Im Kopf des Todesschützen

    Kommentar der anderen5. Oktober 2017, 22:12
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    Nach dem Massaker von Las Vegas rätselt die Polizei weiter über die Motive des Täters. Die meisten Amokläufer leiden an einem überzogenen Selbstbild: Sie ziehen aus, um sich an allen anderen zu rächen

    Am vergangenen Wochenende hat Stephen Paddock aus einem Hotel in Las Vegas das Feuer auf die Besucher eines Country-Musik-Festivals eröffnet und mindestens 59 Menschen getötet und mehr als 500 weitere verletzt. Paddock, ein 64-jähriger pensionierter Buchhalter, der vorher nie in Konflikt mit dem Gesetz geraten war, wurde schließlich tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden; zusammen mit 23 Schusswaffen, darunter mehr als zehn Sturmgewehre. Bei der anschließenden Durchsuchung von Paddocks Haus fand die Polizei weitere 19 Schusswaffen und mehrere Tausend Schuss Munition. Was die Behörden bisher vergeblich suchen, ist ein Motiv.

    Es werden bestimmt noch weitere Details über Paddocks Gesinnung und seine Ziele ans Licht kommen. Amokschützen vom Typ "einsamer Wolf" – Einzeltäter ohne Verbindungen zu einer Bewegung oder Ideologie – sind allerdings kein neues Phänomen, und frühere Vorfälle liefern wichtige Erkenntnisse über die Beweggründe und Denkvorgänge von Amokschützen.

    Die meisten Amokschützen überleben ihre Attentate nicht; entweder töten sie sich selbst oder sie lassen sich von der Polizei erschießen. Doch diejenigen, die überlebt haben, weisen einige Gemeinsamkeiten auf: Narzisstische Persönlichkeitsstörung und paranoide Schizophrenie sind die beiden häufigsten Diagnosen. So auch bei dem rechtsextremen Terroristen Anders Breivik, der 2011 in Norwegen 69 Teilnehmer eines Sommercamps für Jugendliche erschossen hat.

    Untersuchungen des Verhaltens vor einem Attentat bekräftigen diese Auffassung. Für sein Buch The Wiley Handbook of the Psychology of Mass Shootings hat Grant Duwe, der die Abteilung Forschung und Evaluation der US-Gefängnisbehörde von Minnesota leitet, 160 Amokläufe in den Vereinigten Staaten im Zeitraum zwischen 1915 und 2013 untersucht.

    Duwe hat festgestellt, dass bei 60 Prozent der Täter vor dem Attentat entweder eine psychische Erkrankung diagnostiziert wurde oder diese Anzeichen für eine schwere psychische Störung aufwiesen. Rund ein Drittel hatte Kontakt zu Psychotherapeuten, die in den meisten Fällen paranoide Schizophrenie diagnostizierten. Die zweithäufigste Diagnose lautete Depression.

    In Anbetracht der Tatsache, dass die meisten Menschen, die an solchen Störungen leiden, keine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen, lässt sich aus diesen Diagnosen allein noch keine Erklärung ableiten. Duwe zufolge könnte der Unterschied zum Teil in akutem Verfolgungswahn liegen – und in einem brennenden Wunsch nach Rache.

    Seine Auffassung wird von Paul Mullen, einem forensischen Psychiater aus Australien, bekräftigt. Basierend auf der von ihm persönlich durchgeführten, eingehenden Untersuchung von fünf Massenmördern ist Mullen zu dem Schluss gelangt, dass derartige Mörder damit zu kämpfen haben, ihr überzogenes Selbstbild mit ihrem Unvermögen in Einklang zu bringen, beruflich erfolgreich zu sein oder eine Beziehung zu führen. Die einzige Erklärung, die sie hierfür finden, sind andere, die es darauf anlegen, sie zu sabotieren.

    Tatsächlich zeigt Paul Mullens Studie, dass der Weg zum Massenmord eher stereotyp verläuft. Alle von ihm untersuchten Massenmörder wurden als Kinder schikaniert oder sozial ausgegrenzt. Alle verhalten sich misstrauisch und rigid, was dazu beigetragen hat, ihre Isolation zu vertiefen. Für ihre Probleme machen sie stets andere verantwortlich, und sie sind überzeugt davon, von den Menschen in ihrem Umfeld abgelehnt zu werden ? ob sie selbst für Überdruss gesorgt haben könnten oder zu egozentrisch waren, fließt nicht in ihre Überlegen ein.

    Die von Mullen untersuchten Personen hegen einen obsessiven Groll gegen jeden, den sie als Teil der Gruppe oder des Umfeldes betrachten, das ihnen die Zugehörigkeit verwehrt hat. Sie grübeln unaufhörlich über Erniedrigungen in der Vergangenheit nach; eine Gewohnheit, die zunächst Verbitterung und letztlich Rachefantasien nach sich zieht. Durch Massenmord können sie sich makabre Berühmtheit verschaffen und denjenigen Leid zufügen, die ihnen in ihrer Wahrnehmung Leid zugefügt haben.

    Logik der Bestrafung

    Vor diesem Hintergrund wird meist eine verzerrte Logik in der Auswahl der Opfer von Amokschützen deutlich. Bei sogenannten School-Shootings, wie beim Amoklauf an der Columbine High School 1999, ist die Logik klar: Bestraft werden diejenigen, die die Täter sozial ausgegrenzt haben. Auch sind Entlassungen oft der Auslöser für Amokläufe am Arbeitsplatz. Doch sogar in Fällen, in denen die Opfer zufällig scheinen, kommt irgendwann eine Logik zum Vorschein, und sei es eine Bestrafung der Allgemeinheit.

    Im Fall Stephen Paddock sind viele Fragen noch offen, etwa warum er ein Attentat auf genau dieses Konzert verübt hat. Aber die ersten Umrisse seiner Geschichte werden langsam sichtbar. Die Einordnung als Einzelgänger wird von einem Nachbarn bestärkt, der gesagt hat, der "kauzige" Paddock sei "für sich geblieben"; neben ihm zu wohnen sei "wie neben nichts wohnen" gewesen. Ebenfalls bekannt geworden ist eine Klage wegen Fahrlässigkeit, die Paddock 2012 gegen ein Hotel in Las Vegas eingereicht hat, in dem er gestürzt war. Prozesssucht kann ein Merkmal verbitterter und paranoider Menschen sein.

    Duwe behauptet entgegen der allgemeinen Auffassung, dass solche Amokschützen nicht "einfach durchdrehen". Obwohl rund zwei Drittel der Täter, die öffentlich Amok laufen, unmittelbar vor ihrem Attentat ein traumatisches Ereignis erleben – normalerweise der Verlust des Arbeitsplatzes oder einer Beziehung -, verbringen die meisten Wochen oder sogar Jahre damit, ihre Rache gründlich durchzudenken und vorzubereiten. In Paddocks Fall könnte ruhige und durchdachte Planung das Waffenarsenal in seiner Wohnung und im Hotelzimmer erklären, das er einige Tage vor dem Attentat angemietet hat.

    Nach einem Massaker verübt mehr als die Hälfte der Amokläufer entweder sofort Selbstmord oder provoziert die Polizei, sie zu töten. Lässt sich daran erkennen, fragt Duwe, wie groß die psychische Qual dieser Täter ist? Möglicherweise glauben sie, ihr qualvolles Dasein nicht länger ertragen zu können.

    Mullen behauptet, dass das Drehbuch für diese besondere Form des Suizids zum Bestandteil der modernen Kultur geworden ist und weiterhin bereitwillige Darsteller finden wird. Wenn es uns nicht gelingt, die Erkenntnisse, die wir aus früheren Erfahrungen gewonnen haben, zu nutzen, um sie davon abzuhalten, die Bühne zu betreten, werden sie weiterhin das Publikum ins Visier nehmen. (5.10.2017)

    Raj Persaud ist Facharzt für Psychiatrie und Koautor des in Kürze erscheinenden Buchs "The Streetwise Person's Guide to Mental Health Care".

    Adrian Furnham ist Professor für Psychologie am University College London und Autor des in Kürze erscheinenden Buchs "The Psychology of Disenchantment".

    Aus dem Englischen von Sandra Pontow © Project Syndiacte, 2017

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      foto: ap photo/gregory bull

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