Umzug ins Ausland mit jugendlichen Kindern: Ja oder nein?

    Kolumne8. Oktober 2017, 17:00
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    Junge Menschen sollten wichtige Beziehungen außerhalb ihrer Familie entwickeln – das kann einem Umzug ins Ausland entgegen stehen

    Frage:

    Seit einigen Monaten beschäftigt mich eine sehr schwierige Frage, die meine Zukunft betrifft. Egal, wie ich mich entscheide, es wird nie mehr wieder so wie früher sein. Deshalb frage ich heute Sie um Rat. Ich bin 15 Jahre alt, meine Eltern sind aus Dänemark. Ich wurde in England geboren und wuchs in Österreich auf.Jetzt hat mein Vater ein Angebot, wieder nach Dänemark zurückzukehren.

    Meine derzeitige Schule ist eine der besten Erfahrungen, die ich je hatte. Es geht mir dort sehr gut und meine dort gewonnenen Freunde machen die Erfahrung noch besser. Es ist nicht einfach nur eine Schule, wir sind auch nach dem Unterricht eine Gemeinschaft und ich kann meine Fähigkeiten in meinem Lieblingssport Fußball weiter ausbauen. Ich habe mich so gut in die Schulgemeinschaft eingelebt, dass ich es mir kaum vorstellen kann, das aufzugeben.

    Aber nun ändert sich alles mit der Entscheidung meiner Eltern, nach Dänemark zu übersiedeln. Auch meine Beziehung zu ihnen. Dieser Ortswechsel würde bedeuten, dass ich viel von dem verliere, was ich das letzte Jahr erreicht habe. Auch die Menschen, mit denen mich Freundschaften verbinden. Meine Eltern haben versucht, mir die schönen Seiten von Dänemark schmackhaft zu machen. Obwohl sie mir sagen, dass sie meine Einwände verstehen, habe ich das Gefühl, dass sie das nicht wirklich tun.

    Für meine Geschwister ist die Situation sicher einfacher, sie sind jünger als ich und es wird ihnen leichter fallen, Dänisch zu lernen. Mein Dänisch benutzte ich nur für Kurznachrichten per SMS an meine Eltern, aber nicht generell, um zu kommunizieren. Das ist ein weiterer Grund, warum ich im Moment nicht nach Dänemark möchte.

    Die Option, ins Internat an meiner Schule in Österreich zu wechseln, habe ich nicht gänzlich ausgeschlossen. Es zeigt sich immer mehr, dass ich meine Zukunft an dieser Schule sehe, aber ich sehe auch meine Eltern leiden. Auch wenn ich mir viele Gedanken darüber mache, wie ich mich entscheiden soll, so weiß ich doch dass ich mich bei jeder Entscheidung schlecht fühlen werde.

    Antwort:

    Danke für deine offenen Worte und die Beschreibung deines Dilemmas, das ganz offensichtlich und zäh ist. Ich kann dir keinen wirklichen Rat geben, aber einen Gedankenanstoß, der dir vielleicht weiterhilft.

    Junge Menschen wie du sollten wichtige Beziehungen außerhalb ihrer Familie entwickeln und weniger Zeit zuhause verbringen. Ich denke, dass das für deine Eltern auch in Ordnung ist. Schon die Tatsache, dass du mitentscheiden darfst und ihnen deine Meinung zu dem bevorstehenden Umzug wichtig ist, sagt mir, dass du Eltern hast, die sich grundsätzlich sehr für das Wohl ihrer Kinder interessieren. So besteht eine Basis für diesen natürlichen Abnabelungsprozess. Anders wäre es, wenn du dein Zuhause meiden würdest.

    Die Entscheidung, ins Internat in Österreich zu gehen, kann jederzeit geändert werden – solltest du feststellen, dass es die falsche Entscheidung für dich war. Nach Dänemark zu ziehen ist eher eine endgültige Entscheidung. Ich stimme dir zu: Deine Eltern können sich nicht annähernd vorstellen, was der Umzug für dich bedeutet. Was du hier in Österreich hast, wird dir in Dänemark nicht so schnell wieder gelingen. Du wirst dort sowohl ein schulisches als auch ein soziales Leben entwickeln, aber es wird sich nicht gleich anfühlen. Genau das macht jede deiner Entscheidungen zu einer sehr einsamen, aber das darf in deinem Alter so sein. Schmerzvoll, aber fruchtbar!

    Was du in deine Überlegungen miteinbeziehen kannst, ist diese wichtige Frage: Wenn ich mit meinen Eltern nach Dänemark gehe, tue ich das aus Liebe und Loyalität zu ihnen, oder weil ich befürchte, dass ich nicht leben kann, ohne sie in meiner Nähe zu wissen? Wenn du die Antwort auf diese Frage weißt, sprich mit deinen Eltern darüber. Du wirst sehen, dass du langsam merkst, was das Beste für dich in deinem Leben ist. Pass gut auf Dich auf! (Jesper Juul, 8.10.2017)

    Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

    Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben.

    • Wenn ich mit meinen Eltern nach Dänemark gehe, tue ich das aus Liebe und Loyalität zu ihnen, oder weil ich befürchte, dass ich nicht leben kann, ohne sie in meiner Nähe zu wissen?
      foto: imago

      Wenn ich mit meinen Eltern nach Dänemark gehe, tue ich das aus Liebe und Loyalität zu ihnen, oder weil ich befürchte, dass ich nicht leben kann, ohne sie in meiner Nähe zu wissen?

    • Der dänische Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
      foto: family lab

      Der dänische Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

    • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
      foto: family lab

      Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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