Böse Körperideale: Wenig Spielraum für reale Körper

    12. Oktober 2017, 09:00
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    Zu dick oder zu dünn: Hauptsache, unzufrieden. Die aktuellen Mode-Debatten lassen wenig Spielraum für reale Körper. Auch Etiketten wie "Curvy Fashion" erzeugen bloß neue Klischees. Ein Aufschrei!

    Die Darstellung von Frauen in der Werbung ist noch immer ein Thema für sich. Es geht jetzt nicht um halbnackte Models auf schnittigen Autos, sondern um ganz banale Dinge. Warum müssen Frauen immer blöd lächeln, wenn sie gerade einen Salat verzehren? Als wäre Essen eine Sünde, die man sich nur verschämt gönnen darf. Männer haben in Werbungen für Griller, selbst wenn sie genauso stupide in die Kamera grinsen, zumindest selbstbewusst ein Bier in der Hand.

    Nichts ist so heiß umkämpft wie der Körper, der in neoliberalen Zeiten ein Minenfeld geworden ist. Dass viele der Models gefährlich dünn sind, darüber herrscht theoretisch Konsens, aber gleichzeitig ist nichts schlimmer, als dick zu sein (darüber sind sich alle einig). Vorbei sind die Tage, als übergewichtige Politiker wie Helmut Kohl für Stabilität standen. Selbstoptimierung ist auch im Parlament die halbe Miete, wie in "Mad Men" sollte man schon aussehen, macht Kanzler Christian Kern persönlich vor, wenn er joggen geht und seine Social-Media-Beauftragten mitrennen müssen, um Kampagnenfotos zu machen.

    In einer zunehmend unüberschaubaren und unkontrollierbaren Welt ist der eigene Körper die letzte Bastion, die man nach eigenem Willen formen kann. Man sieht sofort Resultate, was süchtig machen kann. Wenn man die entsprechenden Bilder auf Instagram teilt, folgt zusätzliche Bestätigung fürs Ego. Im Grunde ist die ständige Arbeit am Körper ein neues Biedermeier: der Rückzug in den privaten Bereich, wo es noch heimelig ist – Marmelade einkochen und posten, die Wohnung wie alle einrichten, aber sich dabei total individuell fühlen und den eigenen Körper optimieren, um dafür möglichst viele Likes zu bekommen.

    Muskelsucht

    Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man auf sich schaut und fit bleibt. Aber im Moment tendiert alles ins Extrem: "Muskelsucht ist die Magersucht der Männer", stellte "Der Spiegel" bereits 2013 fest. Laut einer US-Studie finden junge Männer jene Körper am attraktivsten, die durchschnittlich 14 Kilo mehr Muskelmasse haben als ihr eigener, berichtete die "Süddeutsche Zeitung" kürzlich. Die Buben verschlingen kiloweise Hühnerbrust aus Massentierhaltung und unzählige Eier, um schnell Muskelmasse aufzubauen. Und auch wer kein Fleisch isst, hat mitunter andere Gründe, als man vermuten würde. War man früher Vegetarier, weil man moralisch nicht vertreten konnte, dass Tiere für einen sterben müssen, so geht es heute oft um den Hashtag #cleaneating: der Körper als Tempel.

    Chowing down on my fave bowl of Bali goodness! 🌴🍌🍓 @nalubowls #bali ab❤x

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    Kein Thema erzürnt so schnell die Gemüter wie das Essen und das Gewicht. Jeder hat eine Meinung. Kein Wunder: Auf Alkohol und Drogen kann man verzichten, aber essen muss jeder. Das macht Ernährung für viele zu einem täglichen Kampf. Aber, wo großer Druck herrscht, macht sich auch Widerstand breit. Gerade in der Mode lässt sich eine Tendenz beobachten, unrealistische Körperbilder zu hinterfragen.

    In Frankreich müssen Models seit heuer ihren Gesundheitszustand von einem Arzt bescheinigen lassen, um gefährliches Untergewicht zu verhindern. Die Zahlen sind alarmierend: Rund 600.000 junge Menschen leiden in Frankreich unter Essstörungen, davon 40.000 unter Anorexie.

    Dass in der Werbung geschönte Bilder von Frauen zu sehen sind, ist nur eine Seite der Medaille. Wie viel Sinn macht es, von einem Ideal auszugehen, wenn die Realität ganz anders aussieht? Die durchschnittliche Konfektionsgröße bei Frauen liegt im deutschsprachigen Raum bei 42 – bei der spanischen Modekette Mango beginnen die Übergrößen ab 40. Da wird der Durchschnitt zur Ausnahme.

    Protest gegen Body-Shaming

    Fashion-Bloggerinnen und Konsumentinnen wollen nicht länger hinnehmen, dass schicke Mode nur für dünne Menschen zugänglich sein soll. Sie protestieren gegen "Body-Shaming" und Shopping-Benachteiligung. Aber gleichzeitig posieren Plus-Size-Supermodels wie Ashley Graham in neckischen Posen mit wenig Kleidung. Warum bitte muss man dauernd in Unterwäsche herumrennen, wenn man sich angeblich wohlfühlt in seiner Haut?

    ⚡️thick

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    "Models with curves" liegen im Trend – aber damit beginnt ein neuer Teufelskreis. Wenn schon Übergröße, dann bitte möglichst "weiblich": voller Busen, extrem schmale Taille, kurvige Hüften, lange Beine. Ein Frauenbild, das allerdings maximal fünf Prozent aller Plus-Size-Damen abdeckt. Über "curvy" schleicht sich ein neuer Sexismus ein: Man zeigt üppige Frauen, die sich verführerisch räkeln, Püppchen, die sich in enge Kleider zwängen, fast schon fetischhaft ihre Rundungen zur Schau stellen. Aber wie alltagstauglich ist dieser Look? Und warum soll man, nur weil man nicht gertenschlank ist, wie ein süßes Zuckerl aussehen wollen?

    Es braucht keine neuen Begriffe für Übergrößen. Ein Großteil der Frauen, die keine Traummaße haben, möchte weder bestraft noch zum Fetisch gemacht werden. Bei "Molligenmode" denkt man an unförmige Säcke, die einen wie ein Zelt aussehen lassen, an Umstandsmode für Frauen, die gar nicht schwanger sind. Wenn man schon keine Idealmaße hat, sollte man besser nicht auffallen. Dabei wollen dicke Menschen einfach nur shoppen, was ihre dünnen Freundinnen auch im Schrank haben. Wie es scheint, ist es noch ein langer Weg, halbwegs normal mit unseren Körpern umzugehen.

    Nur eines hat sich verändert: Männer haben mittlerweile fast genauso viel Stress wie Frauen, wenn es um ihren Body geht. Wahrscheinlich müssen sie in Zukunft auch blöd lächeln, wenn sie Salat essen. (Karin Cerny, RONDO Exklusiv, 12.10.2017)

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    • Nicht alle Körper werden gephotoshopt. "Weekday" setzt auf reale Körper.
      foto: weekday

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