Thomas Lehrs "Schlafende Sonne": Aus dem Leben eines "Hobbit-Skywalkers"

    9. Oktober 2017, 10:27
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    Der Roman auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis plädiert für die Physik

    Wien – Dass die Welt mutmaßlich mit einem Urknall begann, hat die Literatur bisher eher entspannt hingenommen. In Büchern beginnt die Welt in der Regel mit einem ersten Satz, und weil danach am besten ein zweiter kommt, finden sich die meisten Autoren mit diesem Gefängnis der Konsekution irgendwie ab. Thomas Lehr macht da dezidiert eine Ausnahme. Sein neuer Roman Schlafende Sonne beginnt tatsächlich mit einem Urknall. Man muss ungefähr 80 Seiten lesen, bis man beginnt, sich in dieser schillernden Prosa zurechtzufinden.

    Normalerweise fragt man sich: Wer erzählt da eigentlich, und von wem? Schon für dieses scheinbar einfache Verhältnis gab es in der Literatur die raffiniertesten Lösungen, nicht viele aber sind dabei so anstrengend wie die von Lehr. Er erzählt gern in der zweiten Person, spricht also auf Figuren ein, mit denen wir es zu tun bekommen. In erster Linie ist das Jonas, ein Mann aus dem Südwesten Deutschlands, der zum Sonnenforscher berufen ist, und der, nachdem er seine Berufung entdeckt hat, einen unschlagbaren Distanzierungssatz parat hat: Ich bin Physiker.

    Mit einem Physiker über Literatur reden

    Mit einem Physiker redet man besser nicht über Literatur, aber auch das will Lehr so nicht akzeptieren. Er bringt ihn auch noch mit einer Frau zusammen, die zu dem anderen der großen Systeme gehört, mit dem sich dieses Buch herumschlägt. Milena Sonntag ist Künstlerin, stammt aus Dresden (also aus der DDR), und sie hat von ihrem Vater gelernt: Malen ist Denken. Eine Ausstellung von Milena 2011 ist der Anlegepunkt dieses Romans in einer konventionellen Wirklichkeit, aber drumherum fliegen die Fetzen. Die Erzählfetzen, aus denen sich das ganze 20. Jahrhundert (weltweit) neu zusammensetzen soll.

    Thomas Lehr war immer schon ein ehrgeiziger Autor. Mit Schlafende Sonne geht er nun auf den größten denkbaren "overstretch" los, nämlich auf eine Literatur, die es mit den Naturwissenschaften und der Kunst aufnimmt, indem sie beide in sich aufnimmt, sie genüsslich verspeist und als wuchernden Text wieder von sich gibt. Die "still durchgeknallte" Milena Sonntag dient ihm dabei als der Reaktor, sie ist die Inkarnation des allwissenden Erzählers ("Etwas Absolutes verbarg sich in ihr"), den eine frühere Moderne gerne losgeworden wäre, den Lehr aber durch den Teilchenbeschleuniger seiner panerotischen Weltsicht wieder einführt. Dieser Erzähler ist natürlich er selbst, auch wenn er sich eine weibliche Stimme aneignet, macht er diese doch vor allem zu einem Medium seiner universalpoetischen Interessen. "Immer öfter leiht mir deine Wissenschaft ein Bild", sagt Milena (sagt Lehr) an einer Stelle zu Jonas, dem Physiker. Doch sind das auch überzeugende Bilder? Wird aus seinem "Graswurzel-Aragon-Gödel-mein-Göttle-Einstein-Hobbit-Skywalker", wie er Jonas an einer Stelle bezeichnet, eine plausiblere Figur, weil er ihn gleichsam ständig atomisiert und neu konfiguriert? Oder ist das nicht letztlich nur literarisierte Kulturwissenschaft?

    Bemühter Drapierungsversuch

    Vermutlich wird man Schlafende Sonne nur als gescheitert betrachten können, weil sich Thomas Lehr etwas Unmögliches vorgenommen hat. Die Physik ist nun einmal eine abstrakte Sprache, und bei der Kunst wird das Vorhaben endgültig zu einem bemühten Versuch, sie einfach so oft wie möglich irgendwie auf die Erzählung zu drapieren (auch wenn Lehr für sein Verfahren alle erdenklichen Techniken reklamiert, von der Intarsienarbeit bis zur Installation). Die Kunst (als System oder als konkretes Werk) bleibt Schlafende Sonne äußerlich.

    Der Roman ist auf weitere Expansion (Bände) angelegt, aber das Konzept literarischer Universalurknall wird auch auf 2000 Seiten nicht aufgehen. (Bert Rebhandl, 9.10.2017)

    Thomas Lehr, "Schlafende Sonne". Roman. € 28,80 / 640 Seiten. Carl Hanser, München 2017

    Deutscher Buchpreis

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