Arnon Grünberg: Ich bekomme Migräne

    Blog25. September 2017, 12:00
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    Serie Teil 5: Autor Arnon Grünberg ersetzt zwei Wochen lang nonstop einen Vater in einer Familie mit vier Kindern in einer niederländischen Stadt und erstattet täglich Bericht

    Obwohl es morgen erst so weit ist, feiern wir heute Zoras ersten Geburtstag. Girlanden werden aufgehängt, Besuch wird erwartet, auf jeden Fall Marjoleins Vater und ihre Reserve-Eltern, Jan und Liesbeth.

    Ich muss noch ein Geschenk besorgen. Später am Tag werde ich mit einer Flasche Kinderchampagner und Rosé Champagner für Mutter und Ersatzvater aufkreuzen, aber es wird sich herausstellen, dass die Mutter nicht trinkt.

    Während Marjolein Kuchen backt, versuche ich auf ihre Bitte, die jüngsten beiden Kinder zu beschäftigen, indem ich mit ihnen rumgehe. Die Akzeptanz des Ersatzvaters bei den beiden älteren lässt zu wünschen übrig. Das mag an mir liegen, aber was könnte ich besser machen? Wenn sie sich den Rotz an meiner Wange abwischen, akzeptiere ich das gelassen und denke: Morgen rasiere ich mich sowieso.

    Ich komme aus der Psychiatrie

    Nach dem Backen gehen wir am Fluss spazieren. Marjolein erzählt, Bedenken gegen Impfungen zu haben, weil sie bei Kindern zu Persönlichkeitsveränderungen führen können.

    "Das wusste ich nicht", sage ich.

    Der Besuch kommt an und wir setzen uns in den Garten.

    Cor, Marjoleins Vater, wendet sich an mich. "Ich komme aus der Psychiatrie", sagt er, "aber es geht ganz gut. Ich halte die Psychiatrie auf Abstand und lebe in leidlicher Freiheit."

    Marjolein hatte bereits erzählt, dass er Vater früher von Wahnen verfolgt wurde. Die Reserve-Eltern, bei denen sie eine Weile gelebt hat, sind beide Ärzte: sie Onkologin, er Internist. Über persönliche Angelegenheiten scheinen sie nicht gern zu reden.

    Opa Cor, für den ich intuitive Sympathie empfinde, hingegen redet viel. "Du bist Jude", sagt er zu mir, "Ja, was der Herrgott mit dem jüdischen Volk vorhat, das kann ich nicht nachvollziehen."

    "Sind Sie gläubig?", möchte ich wissen.

    "Das nicht, aber ich versuche, eine persönliche Beziehung mit dem Herrgott zu unterhalten."

    Ihre Worte rühren mich

    Eine persönliche Beziehung mit seiner Tochter und den Enkelinnen scheint ihn mehr Mühe zu kosten. Verglichen mit Menschen ist der Herrgott vermutlicherweise nur halb so schlimm.

    Als das Gespräch auf Kinder wie Kletteraffen kommt, sagt Opa Cor zu Liesbeth und Jan: "Ihr klettert bestimmt nicht mehr ineinander?"

    Kaum ist der Besuch weg, bekomme ich Migräne. "Bist du sensibel?", fragt Marjolein.

    "Keine Ahnung", sage ich.

    "Das erste, was mir auffiel, als ich dich zum ersten Mal sah, war, wie sensibel du bist."

    Vielleicht liegt es an der Migräne, aber ihre Worte rühren mich.

    "Ist es in Ordnung, wenn sich der Ersatzvater kurz ins Kinderzimmer legt?", frage ich.

    (Fortsetzung folgt morgen)

    (Arnon Grünberg, 25.9.2017)

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