Zuerst ein Infekt, dann Gelenksschmerzen

    3. Oktober 2017, 07:41
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    Die infektreaktive Arthritis tritt nach einer überstandenen Krankheit auf. Dabei greift das Immunsystem Sehne und Bänder an – auch bei jungen Menschen

    Es beginnt immer harmlos. Mit einer bakteriellen Infektion des Darmes, der Geschlechtsorgane, der Harn- oder Atemwege. Nichts Dramatisches, bisweilen übergeht man als Betroffener diesen Trigger und tut ihn als das ab, was er eigentlich ist: ein kleines Wehwehchen. Doch die eigentlichen Probleme beginnen, wenn dieser Infekt längst abgeklungen sein sollte. Nach zwei bis vier Wochen treten die ersten Symptome auf, Schmerzen in den Gelenken, zumeist den tragenden der unteren Extremitäten, dem Knie- oder Sprunggelenk.

    Das ist der Zeitpunkt, an dem man sich direkt an den Rheumatologen wenden sollte. Denn der anfangs harmlose Infekt hat nun eine Gelenksentzündung ausgelöst, eine Arthritis. Aufgrund der Entstehungsgeschichte der Krankheit wird sie als infektreaktive Arthritis bezeichnet. Meist sind nur ein oder wenige Gelenke betroffen, in seltenen Fällen kann sich die Krankheit aber auch zur Polyarthritis, bei der sich viele Gelenke entzünden, entwickeln. Und bisweilen kann sie auch von Gelenk zu Gelenk wandern, bis hin zu den Ellbogen oder Fingern.

    Liegt in den Antigenen

    Die Mechanismen hinter der Krankheit sind bis heute nicht zur Gänze erforscht. Was aber als gesichert gilt ist, dass humane Leukozyten-Antigene (HLA-B27) eine zentrale Rolle einnehmen. Diese sind für Rheumapatienten von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Denn wer HLA-B27-positiv ist, es also in sich trägt so wie rund zehn Prozent der europäischen Bevölkerung, der hat eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit, an reaktiver Arthritis zu erkranken. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber man geht davon aus, dass mehr als 65 Prozent der Betroffenen, manche Studien sprechen gar von bis zu 96 Prozent, HLA-B27 positiv sind.

    Man vermutet heute, dass der ursprüngliche Infekt bei reaktiver Arthritis als Trigger fungiert und HLA-B27 den Körper in der Folge auf eine falsche Fährte lockt. Denn während die eigentliche Infektion längst abgeklungen ist, verwechselt das Immunsystem nun HLA-B27 mit diesen Bakterien oder anderen Erregern und bekämpft den vermeintlichen Feind weiter. Mit dem Ergebnis, dass der Körper sich selbst angreift.

    Während rheumatische Erkrankungen gemeinhin als Gebrechen der älteren Generation gelten, treten reaktive Arthritiden vor allem bei Menschen unter 40 Jahren auf. Hierin liegt auch eine Schwierigkeit bei der Diagnose. Daher ist es wichtig zu beachten, dass es sich um eine systemische Erkrankung handelt, die sehr oft mit einer Konjunktivitis, also einer Bindehautentzündung, oder Hautläsionen einhergeht.

    Verwirrtes System

    Bei der Therapie ist zu beachten, in welchem Stadium sich die Betroffenen befinden. Wenn es darum geht, den ursprünglichen Trigger-Infekt zu behandeln, sind meist Antibiotika die Mittel der Wahl. Waren etwa Chlamydien, die durch Sexualkontakt übertragen werden, der Auslöser, so sollte auch der Partner kurzzeitig mit Antibiotika behandelt werden, um einer erneuten Infektion vorzubeugen. Auf die eigentliche Arthritis hat die Therapie mit Antibiotika keine Auswirkungen, allerdings ist sie notwendig, um die ursprünglichen Erreger zu beseitigen und Rückfällen vorzubeugen. Ob eine mehrmonatige antibiotische Kombinationstherapie die Arthritis zum Ausheilen bringen kann, ist jedoch umstritten, schreibt Andreas Krause von der Deutschen Rheuma-Liga.

    In Fällen, in denen die ursprüngliche Infektion mild verläuft, konsultieren Patienten meist erst dann einen Arzt, wenn sich die ersten Anzeichen der Gelenksentzündung bemerkbar machen. Ab diesem Stadium ist die Gabe von nicht-steroidalen Antirheumatika induziert. Medikamente wie etwa Ibuprofen, die einerseits die Entzündung hemmen und andererseits den Schmerz bekämpfen, reichen in der überwiegenden Zahl der Fälle als Therapie aus. Zusätzlich können schmerzhafte Schwellungen, die an den Gelenken entstehen, durch intensive Kältelokaltherapie gelindert werden.

    Therapeutische Optionen

    Bei schweren Verläufen, also dann, wenn die Entzündung nicht abklingt, kann die kurzzeitige Gabe von Cortison, notfalls auch direkt ins betroffene Gelenk gespritzt, Abhilfe schaffen. Bei einer kleinen Gruppe von Betroffenen, genauere Zahlen dazu sind nicht zu finden, kann die Krankheit chronisch werden. In diesem Fall eines hyperreaktiven Immunsystems wird die Behandlung mit sogenannten Basistherapeutika, wie Sulfasalazin oder Methotrexat, empfohlen.

    Wichtig sind neben der medikamentösen Therapie auch physiotherapeutische Maßnahmen, um die Rückbildung der Muskulatur zu verhindern und die Beweglichkeit der Gelenke zu erhalten. Das ist vor allem bei schweren Verläufen, wenn die Mobilität über Monate eingeschränkt wird, von großer Bedeutung für die spätere Genesung.

    Die gute Nachricht: Reaktive Arthritiden sind keine lebensbedrohlichen Krankheiten und verursachen nur selten dauerhafte Gelenkschäden. Die durchschnittliche Erkrankungsdauer beträgt sechs Monate. Bei 20 bis 40 Prozent der Fälle entwickeln sich jedoch chronische Beschwerden. Gesicherte Zahlen zur Wahrscheinlichkeit eines Rückfalles gibt es nicht, sie ist jedoch bei HLA-B27-positiven Patienten höher. Eine häufige, aber minder schwere Folge der Erkrankung ist eine intensive Wetterfühligkeit. (Steffen Arora, 3.101.2017)

    Zum Weiterlesen:

    Studie: Wetter nur indirekt schuld an Gelenkschmerzen

    Warum die rheumatoide Arthritis chronisch wird

    Wenn das Öffnen des Marmeladeglases schmerzt

    Infektreaktive Arthritiden: Was tun, was nicht?

    Es gibt keine wirkliche Prophylaxe bei infektreaktiven Arthritiden. Allerdings empfehlen Experten zur Vorbeugung rheumatischer Erkrankungen, im Alltag auf gesunde Ernährung zu achten. Dabei sollte man vor allem den Anteil an Rohkost und Fisch auf dem Speiseplan erhöhen und zugleich auf fettes Fleisch verzichten. Alkohol, in Maßen genossen, ist bei Rheuma kein Problem. Im Gegenteil, ein Glas Rotwein kann sogar positive Effekte haben. Absolut verzichten sollte man als Rheumapatient jedoch auf Zigaretten. Hier gilt, dass jeder einzelne Glimmstängel einer zu viel ist. Schließlich empfiehlt es sich, die Gelenke durch regelmäßige Bewegung geschmeidig zu halten. Wobei man allerdings auf Extrembelastungen verzichten sollte. Wichtig ist in dem Zusammenhang, Übergewicht und damit Zusatzbelastung zu vermeiden.

    • Wenn es schmerzt, eine Faust zu machen, kann das ein Zeichen für eine rheumatische Erkrankung sein.
      foto: istockphoto

      Wenn es schmerzt, eine Faust zu machen, kann das ein Zeichen für eine rheumatische Erkrankung sein.

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