Barry Guy: Im Salon der Irritationen

    8. Oktober 2017, 17:03
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    Der Bassist beim Grazer Musikprotokoll

    Graz – Dass sich die Verkündigung aus der Rosenkranzsonate hier – von Maya Homburger vergleichsweise gemächlich und klangschön interpretiert – ausbreiten kann, ist ein überraschender, delikater Ausflug ins geigende Barock eines Heinrich Ignaz Franz Biber (1644–1704). Dass dies bei einem Festival wie dem Musikprotokoll stattfindet, hat jedoch eher nichts damit zu tun, dass die Reihe zu ihrem 50er überexzessiv Rückschau hält. Es gehört eher zum Wesen des (in den Steirischen Herbst eingebetteten) Musikprotokolls, nebst aktuellem Schaffen auch Bezüge und scheingeheime Verwandtschaften zwischen Epochen zu erschließen.

    Dies impliziert die Präsenz von Künstlern, die mit ihrer Vielseitigkeit undogmatisch Epochen bereisen – wie auch Kontrabassist und Komponist Barry Guy. Mit der Barockgeigerin Maya Homburger bildet er ein Reiseduo, das Alte Musik, Moderne und Improvisation im Sinne der Offenheit – und somit auch im Sinne des Festivals – verbindet.

    Musik ist Kommunikation

    Der Brite Guy, seit Dekaden auch ein essenzieller Vertreter der europäischen Variante des Free Jazz, würzt die Interpretationen der Violinistin durch Borduntöne und kleine freie "Irritationen". Musik ist ihm Kommunikation, Kompositionen mitunter offene Kunstwerke, deren Wesen durch Übermalung freigesetzt, ins Heute übersetzt werden kann. In seinen eigenen Soloimprovisationen ist es der singende Ton, der den Grundcharakter des Spiels prägt. Der Rest ist Metamorphose: Guy ist ja ein Könner vieler Varianten – auch ins Perkussive – übergehender Spieltechniken.

    In der Helmut-List-Halle fließen Epochen auch dramaturgisch reizvoll ineinander: Alte Musik und György Kurtágs Hommage an Bach, später Bach im Original (Adagio aus der Solosonate in g-Moll BWV 1001) und weitere Werke des Ungarn. Dazwischen schließlich auch andere Saiten: Das Aleph Gitarrenquartett setzt etwa endlos die nacht / senza ritorno (von Marko Nikodijevic, mit Fragmenten aus Chopins Nocturne Nr. 20 in cis-Moll op. posthum) als elegisch die Instrumente umhüllende romantische Soundschleife um.

    Andere Bewegtheit bei Ort der Entzifferungen: Zeynep Gedizlioglu versetzt vier Gitarren in einen Salon der Kommunikation, der alles bietet zwischen Zuhören und Irritieren. Letzteres war auch bei Guy in produktiver Form zu finden – aber improvisiert statt notiert. (Ljubiša Tošić, 8.10.2017)

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