Umweltmedizinerin: "Natur regt automatisch zur Bewegung an"

    Interview30. September 2017, 12:52
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    Die Fachärztin Daniela Haluza spricht darüber, was Wälder, Berge und Wiesen für die Gesundheit tun können – vorausgesetzt, wir nutzen sie als Bewegungsraum

    STANDARD: Welchen Effekt hat Bewegung im Grünen? Was kann die Natur besser als das Fitnesscenter?

    Haluza: Im Vergleich zum Fitnessstudio schafft eine natürliche Umgebung vielfältigere Anreize für den Körper. Es werden genau die Muskelgruppen deutlich stärker trainiert, die ich für alltägliche Bewegungsabläufe benötige. Auch das Balancegefühl und die Hand-Fuß-Koordination werden besser geschult. Im Fitnessstudio besteht oft die Gefahr, dass nur einzelne Muskelpartien gleichförmig trainiert werden – etwa die der Oberarme oder des Bauchs.

    STANDARD: Wie wirkt Bewegung in freier Natur auf die Psyche?

    Haluza: Die Sinne werden anders angesprochen – etwa durch unterschiedliche Farben, Reflexionen oder Naturgeräusche. Das fördert die Entspannung und reduziert den Stresspegel. Eine grüne Umgebung senkt zudem den Blutdruck und erhöht die Herzratenvariabilität, die wichtig für die Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Belastungen ist. Auch die Schlafqualität verbessert sich nach einem Aufenthalt im Grünen.

    STANDARD: Was sind die Gründe dafür, dass Menschen Indoorangeboten den Vorzug geben?

    Haluza: Bequemlichkeit ist ein zentraler Faktor. In der Stadt benötige ich, um ins Grüne zu gelangen, meistens deutlich längere Wege. Häufig geht es im Indoorsport auch darum, ein bestimmtes äußeres Erscheinungsbild zu generieren und damit körperlichen Normvorstellungen zu entsprechen.

    STANDARD: Beeinflusst die Natur, wie viel sich ein Mensch bewegt?

    Haluza: Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass sich Menschen, die in der Nähe von einem Park wohnen, etwa dreimal mehr bewegen als Menschen, die keine Grünflächen in Wohnortnähe haben. Natur regt automatisch zur Bewegung an.

    STANDARD: Würden Sie Joggen in der Stadt empfehlen?

    Haluza: Grundsätzlich ist jede Form von Bewegung gut. Wien zählt zu den saubersten und grünsten Städten der Welt. Dennoch ist es ratsam, möglichst weit weg von stark befahrenen Straßen wie dem Gürtel zu laufen.

    STANDARD: Ist die Lust an der Natur auch eine Frage des Alters?

    Haluza: Besonders Kinder lieben die Natur. Bei Teenagern und jungen Erwachsenen ist die Freude, sich im Grünen aufzuhalten, weniger stark ausgeprägt. Mit dem Alter wächst die Sehnsucht nach natürlichen Lebensräumen jedoch wieder. (Günther Brandstetter, 30.9.2017)

    Zur Person: Daniela Haluza lehrt und forscht seit 2009 als Fachärztin sowie Umweltmedizinerin an der Abteilung für Umwelthygiene und Public Health der Medizinischen Universität Wien.

    Zum Weiterlesen:

    Was die Natur besser kann als das Fitnesscenter

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