Arnon Grünberg: "Solange ich weg kann!"

    Blog6. Oktober 2017, 13:57
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    Serie, Teil 12: Autor Arnon Grünberg ersetzt zwei Wochen lang nonstop einen Vater in einer Familie mit vier Kindern in einer niederländischen Stadt und erstattet täglich Bericht

    Am letzten Werktag meines Aufenthalts bei Marjolein und ihren vier Töchtern erzähle ich im Kindergarten vom Schreiben. Die Erzieherin sagt: "In diesem Alter ist alles wahr, Erfundenes ist ebenso wahr wie der Rest."

    Gilt das in Zeiten von Fake News auch für Leute, die aus dem Kindergartenalter raus sind?

    Auf dem Spielplatz helfe ich dem Sohn einer anderen Mutter, Jasmijn, in die Jacke. "Er ist ganz verrückt nach fremden, älteren Männern", sagt sie mit einer gewissen Begeisterung.

    Haben sich die Eltern an den Ersatzvater gewöhnt? Oder habe ich mich an den Spielplatz gewöhnt?

    Auf meine Bitte hin gehen wir abends essen. Japanisch, die Kinder essen liebend gern Sushi. Marjolein fragt: "Bist du schon mal mit vier kleinen Kindern im Restaurant gewesen?"

    "Alles wird gut", antworte ich.

    Was soll ich sonst sagen?

    Lass mich in Ruhe!

    Zu Hause springe ich schnell unter die Dusche. Das Badezimmer lässt sich nicht abschließen. Thura kommt rein, zieht den Duschvorhang auf und betrachtet mich.

    "Lass mich in Ruhe!", rufe ich.

    Später kriecht sie neben mich aufs Sofa und erzählt ihrer Mutter: "Er hat einen kleinen Pimmel." Anschließend versucht sie, mich im Schritt zu kneifen.

    Jetzt greift Marjolein ein: "Das darfst du auch nicht bei deinem echten Vater." Sie fügt hinzu: "Layla ist auch so von Pimmeln fasziniert. Dann steckt sie sich was in die Unterhose und sagt, das sei ihr Pimmel."

    Im japanischen Restaurant geht alles ganz gut. Mein Patenkind und seine Mutter Marianne kommen vorbei, ebenso Marjoleins Hebamme, die auch eine Freundin ist. "Sie haben mich ein wenig lieb und ich sie", sage ich zu Marianne.

    "Du kannst nirgends weggehen, ohne dass die Leute dich lieb gewinnen. Das schaffst du einfach nicht", antwortet sie trocken.

    Unter einer Decke mit Meerjungfrau

    Diese Nacht schlafe ich endlich in dem großen Bett, in dem Marjolein, die vier Kinder und manchmal auch der Vater liegen. Die Kinder unter einer roten Decke mit weißen Tupfen, ich unter der Decke mit der Meerjungfrau.

    Es wird gekotzt, es gibt Anfälle von Durchfall und Ronja legt regelmäßig ihren Arm auf meinen Kopf, als wäre ich ein Kissen.

    Am nächsten Tag kommt der echte Vater an. Ich gebe ihm die Hand. Die Situation ist ein wenig unbehaglich.

    Die Kinder vergessen mich auf der Stelle, aber das ist gut so.

    Ich fürchte, ich bin ein besserer Ersatzvater als Vater. Solange ich weiß, dass ich weg kann, passe ich mich mühelos an.

    Der Entzug dauert dieses Mal etwa vierundzwanzig Stunden.

    Serienende.

    Übersetzung aller Serienteile ins Deutsche: Andrea Kluitmann

    (Arnon Grünberg, 6.10.2017)

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