Das Problem mit der Integration ist (auch) der Diskurs darüber

    Userkommentar9. Oktober 2017, 17:29
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    Integration von Flüchtlingen wird in der öffentlichen Debatte überwiegend als misslungen dargestellt. Die Erfahrung in der Praxis zeigt ein differenzierteres Bild

    Die Meinung, dass Integration von Flüchtlingen in Österreich nicht gelinge, ist derzeit in politischen Diskussionen allgegenwärtig. Sie klingt angesichts zahlreicher negativer Berichte plausibel, noch mehr, wenn persönliche Erfahrungen mit Flüchtlingen fehlen. Sie deckt sich aber nicht mit dem, was sich in Flüchtlingsprojekten tagtäglich ereignet. In der Habibi-Initiative etwa unterstützen seit September 2015 engagierte Einheimische geflüchtete Menschen. Anfangs in Notquartieren, später als Buddys mit Deutschkursen, Sozialberatung, Freizeitangeboten. Das zeigt: Integration funktioniert gerade in Wien grosso modo gut. Der Großteil der so begleiteten Asylwerber und Flüchtlinge ist mit Elan dabei, sich ein neues Leben aufzubauen.

    Schönfärberei ist dennoch nicht angebracht. Natürlich gibt es Geflüchtete, die – etwa aufgrund von Traumatisierungen – Probleme haben und Probleme machen. Natürlich erleben wir Menschen, die anders agieren als das gewohnte Mittelschichtsumfeld, was teilweise schwer nachvollziehbar ist. Natürlich gehören schwierige Situationen angesprochen und angegangen. Schwierigkeiten aber pauschal auf eine angeblich rückständige Kultur zurückzuführen hilft nicht dabei, sie zu lösen.

    Das wirkliche Problem: "wir" gegen "die"

    Die massive Meinungsmache rund um die Themen Flucht und Asyl, gerade in Wahlkampfzeiten, ist gefährlich. Da werden apokalyptische Untergangsängste geschürt, tatsächliche Bedrohungen übertrieben und sogar erfunden (niemand will das Schweinsschnitzel verbieten). Da wird eine Spaltung zwischen "denen" und "uns" herbeigeredet. Da werden Sündenböcke für komplexe Probleme aller Art verantwortlich gemacht.

    Wir stehen vor vielen Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Anstatt sich um eine differenzierte Lösung zu bemühen, findet man (vermeintlich) Schuldige. Diesen Diskurs empfinden viele Geflüchtete als Schlag ins Gesicht. Hand aufs Herz: Wem würde es nicht Angst machen, wenn ein Teil der Gesellschaft, dem er angehört, derart einseitig negativ dargestellt würde? Wer Menschen isoliert, ihnen Würde, Chancen und lebensnotwendige finanzielle Mittel verweigert, produziert genau das, was er zu verhindern vorgibt: Parallelgesellschaften, Perspektivenlosigkeit, Kriminalität. Das gefährdet dann wirklich unsere Zukunft.

    Ja, wir schaffen das!

    Integration erfordert einen langen Atem und in letzter Konsequenz auch die Bereitschaft, den Wohlstand ein bisschen zu teilen. Wenn wir unsere vielbeschworenen europäischen Werte nicht aufgeben wollen, ist das der einzige vertretbare Weg. Unsere Gesellschaft, alte und neue Einheimische, geht ihn bereits jetzt mit viel mehr Selbstverständlichkeit, als viele glauben wollen. (Alexander Gotsmy, 9.10.2017)

    • Die massive Meinungsmache rund um die Themen Flucht und Asyl, gerade in Wahlkampfzeiten, ist gefährlich.
      foto: apa/helmut fohringer

      Die massive Meinungsmache rund um die Themen Flucht und Asyl, gerade in Wahlkampfzeiten, ist gefährlich.

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