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Porträt9. November 2017, 10:10

Anna Paul


foto: simon oberhofer
Anna Paul studierte Architektur und untersucht nun gesellschaftliche wie individuelle Zugänge zu Materie und Objekten.

"In die Wiener Szene kommt durch die Eröffnung neuer Galerien gerade Bewegung. Als lebenswerte Stadt bietet Wien leistbaren Raum, was in die Entscheidung internationaler Künstler und Künstlerinnen, ihre Basis in Wien aufzuschlagen, mit hineinspielt. Da leisten es sich Offspaces und Projekträume, Positionen zu zeigen, die nicht kommerziell erfolgreich sind, und schaffen es so, die Szene in ihrer Gesamtheit abzubilden. Die Ausstellungsmöglichkeiten sind grundsätzlich vielfältig, wenn man sich nicht auf Kunsträume beschränkt.

Ich lasse meine Arbeiten gern mit kunstfernen Orten in Beziehung treten, für In Form kommen stellte mir etwa der Wiener Athletiksport-Club seine Tennishalle zur Verfügung. Attraktiv ist in Wien auch die Vielfalt an Förderungen, die Kunstproduktion unterstützt oder erst möglich macht. Ich wünsche mir aber, dass "Blockbuster"-Ausstellungen – wie etwa über Schiele – vom Tourismusressort und nicht vom Kunstressort gefördert werden."

foto: dominik geiger
In einer Tennishalle ließ Paul Versatzstücke des Sports neu "In Form kommen".

Andreas Fogarasi

foto: guillermo mendo
Andreas Fogarasi erhielt 2007 den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig und 2016 den Msgr.-Otto-Mauer-Preis.

"Wien ist in den letzten Jahren viel internationaler und offener geworden, es ist keine Stadt mehr, die man nach dem Studium sofort verlassen muss. Reisen sollte man jedoch so viel wie möglich, um sich einen gesunden Außenblick zu bewahren. Dabei erkennt man, dass Wiens Schwächen zugleich seine größten Stärken sind, seine Langsamkeit etwa. Dass Künstler und Künstlerinnen nicht direkt nach dem Diplom bei Galerien landen, erlaubt es ihnen, ein Werk konsequent zu entwickeln, ohne gleich vom Druck, verkäufliche Ware produzieren zu müssen, kompromittiert zu werden.

Für die Jahre des Reifens gibt es eine funktionierende Infrastruktur von Offspaces, Stipendien, leistbaren Ateliers und diskursivem Input. Das (Über-)Leben von Künstlern jeden Alters würde erleichtert, wenn wahrgenommen werden würde, dass künstlerische Arbeit auch abseits des Kunstmarktes entlohnt werden muss – staatliche Förderungen sollten nur jene Institutionen erhalten, die für Ausstellungen faire Honorare zahlen."

foto: patrick lópez jaimes
Installationen wie "The Roof is on Fire" untersuchen städtebauliche Strukturen.

Lisa Truttmann

foto: nora sweeney
Lisa Truttmann ist Medienkünstlerin und Filmemacherin und studierte an der Angewandten und am California Institute of the Arts.

"In den letzten Jahren war ich viel im Ausland. Immer, wenn ich zurückgekommen bin, musste ich mir meinen Platz wieder neu schaffen, mich positionieren, mich öffnen für das, was in der Zwischenzeit passiert ist. Vorteilhaft ist da, dass Wien sich verhältnismäßig langsam bewegt. Zu schätzen weiß ich auch die öffentlichen Fördermöglichkeiten für Kunst – durch den Vergleich mit den USA wurde mir das bewusst.

Mit Galerien habe ich wenig Erfahrung, vielleicht mache ich nicht die passenden Arbeiten. Ich denke, Bewegtbilder und Videoinstallationen sind am Kunstmarkt immer noch schwer anzubringen, die Alternative sind öffentliche Häuser, Festivals, Offspaces, Eigeninitiativen. Daher muss man sich ständig um Präsenz bemühen, was zäh ist und oft ans Existenzlimit drängt. Aber irgendwie wurschtelt man sich durch, und es ergeben sich doch schöne Möglichkeiten. Letztlich habe ich das Gefühl, dass Inhalte immer noch im Vordergrund stehen und sich hier die richtigen Leute finden und zusammentun."

foto: lisa truttmann
Impression der BKA-Residency in Shanghai, die in eine Videoinstallation einfließt.

Anna Vasof

foto: anna vasof
Anna Vasof erhielt jüngst den H13-Performancepreis des Kunstraumes Niederösterreich.

"Wien ist zwar groß, aber im Vergleich zu anderen Städten ruhig wie ein Dorf. Das hilft, wenn man sich konzentrieren will. Nach Ausstellungsmöglichkeiten habe ich hier nie intensiv gesucht. Ich stelle viele meiner Arbeiten ins Internet. Obwohl das manchmal oberflächlich ist, motiviert es mich und ermöglicht Austausch, oft werde ich so zu Ausstellungen eingeladen. Galerievertretung ist etwas, bei dem ich nie verstanden habe, wie es funktioniert.

Das ist keine Welt, die mich inspiriert, ich suche nach ehrlichen und poetischen Situationen. Aber vielleicht finden die sich ja eines Tages in der elitären Kunstwelt – man weiß nie, wo sich die Poesie versteckt! Von der Kunst wünsche ich mir weniger Projekte mit "konzeptuellen" Rechtfertigungen. Ich wünsche mir mehr Künstler, die sich wirklich für Kunst interessieren, nicht für das Drumherum. Ich wünsche mir eine Kunstszene, die mehr Leute inspirieren kann, als das der Fußball tut."

foto: anna vasof
Anna Vasofs Performanceminiaturen suchen das Skurrile im Alltäglichen.

Alfredo Barsuglia

foto: alfredo baruglia
Alfredo Barsuglia beschäftigt sich in seiner Arbeit immer wieder mit dem Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit.

"Wien hat in Österreich einen hohen Stellenwert als Kunststandort, zumal – trotz ambitionierter Initiativen der Bundesländer – die Kunstszene im restlichen Österreich meines Erachtens eher schrumpft. Aber auch international gesehen verstehe ich Wien als guten Standort und sicheren Ausgangspunkt für Künstlerinnen und Künstler. Dass die Kosten für den Lebensunterhalt weiterhin moderat sind, ist insbesondere für junge Kunstschaffende wichtig. Allerdings ist Österreich eher eine behütete Versuchsstätte als der Nabel der Welt.

Es darf aber nicht vergessen werden, dass Wien auch artverwandten Disziplinen der bildenden Kunst, wie Tanz, Performance, Design, Mode, Literatur oder Musik, eine relativ hohe (Über-)Lebenschance bietet. Die jüngsten Entwicklungen am Kunstmarkt, dass einige renommierte Galerien und Kunstinstitutionen schlossen oder ins Ausland abwanderten, sehe ich nicht unbedingt negativ, denn das schafft Platz für Neues und bricht scheinbar festgefahrene Strukturen auf."

foto: alfredo barsuglia
Tatort Kunstmesse – eine Installation Barsuglias bei der Parallel Vienna.

Anna-Sophie Berger

foto: klaus pichler
Anna-Sophie Berger studierte Modedesign an der Universität für angewandte Kunst, 2016 gewann sie den Kapsch Contemporary Art Prize.

"Wien hat durch ertragbare Immobilienpreise und hohen Lebensstandard eine praktische Attraktivität. Daher lässt sich Qualität zu guten Preisen produzieren. Die Kunstunis führen zu einer aktiven Offspace-Kultur, die sehr spannend sein kann. Die Institutionen genießen international hohes Ansehen; aufgrund des eher konservativen Budgetsystems gibt es aber eine Deckelung der Möglichkeiten, sodass es für junge Künstlerinnen schwierig ist, über einen gewissen Punkt zu wachsen, ohne Wien zeitweilig zu verlassen.

Ich wünsche mir besseren Journalismus und mehr Kunstkritik, mehr junge Kuratoren und für diese auch mehr Spielraum. Ich unterrichte an meiner ehemaligen Uni und merke, dass die Klassen im Hinblick auf die Qualität stark variieren, das Theorieangebot jedoch sehr gut ist. Mir fehlen experimentelle Alternativen zum Kunstgeschichtestudium für kuratorischen Nachwuchs und Kunstkritik, die unbedingt mit der Qualität und den Möglichkeiten für die Künstlerinnen einer Stadt zusammenhängt."

foto: apa/roberto luigi
In der Galerie Emanuel Layr in Rom kettete Berger eine Stahlbox voll Kohlen an.

Johann Lurf

foto: pressefoto lackinger
Johann Lurf ist Experimentalfilmer, seine Filme zeigte er u. a. auf der Viennale und dem International Film Festival Rotterdam.

"Die Position Wiens als Ort zeitgenössischen Kunstschaffens sollte gestärkt werden, da es international viel Resonanz gibt. Für die geringe Größe der Stadt ist der Output enorm, er muss aber auch konstant gefördert werden. Fotochemischer Film ist aus Museen, Ausstellungen und dem Diskurs nicht wegzudenken, ist aber trotz seiner Eigenschaften als langlebiges, archivtaugliches Medium in Galerien und Sammlungen unterrepräsentiert. Da fehlt es den Sammlerinnen und Sammlern oft an Mut und Knowhow.

Durch den Verlust der Filmkopierwerke ist die Produktion vieler Künstlerinnen und Künstler ins Stocken geraten, da in andere Länder ausgewichen werden muss. Die Stadt Wien ignoriert die Situation und akzeptiert den Verlust eines ganzen Mediums, das international seit Jahrzehnten stark nachgefragt wird – das ist fahrlässig. Bemühungen, ein offenes Filmlabor zu schaffen, sind bisher einem typisch österreichischen Kleinkrieg zum Opfer gefallen, der allen Beteiligten nachhaltig schadet."

foto: johann lurf
Von der Vespa aus filmte Lurf Bausünden an Kreisverkehren in Niederösterreich.

Katherina Olschbaur

foto: anna mitterer
Katherina Olschbaur lebt und arbeitet in Wien und Los Angeles, 2017 war die Malerin Artist in Residence der Red Gate Gallery in Beijing.

"Das Besondere an Wien ist, dass es hier Zeit gibt. Alles dauert länger, man kritisiert, bewundert, will alles in Ruhe betrachten (nächtelang trinken, schwelgen, diskutieren). Das ist gut, um ein tiefgehendes Werk zu entwickeln, aber man ist auf sich selbst gestellt. Ich habe einen Freundeskreis mit großartigen Künstlern aus verschiedenen Disziplinen. Gemeinsam organisieren wir immer wieder selbst Ausstellungen.

Viel gute Kunst findet in Wien im Off-Kontext statt, langsam interessiert das auch Galerien. Sammler gibt es zwar, aber seit der Nachkriegszeit auch ein andauerndes Vakuum. Wir haben unsere guten Leute, das gebildete jüdische Bürgertum, das die Wiener Moderne ermöglichte, vertrieben oder umgebracht. Was folgte, war – bis auf wenige Ausnahmen – ein zwar besitzendes, aber heimattümelndes Bürgertum. Durch die kritische Arbeit von zwei Generationen hat sich viel getan. Jetzt wird sich zeigen, ob Österreich weltoffen bleibt oder sich zurück in die Lederhosen und Berghütten verkriecht." (Kathrin Heinrich, Roman Gerold, Rondo, 9.11.2017)

foto: werkstadt graz und christine könig galerie
Olschbaurs Gemälde beschäftigen sich mit Strukturen und deren Auflösung.

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