"Orakel und Spektakel": Die Verschiebung der Welt in den Sätzen

    5. Oktober 2017, 15:37
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    Das Kabinetttheater gibt ein Fest für Unica Zürn: Ein dramatisches Anagramm in erhebenden Tönen

    Wien – An Unica Zürn muss man erinnern. Die deutsche Surrealistin (1916-1970) wäre im Vorjahr 100 Jahre alt geworden, was weitgehend unerwähnt blieb. Das passt zu ihrer Geschichte – zumindest wurde das literarische Schaffen der gebürtigen Berlinerin zeitlebens kaum beachtet. Bekannt wurde sie später vor allem für ihre Anagramme.

    Ein Fall für das Kabinetttheater, das sich oft filigranen (und nicht selten vergessenen) Werken widmet.

    Es ist eine ungewöhnliche Collage der Texte Zürns, die Natascha Gangl, selbst Schriftstellerin, zu dem Abend Orakel und Spektakel angeordnet hat. Sie hat die im Verlag Brinkmann & Bose erschienene Gesamtausgabe durchforstet und aus diversen Texten (Der Mann im Jasmin oder Das Haus der Krankheiten) ein eigenes "dramatisches Anagramm" erstellt, durch das sie als Erzählerin führt.

    Semantisches Würfelprinzip

    Ein Anagramm ergibt sich durch das Umstellen einer Buchstabenfolge zu einer neuen sinnfälligen Buchstabenfolge. Das funktioniert auch mit Silben, Wörtern oder ganzen Sätzen.

    Diesem semantischen Würfelprinzip folgend, ordnet Gangl neun Kapiteln an, die vor allem dem Augenmotiv aus dem Werk der Autorin und Zeichnerin folgen. Ein Schuss, den ein Augenpaar abfeuert und der durch die Brust dringt, steht am Beginn eines Abends der besonderen Töne.

    Den charakterstarken, gewitzten Stab- und Aufziehpuppen von Julia Reichert und Christian Schlechter weht ein zartes Dolby-Surround-Stimmengewirr um die Ohren sowie der Sprechgesang von Maja Osojnik, die zu ihrer betörenden Altstimme am Pult Elektrosounds kreiert. Der Wortkosmos Zürns ersteht so als Klangwelt.

    Heiteres Unbehagen

    Der Abend erschafft hohe atmosphärische Dichte: heiteres Unbehagen, Sehnsucht nach Wundern, schicksalhaftes Spiel, in dem Worte denkwürdig verschwinden – sei es als literarisches Prinzip oder als Moment geschlechterpolitischer Kritik: Einmal picken Hühner den Schriftzug weg, ein andermal zieht die als Wort aufgelegte Schnur einfach Leine. (Margarete Affenzeller, 5.10.2017)

    Bis 12. 10.

    Kabinetttheater

    • Natascha Gangl als Erzählerin in "Orakel und Spektakel" im Kabinetttheater.
      foto: armin bardel

      Natascha Gangl als Erzählerin in "Orakel und Spektakel" im Kabinetttheater.

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