Dommuseum Wien: Hinaufgeschraubt und wachgeküsst

    Ansichtssache6. Oktober 2017, 17:27
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    Nach vier Jahren Umbau eröffnet am Wochenende das Haus am Stephansplatz

    Nach vier Jahren Umbau eröffnet am Wochenende das Dommuseum Wien

    Wien – Knarzende Böden und ein liebevoller, von Stellwandprovisorien unterbrochener Horror Vacui, im Charme irgendwo zwischen einer vergessenen Altbauwohnung (es war tatsächlich jene des ehemaligen Propstes) und angestaubtem Bezirksmuseum: Das sind die diffusen Erinnerungen an das alte Dom- und Diözesanmuseum, das seit den 1970er-Jahren bis zu seiner Schließung 2012 in einem Palais am Wiener Stephansplatz, also mitten im pulsierenden Zentrum, untergebracht war und zuletzt ein eher verschlafenes Dasein fristete.

    Das dürfte sich jetzt mit der feieerlichen Wiedereröffnung am Wochenende ändern. Denn steht man nun in den musealen Sälen, ist kaum zu glauben, dass man sich noch am gleichen Ort befindet: lichte, weite, offene Räume, architektonisch reduzierte Akzente in Grau und Weiß, dazu gläserne Transparenz. Ein Konzept, das die schlummernden Schätze wachgeküsst hat und die 1200 Quadratmeter großzügiger wirken lässt als bisher.

    Vier Jahre hat der Umbau zum Dommuseum Wien gedauert. Gut investierte Zeit und auch gut angelegte vier Millionen Euro, schließlich hat das Haus nun nicht nur ein fassadenseitiges Portal, sondern dort auch – dank Hartnäckigkeit von Direktorin Johanna Schwanberg und Verkehrsberuhigung – einen Vorplatz. Statt des versteckten Eingangs im Zwettlerhof, wo auch heute noch das benachbarte Dessousgeschäft um Aufmerksamkeit buhlt, hat Architekt Boris Podrecca eine Glasfassade mit schwerer Metalltür vor die historische Fassade geblendet, die später sogar noch als "Vitrine" für künstlerische Eingriffe dienen kann – und soll.

    Vom künstlerischen Entrée, das zugleich Shop ist, schraubt sich ein hölzernes Treppenhaus, das prägendste architektonische Detail, in die eigentlichen Museumsräume: die Treppenskulptur, eine Art "Figura serpentinata", in deren Mitte ein gläserner Aufzug steckt. Dort, wo dieser einen wieder ausspuckt, erweist sich, dass Schwanberg (ästhetische) Widrigkeiten mit Humor und Tücke kontert: Als Antwort auf orange und rote Rauch- und Feuermelder grüßt – "Grüß Gott, guten Tag!" – ein Video von Judith Huemer.

    In den anschließenden Räumen kommen aber wieder Podreccas "Passepartout-Systeme" zum Tragen und damit die Exponate würdig zur Geltung: Endlich ist auch das Bildnis Herzog Rudolfs IV., einer der wichtigsten historischen Schätze Österreichs, gut verwahrt. Das älteste Porträt des Abendlands scheint hinter der raumdominierenden Vitrine mit der Grabhülle aus Seidenbrokat, in die der Leichnam des Habsburgers Rudolf des Stifters eingenäht wurde, zu schweben.

    Gespür für Avantgarde

    Die rätselhafte Besonderheit dieses kostbaren Stoffs sind die arabischen Schriftzeichen, die sich als islamischer Segensspruch für einen Sultan des 14. Jahrhunderts herausstellten und die Johanna Kandl 2014 auf den Bauzaun des Dommuseums in überdimensional kalligrafischen Lettern übertrug.

    Inszenatorisch geglückt ist auch die Präsentation der anderen sakralen Kostbarkeiten aus Lithurgie und Andacht – auch im Dialog mit Arbeiten der Gegenwartskunst von Iris Andraschek oder Maria Hahnenkamp; von Marienfiguren flankiert ist etwa der wunderbare Ober St. Veiter Altar in der ehemaligen Hauskapelle.

    Gutgetan hat die generelle Reduktion der Exponate, sodass nun ein großer lichter Saal mit Ausblicken auf den Dom für halbjährlich stattfindende Wechselausstellungen reserviert ist. Bilder der Sprache und Sprache der Bilder (bis 26. August 2018) heißt dort die hauptsächlich aus der von Otto Mauer im Nachkriegswien begründeten Sammlung gespeiste Schau. Des Monsignores Gespür für Avantgarde steht im Grunde auch für dieses schöne neue Mit- und Nebeneinander von alter und neuer Kunst an dieser Adresse. (Anne Katrin Feßler, 7.10.2017)

    Link

    Dommuseum

    foto: leni deinhardstein, lisa rastl

    Lisl Ponger, wild places, 2001.

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    foto: michail michailov

    Michail Michailov, ICH FERGEBE DIR, 2009.

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    foto: lena deinhardstein, lisa rastl

    Das Porträt Rudolf IV., um 1360 (Leihgabe des Domkapitels St. Stephan, Dom Museum Wien).

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    foto: lena deinhardstein

    Vordergrund: Wurzel-Jesse-Monstranz, um 1630.
    Hintergrund: Iris Andraschek, Et erit via residuo populo meo qui relinquetur ab Assyriis sicut fuit Israhel in die qua ascendit de terra Aegypti, 2017.

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    originalfoto: hertha hurnaus, dom museum wien

    Fassade (Rendering) des Dom Museum Wien.

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