Schuldspruch in St. Pölten: Tschetschene rekrutierte für den IS

    9. Oktober 2017, 11:44
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    Zweieinhalb Jahre Haft für 22-Jährigen, der IS-Videos nur "aus Langeweile" angesehen haben will

    St. Pölten – Ein Prozess um Terrorismusvorwürfe hat am Montag in St. Pölten mit einem Schuldspruch geendet. Der 22-jährige Angeklagte erhielt nicht rechtskräftig zweieinhalb Jahre Haft wegen des Verbrechens der terroristischen Vereinigung und eines tätlichen Angriffs auf einen Justizwachebeamten. Zudem wurden eine bedingte Strafnachsicht und eine bedingte Entlassung – gesamt 18 Monate und 20 Tage – widerrufen.

    Der Tschetschene, der zuletzt im Bezirk Lilienfeld wohnte, hatte dem Urteil zufolge 2016 versucht, Personen für den gemeinsamen Kampf für den "Islamischen Staat" zu gewinnen und Waffen zu organisieren. Der Richter verwies auf einen Zeugen, der von einem Rekrutierungsversuch durch den Angeklagten in einem Park in St. Pölten berichtete. Der Beschuldigte habe auch "gehofft, über das Internet Gleichgesinnte zu gewinnen", erklärte der Richter zur IS-Flagge auf der Facebook-Seite des 22-Jährigen und zum Bild eines IS-Kämpfers auf dem Profil des jungen Mannes auf einer Partnerwebseite.

    Persönlichkeitsstörungen

    Laut einem psychiatrischen Gutachten leidet der Tschetschene unter Persönlichkeitsstörungen und ist eingeschränkt schuldfähig. Der Schöffensenat sah es als erwiesen an, dass er trotzdem "sehr wohl gewusst hat, was er tut", hielt der Richter in der Urteilsbegründung fest. "Ihnen ist es darum gegangen, mit Gleichgesinnten zu kämpfen." Der Asylbescheid des Angeklagten war negativ, ohne Perspektive in Österreich sei er "empfänglich" für Botschaften, wie sie der IS verbreite, sagte der Richter. "Eine Rekrutierung in Österreich soll bereits im Kern erstickt werden", betonte er.

    Der Schuldspruch bezog sich auch auf einen tätlichen Angriff auf einen Beamten in der Justizanstalt Wien-Josefstadt, wo sich der Beschuldigte heuer am 15. März wegen eines anderen Delikts in Strafhaft befunden hatte. Er soll einer Anweisung nicht Folge geleistet und einem Justizwachebeamten einen Stoß gegen den Oberkörper versetzt haben. Keinen Beweis sah der Schöffensenat hingegen dafür, dass der Angeklagte nach Frankreich gereist sei, um dort Personen für den IS zu rekrutieren. Er hatte im November 2016 Österreich verlassen und bei einer Polizeikontrolle am 5. Dezember in Frankreich einen falschen Namen angegeben. In der Anklage war ihm auch das Verbrechen der kriminellen Organisation angelastet worden, dafür gab es aber keinen Schuldspruch.

    IS-Videos "aus Langeweile angeschaut"

    Der Prozess hatte im Mai begonnen, die Schöffenverhandlung wurde in der Folge dreimal vertagt – zweimal, weil ein Zeuge nicht erschienen war, und zuletzt zur Einholung eines Gutachtens. Der Angeklagte bestritt die Vorwürfe. "Was habe ich getan?", wollte er am Montag laut Übersetzung der Dolmetscherin wissen. An den vorangegangenen Verhandlungstagen hatte er eingeräumt, eine IS-Fahne mit dem Schriftzug "Das islamische Kalifat ist angekündigt" auf Facebook hochgeladen zu haben – seiner Aussage zufolge "aus Dummheit". Youtube-Videos über den IS habe er "aus Langeweile angeschaut".

    Der Staatsanwalt forderte in seinem Schlussvortrag am Montag eine "strenge Strafe" und verwies auf die Aussage eines Zeugen, die den Angeklagten massiv belaste. Der Verteidiger betonte in seinem Schlussplädoyer, sein Mandant sei kognitiv nicht in der Lage gewesen zu erkennen, was er tat.

    Stark eingeschränkte Schuldfähigkeit

    Mildernd wurde bei der Strafbemessung die stark eingeschränkte Schuldfähigkeit des Beschuldigten gewertet. Erschwerend wirkten sich unter anderem der rasche Rückfall eineinhalb Monate nach einer Verurteilung Anfang Februar 2016, die Tatbegehung während einer offenen Probezeit und drei einschlägige Vorstrafen aus. Widerrufen wurden eine bedingte Strafnachsicht von 16 Monaten sowie von einer bedingten Entlassung zwei Monate und 20 Tage. Die Vorhaft seit 26. April werde angerechnet, führte der Richter aus. Der Angeklagte zeigte sich einverstanden mit dem Urteil, der Staatsanwalt gab keine Erklärung ab. Damit ist das Urteil nicht rechtskräftig. (APA, 9.10.2017)

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