Hunderte Kindstode in Indiens Spitälern

25. September 2017, 13:00
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In manchen Krankenhäusern starben binnen eines Tages dutzende Kinder. Kritiker sprechen von Systemversagen

Für Eltern kleiner Kinder verwandelte sich das staatliche Krankenhaus in der indischen Stadt Gorakhpur diesen Sommer in einen Vorhof zur Hölle. Nachdem an einem Nachmittag im August die Sauerstoffvorräte ausgegangen waren, händigten Krankenschwestern Eltern Pumpen für die manuelle Beatmung kranker Kinder aus. "Das waren die längsten zwei Stunden meines Lebens", sagt Ram Parsad. "Wir haben gepumpt und gepumpt, damit unserer Tochter nichts passiert." Das Mädchen überlebte, doch 23 Kinder starben an diesem Nachmittag. Eltern liefen hilflos mit den Leichen ihrer Kinder durch die Gänge.

Die Berichte in- und ausländischer Medien sorgten für einen Aufschrei. Inzwischen ist klar, dass der Vorfall nur die Spitze eines Eisbergs markiert. 70 Kinder starben allein im August im Gorakhpur Medical College im Bundesstaat Uttar Pradesh. Insgesamt weiß man vom Tod 220 kleiner Kinder in indischen Spitälern allein in jenem Monat. Wie viele es im ganzen Land waren, ist unklar.

"Schlechtes Gesundheitswesen"

"Es ist nicht Sauerstoffmangel, der jedes Jahr in Krankenhäusern in Uttar Pradesh hunderte Kinder tötet, es ist unser abgrundtief schlechtes Gesundheitswesen", analysierte die Zeitung Hindustan Times.

Zwar sinkt die Kindersterblichkeit in Indien seit Jahren und lag 2015 laut UN-Kinderhilfswerk Unicef bei 48 auf 1000 Lebendgeburten. Dennoch belegt das Land Platz drei in Asien, knapp hinter wesentlich ärmeren Staaten. Zum Vergleich: In Angola sterben 157 Kinder unter fünf Jahren auf 1000 Lebendgeburten, in Afghanistan 91, in China elf, in Österreich vier.

Geringe Gesundheitsausgaben

Nach 2017 präsentierten Plänen der Regierung von Premierminister Narendra Modi sollte Indien bis 2025 rund 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für das öffentliche Gesundheitssystem ausgeben. Bisher sind es nur 1,4 Prozent. Damit gehört Indien weltweit zu den Ländern mit den niedrigsten Gesundheitsausgaben, die im Schnitt bei knapp sechs Prozent des BIP liegen.

Hinzu kommen Strukturprobleme. Zwar fehlte im Spital von Gorakhpur Sauerstoff wegen einer nicht bezahlten Lieferantenrechnung, Ärzte wiesen aber auch darauf hin, dass viele Familien erst ins Spital kommen, wenn ihr Kind schon extrem geschwächt sei.

"Systematische Fehler"

"Gorakhpur ist ein Symbol für den Zusammenbruch der medizinischen Grundversorgung", sagt K. Srinath, Präsident der Public Health Foundation of India. Er fordert Fiebermedikamente und Sauerstoff für lokale Gesundheitszentren. Auch Sujatha Rao, ehemalige Sekretärin im Gesundheitsministerium und Autorin des Buches Do We care. India's Health System, beobachtet "systematische Fehler bei der Behandlung akuter Erkrankungen".

Schlechte Ausbildung und Bezahlung von Pflegepersonal und Ärzten auf dem Land tragen dazu bei, dass vor allem die ärmsten Menschen kaum Chancen auf eine vernünftige Behandlung haben. Zugleich verfügt Indien in Städten über private Krankenhäuser auf internationalem Niveau, die um Medizintouristen buhlen. (Britta Petersen aus Neu-Delhi, 25.9.2017)

  • Eine Frau kümmert sich um ihr Kind in einem Spital in der indischen Stadt Gorakhpur. Dem öffentlichen Krankenhaus dort ging im August der Sauerstoff aus – 23 Kinder starben.
    foto: afp photo / sanjay kanojia

    Eine Frau kümmert sich um ihr Kind in einem Spital in der indischen Stadt Gorakhpur. Dem öffentlichen Krankenhaus dort ging im August der Sauerstoff aus – 23 Kinder starben.

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