Ein Plädoyer für das Tagträumen

    31. Oktober 2017, 10:06
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    Die Lust an Leistung erhalten? Durch die Aktivierung des Tagträumernetzwerkes im Gehirn kann das gelingen, sagt Neurobiologe Bernd Hufnagl

    Die Digitalisierung unserer Welt ist trotzdem für viele Menschen ein Segen. Undenkbar, dass wir noch vor wenigen Jahren zur Informationssuche und -übermittlung Stunden und Tage benötigt haben. Wir sind durch die technischen Innovationen der letzten Jahrzehnte schneller geworden. Die Flut an leicht verfügbaren Informationen, die uns aus allen möglichen Geräten entgegenschwappt, entspricht im Wesentlichen der Informationsflut, der unsere Vorfahren in Savanne oder Urwald ausgesetzt waren.

    Jeder kann sich die Situation vorstellen: Nach zwei Tagen im Regenwald würden wir alle das Rascheln, Zwitschern und Kreischen kaum mehr wahrnehmen. Der Grund ist unser effizienter Aufmerksamkeitsfilter, der alle Geräusche, die als nicht lebensbedrohlich erkannt und bewertet wurden, ausblendet. Unsere Aufmerksamkeit würde dann nur mehr von einem unvorhersehbaren lauten Knacksen erregt werden und unseren Fokus in Sekundenbruchteilen umleiten.

    Stress ist die Folge

    Der Aufmerksamkeitsfilter funktioniert daher nach dem Prinzip eines gelernten Vorurteils: Er erkennt immer wiederkehrende Muster und verbindet sie mit einer subjektiven Bewertung. Dieser Filter hemmt effizient unseren Angst- und Neugierimpuls, der unseren mentalen Fokus steuert. Permanente Ablenkung würde uns zu stark ermüden und unsere Sicherheit gefährden.

    Und gerade dieser Filter funktioniert in der (Arbeits-)Welt der permanenten Ablenkungen nicht: Immer wiederkehrende Muster können kaum erkannt werden, alles lenkt uns ab und erregt unsere Aufmerksamkeit. Angst- und Neugiertrieb sind ständig aktiv, Muße, Geduld, innere Ruhe und Tagträumen wird zur absoluten Seltenheit. Stress ist die Folge, was in diesem Zusammenhang dazu führt, dass wir die Welt als beschleunigt wahrzunehmen beginnen.

    Zunehmende Jammerkultur

    Biologisch sind wir auf so eine Situation bestens vorbereitet, wir werden sensibler für Negatives und Bedrohliches und beginnen, Situationen sehr einseitig zu beurteilen. Das kann dazu führen, dass man beispielsweise nach einem Urlaub nur mehr zwei Dinge in Erinnerung behält: Es hat zweimal geregnet, und das Hotelzimmer war am Anreisetag nicht rechtzeitig bezugsfertig. Vergessen wurde, dass Flug, Wetter, Ausflüge und Abschlussabend perfekt waren. Das mündet in einer weiteren Verstärkung des Problems. Ein Teufelskreis, der in einer generell zunehmenden Dramatisierungs- und Jammerkultur sichtbar wird.

    Warum Muße so wichtig ist, wissen wir, seit das sogenannte "Ruhe- oder Tagträumernetzwerk" in unserem Gehirn entdeckt wurde: Es ist inaktiv, wenn wir uns mit etwas beschäftigen oder uns digital berieseln lassen, und wird nur dann aktiv, wenn unsere Gedanken ziellos zu schweifen beginnen. Wenn wir innerlich loslassen, sinnieren und reflektieren. Und nur dann können wir uns selbst hinterfragen und gewinnen gesunden Abstand zu unserer eigenen Wahrnehmungswelt. Mehr noch, auch unsere Empathiefähigkeit hängt von der Aktivität dieses Netzwerks ab. Mit anderen Worten: Wir spüren nur, was andere spüren, wenn wir ein Mindestmaß an innerer Ruhe haben.

    Fatale Auswirkungen

    Gedanken werden bei aktivem Ruhenetzwerk sortiert, und Wichtiges kann von Unwichtigem unterschieden werden. Stress und innere Getriebenheit verhindern also die Aktivierung dieses wichtigen Netzwerks in unserem Gehirn, was dazu führt, dass wir in einem "To-Do-Listen-Abhakmodus" verharren und (nur noch) "funktionieren". Das mag den getriebenen Chef freuen, den Arzt und Therapeuten aufgrund möglicher gesundheitlicher Konsequenzen eher nicht.

    Stimmt also die Hypothese, dass unsere Arbeitswelt keine idealen Rahmenbedingungen für nachhaltige Motivation mehr bietet? Sind Führungskräfte und Mitarbeiter Opfer des komplizierten "Systems", oder sind wir eigenverantwortlich für die Schaffung hirngerechter Bedingungen? Eines sollten Sie unbedingt wissen: Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen dem Gefühl der Selbstbestimmtheit und der Fähigkeit, sich von unbeeinflussbaren Lebensbedingungen unabhängig zu machen. Wenn wir uns als hilflose Passagiere unserer täglichen Arbeit fühlen, hat das fatale Auswirkungen auf Motivation und Leistungsbereitschaft. Unzählige wissenschaftliche Daten zeigen, dass es nicht die objektiv messbaren Anstrengungen und Rahmenbedingungen sind, die wir fürchten sollten, sondern der "gefühlte" Verlust an "Hebeln" in unserem Leben.

    Auch Leistung nimmt ab

    Ohne das Gefühl der Selbstwirksamkeit beginnen wir, die Welt als immer unüberschaubarer, die Fülle an Aufgaben als immer weniger bewältigbar zu empfinden. Alles scheint uns plötzlich zu komplex. Wenn man einmal tatsächlich Opfer ungünstiger Rahmenbedingungen ist, bringt auch das ständige Jammern keine persönlichen Vorteile, auch wenn es kurzfristig Linderung verschaffen mag, sich auf ein gemeinsames Feindbild einzuschwören. Wir lernen dabei, hilflos zu sein, und müssen mit den Konsequenzen leben. Arbeiten und Führen bedeutet "Funktionieren" im permanenten "Multitaskingmodus".

    Das klingt durchaus attraktiv und nährt die Hoffnung, dass wir dadurch nachhaltig und effizient Höchstleistung erbringen können. Aktuelle Untersuchungsergebnisse und unsere jahrelangen Beobachtungen zeigen allerdings ein ganz anderes Bild: Gerade aufgrund von Fragmentierung und Vergleichzeitigung unserer (agilen) Arbeitsprozesse – eine Folge der Digitalisierung – werden negative Effekte auf unsere Leistung und unsere Gesundheit immer deutlicher sichtbar.

    Gemeinsame Feindbilder

    Wenn man die Grundlogik der Arbeitsweise unseres Gehirns versteht, erkennt man das zentrale Problem der digitalisierten Arbeitswelt: Seit Jahrmillionen entsteht bei Säugetieren das befriedigende Gefühl der Belohnung und die Bereitschaft zur Energieinvestition (Motivation) durch Anstrengung – und zwar dann automatisch, wenn man auch zeitnah sieht, wofür man sich angestrengt hat. In der Welt der Handwerker (oder eben beim Rasenmähen) ist es eine klare Angelegenheit, am digitalisierten Arbeitsplatz die Ausnahme.

    Dieses Problem betrifft Führungskräfte und Mitarbeiter gleichermaßen: Unser Belohnungssystem interpretiert Arbeit plötzlich als nicht mehr lohnenswert und empfindet sie nur noch als anstrengend. Der Sinn der Arbeit wird emotional nicht mehr "verstanden".

    Als Herdentiere sind wir darüber hinaus auf ein "Wir gegen Andere" programmiert und suchen uns immer ein gemeinsames Feindbild: Gibt es ein klares gemeinsames Ziel außerhalb der Herde (Firma, Familie, Kultur), wird es zu enger Kooperation kommen; gibt es dieses Ziel nicht mehr, oder wird es zu oft gewechselt, so entsteht Konkurrenz innerhalb des eigenen Systems. Und plötzlich glauben Gruppen, Abteilungen und ganze (Firmen-)Bereiche, genau zu wissen, wer schuld daran ist, dass es nicht gut läuft.

    Sich in andere hineinversetzen

    Die kollektive Opferrolle fördert nachweislich Überlastung, sowohl auf individueller, als auch auf systemischer Ebene. Es ist nämlich nicht nur die Menge an Arbeit, sondern das Gefühl der Fremdbestimmung, das uns demotiviert und krank machen kann. Und letztlich sind jene Menschen von Demotivation oder Überlastungserkrankungen betroffen, die aufgrund ihrer persönlichen Prädisposition und ihrer privaten und beruflichen Rahmenbedingungen besonders empfindlich sind.

    Ein gesunder Arbeits- und Führungsstil setzt neben einem achtsamen Lebenswandel das Interesse an der Sache und vor allem das Interesse an anderen Menschen voraus. Die Bereitschaft, eine Pufferrolle einzunehmen und Druck nicht ungefiltert an Kollegen und Mitarbeiter weiterzugeben, ist ebenso weiterhin zu fördern wie die Motivation, sich mit den stetig wandelnden Zielen identifizieren zu wollen. Voraussetzung dafür ist es, Probleme zu relativieren, ohne sie zu bagatellisieren, und zu versuchen, eine andere Perspektive einzunehmen. Dann sollte es gelingen, sich in die Situation eines Mitarbeiters, Kollegen, Partners zu versetzen und nicht unreflektiert die Meinung und Einstellung anderer zu übernehmen.

    Tagträumernetzwerk

    Dazu ist es notwendig, das Tagträumernetzwerk aktivieren zu können. Nur so kann die Lust an der Leistung nachhaltig erhalten, eine positive (Unternehmens-)Kultur gefördert und letztlich der Rahmen für eine immer agiler werdende Welt geschaffen werden.

    Und vielleicht fällt dann auf, dass wir derzeit in einer Welt leben, in der global gesehen noch nie so wenige Menschen gehungert haben oder an Gewalt sterben mussten. Das sollte keineswegs über Einzelschicksale, die es auch bei uns gibt, hinwegtäuschen, soll aber aufzeigen, dass ein bewusster Perspektivenwechsel beruhigend und damit gesundheitsfördernd ist. (Bernd Hufnagl, 31.10.2017)

    Bernd Hufnagl ist Neurobiologe und Autor des Titels "Besser fix als fertig! Hingerecht arbeiten in der Welt des Multitasking".

    • "Warum Muße so wichtig ist, wissen wir, seit das sogenannte 'Ruhe- oder Tagträumernetzwerk' in unserem Gehirn entdeckt wurde: Es ist inaktiv, wenn wir uns mit etwas beschäftigen oder uns digital berieseln lassen, und wird nur dann aktiv, wenn unsere Gedanken ziellos zu schweifen beginnen."
      foto: getty images

      "Warum Muße so wichtig ist, wissen wir, seit das sogenannte 'Ruhe- oder Tagträumernetzwerk' in unserem Gehirn entdeckt wurde: Es ist inaktiv, wenn wir uns mit etwas beschäftigen oder uns digital berieseln lassen, und wird nur dann aktiv, wenn unsere Gedanken ziellos zu schweifen beginnen."

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