Kulturminister Drozda: "Auch Karajan hatte keinen Doktortitel"

    27. September 2017, 07:00
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    Der frühere Theatermanager ist seit eineinhalb Jahren SPÖ-Kulturminister. Im Gespräch kritisiert er die Zusammenarbeit in der Koalition und verteidigt Personalentscheidungen wie die Bestellung von Bogdan Roščić für die Staatsoper

    Wien – Bei seinem Amtsantritt im Mai 2016 habe er ein Déjà-vu in mehrerlei Hinsicht gehabt. Nicht nur deshalb, weil er als Mitarbeiter von Franz Vranitzky und Viktor Klima schon einmal fünf Jahre im Bundeskanzleramt zu tun hatte, sondern auch weil dort "25 Jahre später noch immer dieselben Fragen diskutiert werden", wie Thomas Drozda (SPÖ) im Gespräch mit dem STANDARD sagt.

    Als Quereinsteiger im Gefolge von Christian Kern wollte der gebürtige Oberösterreicher, der zuvor 17 Jahre lang die finanziellen Belange von Burgtheater und Vereinigte Bühnen Wien geleitet hatte, unbedingten Veränderungswillen an den Tag legen. Er ließ Künstlerateliers bauen, lobte neue Staatspreise aus und erhöhte die Stipendien für alleinerziehende Künstler. "Da gab es enorme positive Resonanz. Es ist selten, dass man in der Bundespolitik Maßnahmen setzen kann, die derart direkt bei den Menschen ankommen", so Drozda.

    Verbessert habe er nicht nur die soziale Lage der Kulturschaffenden, sondern auch den Umgang mit der Opposition: "Es ist wichtig, zunächst einmal zuzuhören. Erfahrene Kulturpolitiker wie Wolfgang Zinggl haben schon etwas zu sagen." Mit Zinggl (zuerst Grüne, jetzt Liste Pilz) oder auch FPÖ-Kultursprecher Walter Rosenkranz sei die Zusammenarbeit über weite Strecken "deutlich kollegialer" gewesen als mit Maria Fekter von der ÖVP. Generell habe ihn das "Ausmaß an mangelnder Partnerschaft in der Koalition überrascht".

    Dass SPÖ und ÖVP sich allerdings zuletzt einig waren, den faktisch wilden Abgeordneten Zinggl in den von ihm maßgeblich angestoßenen Unterausschuss hinsichtlich Problemen beim Denkmalamt nicht mehr zuzulassen, sei "keine gute Entscheidung" gewesen, meint Drozda. Aber am Ende hätten das die Klubchefs zu entscheiden, nicht er.

    Lieber wäre Drozda eine letzte großkoalitionäre Zusammenarbeit vor der Wahl bei seinen Reformplänen für die Bundesmuseen. Das von Experten erarbeitete Weißbuch sieht vor allem eine engere Zusammenarbeit und inhaltliche Abstimmung zwischen Albertina, Kunsthistorischem Museum, Belvedere und Co vor. Die hätten sich seit der Ausgliederung "zwar erfolgreich, aber in Parallelwelten agierend entwickelt", so Drozda.

    Einem Fristsetzungsantrag zur Umsetzung wollte die ÖVP nicht zustimmen. "Jetzt gibt es einen Initiativantrag von Wolfgang Zinggl und uns, den wir im letzten Plenum am 12. Oktober beschließen könnten." Die FPÖ sei zumindest inhaltlich interessiert.

    Eilig hatte es der Minister zuletzt auch mit seiner Personalpolitik: Martin Kušej wird 2019 die Burg übernehmen, Eike Schmidt im selben Jahr das Kunsthistorische, Bogdan Roščić 2020 die Staatsoper. Dass dessen Doktorarbeit, die derzeit auf Plagiat geprüft wird, noch zum Problem werden könnte, glaubt Drozda nicht: "Ich gehe davon aus, dass sich die Vorwürfe nicht bestätigen. Außerdem wurde er aufgrund seiner Vorstellungen und Ideen bestellt und nicht wegen seines Titels. Auch Karajan hatte keinen Doktortitel. Roščić genießt mein uneingeschränktes Vertrauen."

    15 Millionen zusätzlich

    Auch seinen umstrittenen Deal zur Rettung der Sammlung Essl verteidigt der Minister. Die Bilder sollen als Dauerleihgabe unter Aufwendung von Steuermitteln an die Albertina gehen und im von Hans Peter Haselsteiner sanierten Künstlerhaus gezeigt werden. Die Finanzierung des Vorhabens (1,1 Millionen jährlich) erfolgt dieses Jahr aus dem laufenden Budget, der Rest ist noch Verhandlungssache.

    Den von einigen Parteien bekrittelten Mangel an Transparenz kann Drozda nicht nachvollziehen: "Die Kulturfinanzierung des Bundes ist sehr transparent. Wir tragen auch alles in die Transparenzdatenbank ein. Da gibt es, denke ich, bei den Ländern Nachholbedarf." In einer zu etablierenden Konferenz sollten diese sich auch künftig besser mit Bund und Gemeinden kulturpolitisch abstimmen, so die Forderung.

    Das Wahlprogramm der SPÖ sieht 15 zusätzliche Millionen für Kultur vor: Förderungen sollen sich mit der Inflation automatisch erhöhen und ein eintrittsfreier Tag in der Woche für alle Bundesmuseen etabliert werden. Als Fernziel hält Drozda auch eine gemeinsame Jahreskarte der Museen für "notwendig". Außerdem will er Kulturagenden des Außen-, Wirtschafts- und Bildungsministeriums in einem Ressort bündeln.

    Über ein Fotomuseum und einen Neubau für das Haus der Geschichte solle man in künftigen Legislaturperioden nachdenken, meint Drozda. Gibt es auch einen Plan B, falls es nichts wird? "Ja. Ich würde auch die ehrenvolle Aufgabe in der Opposition wahrnehmen und SPÖ-Kultursprecher werden." (Stefan Weiss, 27.9.2017)

    • Thomas Drozda (52) hätte mit der Kulturnation noch Pläne. Er fordert  15 Millionen mehr Budget.
      foto: andy urban

      Thomas Drozda (52) hätte mit der Kulturnation noch Pläne. Er fordert 15 Millionen mehr Budget.

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