"Sebastian hat ein Charisma wie Gandhi"

7. Oktober 2017, 14:44
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Der ÖVP-Chef sieht sich und seine Partei als Opfer – Der steirische Parteichef Schützenhöfer wurde mit 99,5 Prozent wiedergewählt

Graz – Der arme junge Mann. "Was der aushalten muss. Diese Gemeinheiten", klagt der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl vom Rednerpult in der Grazer Messehalle herab, "Wie niederträchtig muss man sein, dass man im Zubodensinken auch noch den anderen mitreißen will – wie jetzt SPÖ-Bundeskanzler Christian Kern." Aber: die ÖVP habe "einen jungen, sympathischen, wohlwollenden junge Mann, der Österreich nach vorne bringen wird".

Und alles könne anders werden, denn "der, der anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein". Nagl: "Ich hoffe, dass das passiert."

Kurz: "Das Maß ist endgültig voll"

Der, um dessen Wohl sich Nagl Sorgen macht, federt wenig später auf die mit traditionell-steirischen weiß-grünen Farben dekorierte Bühne dieses steirischen ÖVP-Parteitag. Rund 1000 Delegierte empfangen den Parteichef mit stehendem Applaus. ÖVP-Chef Sebastian Kurz stimmt in die Klage Nagls ein. Niemals habe er damit gerechnet, "in welchem Ausmaß" er angepatzt werde. "Aber ich sage euch, wir werden uns das nicht gefallen lassen, da brauche ich euch alle, um dagegen zu halten." Eigentlich habe er sich ja vorgenommen, nichts Negatives über die anderen Parteien zu sagen. " Aber, ich muss heute eine einmalige Ausnahme machen. Ich wurde schon vor einem halben Jahr gewarnt, dass in meinem Privatleben geschnüffelt wird. Wir vermuteten, dass die SPÖ und Tal Silberstein dahinterstecken, er ist ein Weltmeister des Dirty Campaigning."

Es sei in den letzten Wochen nur darum gegangen, "uns anzupatzen und schlecht zu machen, und wenn jetzt jene, die das Dirty Campaigning machten, als Kronzeugen auftreten und uns weiter anpatzen, dann ist das Maß endgültig voll. Das werden wir uns nicht gefallen lassen, liebe Freunde", sagt Kurz, dem der Druck der letzten Tage doch anzumerken ist.

"Sie werden es nicht schaffen, uns aufzuhalten"

Warum die SPÖ so gegen ihn vorgehe, liege auf der Hand: "Es wird mit allen Mitteln versucht zu verhindern, dass wir als neue Kraft die Führung im Land übernehmen. Aber sie können uns bekämpfen und beschmutzen, sie werden es aber nicht schaffen, uns aufzuhalten."

Damit war die Botschaft dieses Parteitages gesetzt: Das wirkliche und einzige Opfer heißt Sebastian Kurz und die ÖVP.

Der sich von der SPÖ schwer attackiert fühlende junge Parteichef wirkte an diesem sonnigen Samstagmittag um Nuancen kraftloser als sonst. Der vielerorts erwartete emotionale und verbale Kraftakt, mit dem die Parteibasis noch einmal für die letze Woche vor der Wahl euphorisiert werden sollte, blieb aus. Noch ein zwei bekannte Sätze über die Migration, über das "Spitzensteuerland Österreich" und die Mindestsicherung, dann brach Kurz relativ abrupt seine Rede ab und folgte dem Aufruf des mit 99,5 Prozent wieder gewählten Landesparteiobmannes Hermann Schützenhöher, ihn zum großen "Fest für Sebastian Kurz" in die Nachbarhalle zu begleiten.

"Furchtbarer Fan"

Auf dem Weg dorthin erzählt Susanne Zimmermann, eine ältere Dame mit türkisem Blazer, die in Graz bei den ÖVP-Senioren arbeitet, im STANDARD-Gespräch, welch "furchtbarer Fan" sie von Sebastian Kurz sei, "Wir Älteren können dem jungen Sebastian jetzt nur helfen. Aber es ist eine Frechheit, wie man ihm jetzt schaden will. Aber wir werden sicher gewinnen, ich sage Ihnen, wir bekommen 38 Prozent". Aber "der Strache" werde nicht weit weg sein. Wobei sie, speziell was den Islam betreffen, durchaus mit ihm in eine Richtung denke. "Auch ich will einfach keine Frau auf der Straße mit Kopftuch sehe. Der Bürgermeister soll diese argen Moscheen endlich schließen."

Zwar nicht 38 Prozent aber "zumindest 35 Prozent" prophezeiht Alois Kainz, Mitarbeiter in einem steirischen ÖVP-Regierungsbüro. Die ÖVP werde klar gewinnen, weil Kurz über eine außergewöhnliches Ausstrahlung verfüge. "Er hat ein Charisma wie Gandhi", sagt Kainz begeistert. Wenn die ÖVP so deutlich,wie von ihm prognostiziert, gewinne, werde es zu "Schwarz-Blau" kommen. Denn mit den Roten wolle auch "der Sebastian" nicht mehr.

"Laufen, laufen, laufen"

Dazu müsse angemerkt werden, "dass ja nicht alle FPÖler Nazis sind." Allerdings: Wenn die ÖVP wider aller Erwartungen doch nicht Erste werde, "dann ist die ÖVP ganz unten".

Damit dieses für die ÖVP Unaussprechliche nicht passiert, appelliert Kurz später von der Festbühne herab, noch einmal: "Es wird in der nächsten Woche noch ein harter Kampf, um gegen die Lügen anzukämpfen, die in den nächsten Tagen noch verbreitet werden." Er bittet die sich um die Grillhendl- Würstl-, Bier,- und Käsespätzlestandl versammelten Delegierten, in den nächsten Tagen zu "laufen, laufen, laufen". Direkt nach seinem Appell verlässt Kurz das Fest. (Walter Müller, 7.10.2017)

  • "Es wird mit allen Mitteln versucht zu verhindern, dass wir als neue Kraft die Führung im Land übernehmen. Aber sie können uns bekämpfen und beschmutzen, sie werden es aber nicht schaffen,  uns aufzuhalten", erklärt Kurz die Turbulenzen rund um die Causa Silberstein.
    foto: apa/scheriau

    "Es wird mit allen Mitteln versucht zu verhindern, dass wir als neue Kraft die Führung im Land übernehmen. Aber sie können uns bekämpfen und beschmutzen, sie werden es aber nicht schaffen, uns aufzuhalten", erklärt Kurz die Turbulenzen rund um die Causa Silberstein.

  • 99,5 Prozent erhält der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer.
    foto: apa/scheriau

    99,5 Prozent erhält der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer.

  • Kurz gratuliert, appelliert an die Delegierten zu laufen und verlässt die Feier.
    foto: apa/scheriau

    Kurz gratuliert, appelliert an die Delegierten zu laufen und verlässt die Feier.

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