Alexander Horwath: Vom Trost an einem Ort der Freiheitsliebe

    6. Oktober 2017, 12:53
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    15 Jahre lang hat Alexander Horwath als Direktor das Österreichische Filmmuseum geleitet – am 12. Oktober endet diese Ära. DER STANDARD hat fünf Menschen mit Liebe zum Kino nach denkwürdigen Momenten rund um das unsichtbare Kino gefragt

    Wien – Filme öffnen mitunter Augen, aber auch Leute, die sie auswählen. Die Programme zu Dario Argento oder dem New American Cinema, die Horwath als Leiter der Viennale gezeigt hat, gehören zu meinen prägendsten und schönsten Seherfahrungen im Kino überhaupt. Für die Documenta 12 bestand er auf dem Kino als Normalfall des Films – entgegen allen anderslautenden Standards des Kunstbetriebs, der gerade die Definitionshoheit über das Künstlerische am Film übernimmt. Während man sich in Deutschland wirklich schämen muss, wem da die Meinungsführerschaft politisch übertragen wurde zu Themen wie "Filmerbe" oder "Filmmuseum", gab es in Wien immer diesen Ort, der wie zur Warnung an seine Tür schrieb, hier erfolge die Ausstellung auf der Leinwand.

    Dieser Ort hatte immer etwas Tröstliches, weil er noch nicht kuratorisch und akademisch durchexerziert war, weil er Denken noch zuließ gegenüber einer entfesselten Kulturindustrie, die Ratlosigkeit des entronnenen Einzelnen gegenüber gesellschaftlichem Kreativitätsdiktat und kulturwirtschaftlicher Zwangskollektivierung.

    Lars Henrik Gass
    Leiter Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

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    Mich verbindet mit der Ära Horwath im Filmmuseum eine besondere Zeit in meinem Leben. 2004 kam mein Film Hotel heraus und sorgte bei Publikum und Kritik für Zwiespalt. Was die einen originell fanden, fanden die anderen misslungen. Und ich und meine Mitstreiter begannen, an dem Film zu zweifeln. Ich hinterfragte, was ich für Filme machen will.

    Ich ging ins Filmmuseum. Es gab Utopie Film / 100 Vorschläge.

    Ich sah in dieser Reihe u. a. L'armée des ombres, Les yeux sans visage und Le cochon. Ein philosophischer Politthriller, ein Horror-/Mysteryfilm und ein sachlich gehaltener Arbeitsvorgang über die Schlachtung und Verwertung eines Schweins. Diese Filme haben mich zurückgeholt in diesen unantastbaren Raum, in dem man Filme machen kann, nach denen man sich sehnt, die einem kühn und unerwartet, witzig und subversiv, kantig und neu vorkommen, ungeachtet der Meinung der anderen. Im Nachhinein würde ich sagen, dass es zwar die Filme waren, die mich gerettet haben, aber die Art der Auswahl des Programms ebenfalls. Sie war auf eine Weise originell und persönlich, dass jeder Film für sich stehen konnte und einer üblichen Einordnung und Beurteilung entging. Und plötzlich war ich mir wieder sicher, dass alles möglich ist ...

    Jessica Hausner
    Filmemacherin ("Amour fou")

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    Aus dem Schatten, ins Licht

    Alexander Horwath ist ein Mensch, der keinen besonderen Wert darauf zu legen scheint, dass man ihn als Person kennt. Seine öffentliche Existenz war immer mit dem Medium Film verbunden und ist quasi in ihm enthalten. Vielleicht ist er gerade deshalb in meiner Wahrnehmung so präsent. Mein Bild von ihm: Ich betrete ein Grazer Kino. Es ist Diagonale-Zeit. Ich bin viel zu früh, und das Foyer ist menschenleer. Nur im hinteren Teil hört man das Personal miteinander plaudern. Auf einmal tritt jemand aus dem Schatten einer Nische in den Lichtschein der beleuchteten Filmplakate und reicht mir die Hand. Es ist Alexander Horwath. Wir wechseln ein paar Worte über meinen ersten eigenen Film. Alexander Horwath hat eine sanfte, sonore Stimme, die sein Wesen vollkommen ausdrückt. Und was er sagt, glaubt man ihm. Auch das, was er nicht sagt. Zum Abschied nicken wir einander zu. Dann verschwindet er wieder hinter die beleuchteten Filmplakate in den Schatten der Nische.

    Karl Markovics, Schauspieler und Regisseur ("Atmen")

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    Meine erste Reise nach Wien erfolgte vor mehr als einem Jahrzehnt. Ich war sofort (weil ich Kanadierin bin wahrscheinlich) von der rauchgeschwängerten Luft in der Lobby des Filmmuseums verblüfft. Zigaretten, von Wein befeuerte Gespräche und der Enthusiasmus einer langen Schlange von Leuten vermischten sich. Zur Hälfte Bar, zur Hälfte Laden, war das Filmmuseum anders als jede Kinemathek, die ich gesehen hatte. Mit Sinn für aufgescheuchte Unordnung, die der Aufregung und dem Begehren für ein gemeinsames Kinoerlebnis entstieg.

    Eine meine unvergesslichsten Erinnerungen war es, der Einführung einer eleganten und leicht fragilen Marie Rivière von Eric Rohmers Le rayon vert zuzuhören, ein Film, zu dem ich eine beängstigende Nähe empfinde; und auf den stürmischen und brillanten Jean-Pierre Gorin zu treffen, anlässlich seiner Essayfilm-Reihe The Way of Seeing. Aus dieser Begegnung wurde eine spontane und lebenslange Freundschaft, die mit einem absurd schwungvollen Streit über Pasolini begann, woraus dann schnell mehr wurde. Alexander Horwath hat während seiner Direktion seine Hingabe zu großem Kino verbreitet und genährt – mit seiner Pflege des Filmerbes, aber auch durch die Begegnung mit den Lebenden.

    Andréa Picard leitet das "Wavelength"-Programm beim Filmfestival Toronto und das Pariser Cinéma-du-réel-Festival

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    "Überfilm" über Filme

    Ich nahm nach vielen Jahren das Buch Film als subversive Kunst (1974) von Amos Vogel aus meinem Bücherschrank und las die Einleitung von Alexander Horwath, Herausgeber der 1997 erschienenen deutschen Ausgabe.

    In Bewunderung für den 1938 aus Wien in die USA geflohenen Cineasten, Kurator und Kritiker Amos Vogel, der Cinema 16 und das New York Film Festival gründete, schreibt er: "Der Gestus des begeisterten 'Herzeigens' von Filmen, die phantasievolle Verbindung sehr verschiedener Werke, die Betonung des Abseitigen, Raren, neu Entdeckten ist unmittelbare Folge einer Arbeit, die immer mit seinem Gegenüber, einem Publikum in Beziehung trat. Statt einer hermetischen 'Philosophie des Kinos' ist Film als subversive Kunst daher viel eher eine sehr persönliche Wunderkammer und wie ein Film zu lesen – ein 'Überfilm' über Filme." Dies scheint mir programmatisch für die 15 Jahre von Horwath als Filmmuseumsdirektor – die anarchische Komposition eines Programms mit dem Impetus, um die Augen zu öffnen.

    Eine Bestimmung, dass Horwath die Bibliothek des 2012 verstorbenen Amos Vogel nach Wien ins Filmmuseum retten konnte. (Ich arbeitete an diesem Projekt in New York.) Amos Vogel schreibt: "Denn das Thema dieses Buches ist menschliche Freiheit, und ihre Wächter sind zu allen Zeiten und unter allen Bedingungen die Rebellen." Ich erinnere mich gern an flammende Reden von Alexander Horwath zu einer Utopie Kino bis spät in die Nächte in Komplizenschaft mit allen, für die das Kino Ort der Freiheitsliebe ist.

    Martina Kudlácek
    Filmemacherin

    (6.10.2017)

    • Der scheidende Filmmuseum-Direktor Alexander Horwath im unsichtbaren Kino – wo denn sonst!
      apa/herbert neubauer

      Der scheidende Filmmuseum-Direktor Alexander Horwath im unsichtbaren Kino – wo denn sonst!

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