"Prometheus Unbound": Der Feuerbringer und seine verbrannte Erde

    24. September 2017, 17:39
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    Die Hauptschau des Festivals tastet sich durch die Geschichte

    Graz – Die Kamera tastet die grinsenden, manchmal schüchtern lächelnden Männergesichter ab. Manchmal kommt etwas mehr Bewegung oder ein polterndes Lachen in die Mimik der Männer. Vielleicht hat jemand unter den Kameraden einen Herrenwitz erzählt. Das Verstörende an der Gruppe, die hier von einem Kollegen und Amateurfilmer für die Ewigkeit festgehalten wurde und in der Neuen Galerie in Graz nun tonlos über die Wände flimmert: Alle tragen Wehrmachtsuniformen und sind an einer Front.

    Clemens von Wedemeyer ist einer der Künstler der diesjährigen Hauptausstellung des Steirischen Herbstes, Prometheus Unbound. In seinem Beitrag P.O.V. (Point of View) ging er in Film- und Mehrkanalinstallationen nicht chronologisch, sondern anhand verschiedener Blickwinkel an die Historie heran. Dabei wird Dokumentarisches mit fiktiven Figuren verbunden. In einer Arbeit zeigt er etwa 16-mm-Filme, die der adelige Hobbyfilmer und Rittmeister vor allem in Belgien und der Ukraine mit Pferden drehte. Aufnahmen einer zerstörten orthodoxen Kirche und eines toten Pferdes werden um einen Text über ein Massaker an 183 Juden, das gleich daneben vor sich ging, aber im Film nicht einmal erahnt werden könnte, ergänzt.

    Tröstlich und völlig fiktiv

    Eine andere Arbeit zeigt folgende in Belgien spielende Szene: Eine Frau bittet NS-Soldaten, eine Brücke mit ihren Kindern überqueren zu dürfen. Sie wird zurückgewiesen, ihr verzweifelter Blick trifft die Kamera, dann endet der Originalfilm. Von Wedemeyer erzählt die Geschichte aber mithilfe eines Videospieleentwicklers weiter. Der Ort wird mit Google Earth nachgebaut, die Frau bekommt als Spielfigur eine aktive Rolle, übernimmt die Kamera und flieht. Eine tröstliche, völlig fiktive Wendung.

    Luigi Fassi kuratierte die Ausstellung, die sich anhand der mythischen Figur des Prometheus, der in der Gegenwart als Urheber der Zivilisation und dessen, was wir Kultur nennen, interpretiert werden kann, mit der Frage im Leitmotiv des Festivals auseinandersetzt: "Where are we now?" Darüber hinaus fragen die Künstler: Wo bewegt sich europäische Kultur hin, wie geht sie mit anderen Kulturen um? Im ersten Raum stehen die vier Versionen der Prometheussage, wie Kafka sie sah, auf einer Tafel.

    Gesichter des Widerstands

    Die raumfüllenden Arbeiten von Friedemann von Stockhausen und Lothar Baumgarten spielen mit archaischen Elementen. Etwa Stockhausens zusammengeschnürte, am Boden liegende Fellbündel, in denen man ein Menschenopfer erahnen könnte, oder die Installation Baumgartens, die im Material direkt auf den Feuerbringer Prometheus anspielt: Asche, Lava, Knochen, Federn in einem schweren Schaukasten, der auf gebranntem, filigranem Zivilisationsmaterial lastet – auf vier Stapeln Porzellantellern.

    Jonathas de Andrade zeigt die vielen Gesichter seiner Heimat Brasilien anhand von Porträts, etwa von Arbeiterinnen. Die Fotografien umkreisen die Protagonisten, die für eine Geschichte von Kämpfen und Widerständen stehen. Die eingangs erwähnten Videoarbeiten von Wedemeyer stellen ebenso wie jene von Yervant Gianikian und Angela Ricci Lucchi, Vorreiter des experimentellen Films in Europa, vor allem ethische Fragen anhand von Kriegen, Vertreibungen und Unterwerfungen. Letztere montieren Material neu, kolorieren und inszenieren es auf der Suche nach versteckten Aspekten der offiziellen Geschichtsschreibung. (Colette M. Schmidt, 25.9.2017)

    • Jonathas de Andrade porträtierte brasilianische Arbeiterinnen.
      foto: wolf silveri

      Jonathas de Andrade porträtierte brasilianische Arbeiterinnen.

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