Chaos im Jugendzimmer: Kein Naturgesetz!

    Kolumne24. September 2017, 17:00
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    Das Thema Ordnung halten beschäftigt viele Familien, in denen Jugendliche leben. Was tun, wenn das Chaos im Kinderzimmer in den Himmel wächst?

    Frage

    Mich beschäftigt seit einiger Zeit das Thema "Zimmer aufräumen und Ordnung halten". Mein Mann und ich legen sehr viel Wert auf Ordnung, unser zwölfjähriger Sohn allerdings überhaupt nicht. Als er noch klein war, räumten wir immer gemeinsam nach dem Spielen seine Sachen weg. Es ist immer noch okay für uns, dass er weiterhin in der gesamten Wohnung spielt.

    Unser Sohn lässt gern seine Schultasche und auch andere Sachen einfach liegen. Mehrmals am Tag müssen wir ihn daran erinnern, seine Sachen wegzuräumen. Er macht das dann auch – würde aber nie auf die Idee kommen, es unaufgefordert zu tun. Weder in den gemeinsamen Räumlichkeiten noch in seinem Zimmer.

    So herrscht dort das absolute Chaos. Er meint auch manchmal, dass er deshalb seine Hausaufgaben nicht machen kann. Er weiß, dass uns seine Unordnung grundsätzlich nicht gefällt. Wenn sein Zimmer nicht in Ordnung ist, können wir damit leben, allerdings mit der Auflage, dass er alle zehn Tage Platz zum Saubermachen für unsere Haushaltshilfe schafft.

    Ich verstehe auch, wenn es ein paar Tage dauert, bis mein Sohn sein Zimmer wieder einigermaßen im Griff hat, aber die beinahe ständige Unordnung gefällt uns trotzdem nicht. Wir hätten gern ein paar Tipps, wie wir unseren pubertierenden Sohn dauerhaft dazu anregen können, Ordnung zu halten.

    Antwort

    Vielen Dank für Ihre Frage, die bestimmt viele Eltern beschäftigt. Mein erster Gedanke beim Lesen Ihrer Ausführungen war, dass Sie zu Hause möglicherweise zu wenig Raum für sich selbst als Erwachsene reservieren, weil es Ihnen so wichtig ist, Ihrem Sohn Raum zu geben.

    Das heißt also, dass Sie beide – Ihr Sohn und Sie selbst – sich ändern müssen. Sie werden besser auf Ihre Bedürfnisse, auf sich selbst und Ihre Grenzen achten müssen und dürfen das Beste erwarten. Denn das ist auch ein Geschenk an Ihren Sohn.

    Meine Idee für einen ersten Schritt ist, Ihren Sohn darauf aufmerksam zu machen. Sie können in Ihren eigenen Worten sinngemäß Folgendes zu ihm sagen: "In den letzten Jahren war es mir immer wichtig, Deinen persönlichen Raum zu respektieren und dass Du Dich zu Hause beim Spielen wohlfühlst. Mittlerweile sehe ich, dass die Situation etwas außer Kontrolle gerät. Mir wird klar, dass Dein Vater und ich vergessen haben, auf unsere Grenzen zu achten. Es ist so, dass Deine Unordnung auch unser Leben und die Atmosphäre zu Hause dominiert. Bitte sag uns, was Dir dazu einfällt, um wieder zu einer Ausgeglichenheit zu kommen. Du bist alt genug, und ich möchte keine Regeln aufstellen oder Dir Konsequenzen androhen, aber ich will, dass Du Dich einbringst. Denk ein paar Tage darüber nach und sag mir, welche Vorschläge Du hast."

    Vielleicht befürchten Sie, dass Ihr Sohn keine Vorschläge haben wird. Ich glaube allerdings, dass er welche machen wird, sofern Sie das wirklich wollen und auch von ihm erwarten. Es kann natürlich passieren, dass Ihr Sohn Ihnen etwas anbietet, was sich schwer umsetzen lässt. Bitten Sie ihn dann, selbst für die Umsetzung verantwortlich zu sein.

    Möglicherweise entschließt sich Ihr Sohn auch dazu, an der Ordnung im gemeinsamen Wohnbereich mitzuhelfen, möchte sein Zimmer aber so haben, wie es im Moment ist. In diesem Falle rate ich Ihnen, seinen Vorschlag zu akzeptieren. Sollte das Chaos in seinem Zimmer aus dem Ruder laufen, können Sie ihm anbieten, dass Sie beim Ordnungmachen mithelfen.

    Sie geben Ihrem Sohn durch diesen Prozess mit, dass es zunächst wichtig ist, persönliche Verantwortung zu übernehmen, um sich in weiterer Folge sozial verantwortlich entwickeln zu können. Lassen Sie sich nicht von Aussagen täuschen, dass das Verhalten Ihres Sohnes eine direkte Folge der Pubertät sei. Es mag zwar den Anschein haben – aber die Pubertät macht Veränderungen nicht unmöglich. Für Ihren Sohn ist es an der Zeit zu lernen, wie er sich auf gleichwürdiger Basis in die Familienkultur einbringt. (Jesper Juul, 24.9.2017)

    Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

    Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne erscheint am 8. Oktober 2017.

    • Das Hausen im Chaos ist häufige Begleiterscheinung der Pubertät. Aber keine zwangsläufige.
      foto: getty images/istockphoto/yuri_arcurs

      Das Hausen im Chaos ist häufige Begleiterscheinung der Pubertät. Aber keine zwangsläufige.

    • Der dänische Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
      foto: family lab

      Der dänische Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

    • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
      foto: family lab

      Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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