund des bubengesichtigen Musikers wuchs langsam der Einfluss seiner Vergangenheit mit Dream Syndicate, deren Bedeutung in Bands wie Yo La Tengo und Wilco deutlich zu hören ist. Doch erst 2012 fanden Dream Syndicate wieder zusammen. Es folgten erste Konzerte, die fühlten sich gut an, irgendwann fiel der Entschluss, ein Album aufzunehmen.

    Steve Wynn, heute 57, sagt: "Ganz geheim gingen wir für fünf Tage mit 20 Songs ins Studio. Schauen, was passiert. Spaß sollte es machen, ohne besondere Erwartungen, aber mit allen Freiheiten. Wenn wir nicht zufrieden gewesen wären, die Welt hätte nie etwas von unserem Versuch erfahren." Aber dann lief es, und es lief gut und immer besser.

    An das Grundgefühl erinnern

    "Wir versuchten uns an das Grundgefühl der Band von 1982 zu erinnern und es ins Jetzt zu übertragen. Wir dehnten, reduzierten, legten Lärm nach, probierten herum."

    Die Resultate schließen nahtlos an das Frühwerk an. Ein Song wie "Glide" ist gut im Gitarrenlärm eingebettet, begräbt aber nicht die Melodien. Ein Lied wie "80 West" macht dasselbe etwas grimmiger, eines wie "Like Mary" zärtlicher, "The Circle" dreht wieder ordentlich auf.

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    "The Circle" – vom neuen Album.

    Am Ende des Albums kommt es gar zu einer kleinen Sensation. Wynn war es gelungen, das Gründungsmitglied Kendra Smith zu bewegen, einen Titel für das Album zu singen. Smith war die Bassistin von Dream Syndicate und verließ die Band just, als sich erste Erfolge einstellten, um mit David Roback Opal zu gründen. Opal verließ sie just, als Roback einen Vertrag von einem Major erhielt. Er benannte Opal in Mazzy Star um und verkaufte mit Hope Sandoval als neuer Sängerin ein paar Millionen Alben.

    Smith veröffentlichte Mitte der 1990er das wie programmatisch benannte "Five Ways Of Disappearing" – und galt seither als verschwunden. Die Frau mit dem herben Idiom, für das sie oft mit Nico von The Velvet Underground verglichen wurde, verzog sich in die Wälder Kaliforniens. Dort lebt sie bis heute.

    Die Wiederkehr der Kendra Smith

    Wynn: "Wir hatten einen Song in Arbeit, der aber nicht richtig funktionierte, da dachte ich, warum fragen wir nicht Kendra? Ich habe sie 20 Jahre lang nicht gesehen, bin aber in Kontakt mit ihr. Zuerst war sie unsicher, aber ich konnte sie überzeugen, den Song zu versuchen."

    "Kendra's Dream" bildet den kühlen Höhepunkt auf "How Did I Find Myself Here?". Smiths Vorliebe für die repetitive Kunst der deutschen Band Can blitzt durch: Wummerbass und Feedback bilden den Rahmen für dieses finale G'stanzl. Aber sie bleibt im Hintergrund, ist auf keinem Bandfoto, geht nicht auf Tour, pflegt ihren Mythos.

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    Die Wiederkehr der Kendra Smith.
    Das Warten hat sich gelohnt.

    Wynn: "Ich weiß, dass sie ein bisschen Blut geleckt hat und sich jetzt wieder fürs Musikmachen interessiert. Vielleicht entsteht da ja noch etwas." Eines weiß er schon jetzt sicher: "How Did I Find Myself Here?" wird nicht das letzte Dream-Syndicate-Album gewesen sein. "Wir haben viel zu viel Spaß, um gleich wieder aufzuhören." (Karl Fluch, 10.10.2017)

    • The Dream Syndicate haben gut lachen. Ihr Comebackalbum "How Did I Find Myself Here?" stößt allerorts auf Zuspruch. Sänger Steve Wynn (2. v. re.) verspricht nachzulegen. Man hat zu viel Spaß, um gleich wieder aufzuhören.
      chris sikich

      The Dream Syndicate haben gut lachen. Ihr Comebackalbum "How Did I Find Myself Here?" stößt allerorts auf Zuspruch. Sänger Steve Wynn (2. v. re.) verspricht nachzulegen. Man hat zu viel Spaß, um gleich wieder aufzuhören.

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