Afrika ist dem Bundesheer näher, als man glauben würde

26. September 2017, 13:00
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Seit 1960 schickt Österreich immer wieder Soldaten in Konfliktgebiete, auch um Kameraden auszubilden

Wien – Der Senegal, Mali, die Zentralafrikanische Republik. Das scheinen alles sehr weit weg liegende Staaten zu sein. Im Verteidigungsministerium in der Wiener Rossauer Kaserne relativiert sich dieser Eindruck allerdings. Afrika ist nämlich über die Jahre zu einer Schwerpunktregion in der österreichischen Militärpolitik geworden.

Was macht ein kleines neutrales Land wie Österreich mit Soldaten in Afrika? Der Militärhistoriker Erwin Schmidl lächelt im STANDARD-Gespräch, als er darauf verweist, "dass viele jetzt realisieren, dass uns Afrika viel näher ist, als man das lange geglaubt hat". Schließlich kommt ein beachtlicher Teil der aktuellen Flüchtlingsbewegung aus Afrika. Geordnete Verhältnisse dort sind daher für Österreich bedeutsam. Schmidl: "Es ist im europäischen Interesse, dass in Afrika Stabilität herrscht – und damit ist es auch im österreichischen Interesse."

Kein Kolonialismus, daher unverdächtig

Wobei Österreich etwas einzubringen hat, was es anderen europäischen Ländern voraushat: Österreich war nie Kolonialmacht, wenn Österreich Soldaten schickt, dann steht es nicht im Verdacht, eine "hidden agenda" zu verfolgen.

Man vertraut der Partnerschaft mit dem Bundesheer – in vieler Hinsicht gilt es in afrikanischen Ländern als vorbildlich. Und zwar nicht nur dann, wenn österreichische Soldaten als Teil einer UN-Friedensmission stationiert werden, sondern auch dann, wenn es darum geht, lokale Truppen auszubilden.

Dies sei nicht immer einfach, erläutert Günther Barnet, der im Verteidigungsministerium für Afrika zuständig ist. In vielen afrikanischen Staaten sind die Armeen aus Angehörigen von verschiedenen Bürgerkriegsgruppen zusammengewürfelt, teilweise seien die einfachen Soldaten Analphabeten. Die Offiziere hätten – entgegen manchen Vorurteilen – aber oft einen sehr hohen Ausbildungsstand.

Schlechte Erfahrungen mit marodienden Soldaten

Nun aber komme es darauf an, welche Rolle das Militär in den einzelnen Staaten spielt – oder vielmehr gespielt hat. Denn vielfach misstraut die Bevölkerung den eigenen Soldaten, weil sie schlechte Erfahrungen mit marodierenden Truppenteilen gemacht hat.

Für ein funktionierendes Staatswesen ist aber wichtig, dass die Bürger Vertrauen in Militär und Polizei entwickeln – und genau dabei können die Soldaten des Bundesheeres helfen: "Die gesamte Zielsetzung ist, die afrikanischen Streitkräfte zu befähigen, eine vertrauenswürdige Institution zu sein. Also jemand, der als positiver Akteur wahrgenommen wird und vertrauensbildend wirkt."

Das könnte aus einer amtlichen Broschüre stammen, aber Barnet sagt diese Sätze im lockeren Gespräch – und man merkt, dass er daran glaubt. Er ist auch rasch mit Beispielen zur Hand, wo sich die Ausbildung zum Bürger in Uniform bewährt hat – und dafür, wie sich österreichisches Engagement imagebildend ausgewirkt hat.

Augenlicht eines Offiziers gerettet

Da ist etwa der Fall des Hauptmanns Innocent Massé aus der Zentralafrikanischen Republik: Dieser wurde von österreichischen Offizieren im Rahmen einer EU-Mission ausgebildet, er hatte einen exzellenten Ruf bei seiner Truppe, deren Menage er, wenn das Budget wieder mal knapp war, aus dem eigenen Sold bezahlt hat. Leider war der Hauptmann an grauem Star erkrankt – österreichische Sanitätsoffiziere haben ihm durch eine Operation in Österreich das Augenlicht gerettet.

Es sind aber nicht immer nur humanitäre Einsätze (begonnen hat das österreichische Afrika-Engagement 1960 mit einem Feldspital der Onuc-Mission im Kongo), die das Bundesheer nach Afrika führen. Vor zehn Jahren ging es um den Schutz von Flüchtlingen im Tschad. Das Verteidigungsministerium wollte damals zunächst mit einer Wasseraufbereitungsanlage (wie bei anderen humanitären Katastrophen) helfen, doch dann wurden bewaffnete Kräfte angefordert. Diese haben sich bewährt, Oberst Heinz Assmann wurde sogar Kommandant der gesamten Eufor-Truppe. Für das Bundesheer springt so nebenbei Erfahrung im realen Einsatz heraus. (Conrad Seidl, 26.9.2017)

  • Erfahrung sammeln in Afrika: Jagdkommando 2008 mit dem selbst umgebauten Kampffahrzeug Sandviper im Tschad.
    foto: conrad seidl

    Erfahrung sammeln in Afrika: Jagdkommando 2008 mit dem selbst umgebauten Kampffahrzeug Sandviper im Tschad.

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