Arnon Grünberg: Ich finde nichts komisch

    Blog22. September 2017, 11:36
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    Serie, Teil 3: Autor Arnon Grünberg ersetzt zwei Wochen lang nonstop einen Vater in einer Familie mit vier Kindern in einer niederländischen Stadt und erstattet täglich Bericht

    "Am liebsten wäre mir", sagt Marjolein, "der Ersatzvater würde jetzt vorlesen."

    Die Kinder wollen kein Buch, sie wollen einen Film. Sie wollen "Peter Hase", sie kriegen "Peter Hase". "Eigentlich versuche ich Filme zu vermeiden", sagt Marjolein, "aber manchmal kann ich nicht anders."

    Das Abendessen ist vorbei. Marjolein ist keine übertrieben ängstliche Mutter. Nasenschleim vermischt sich mit Essen, vor allem die Jüngste hat immer eine Rotznase. Essen und Schnodder fallen auf den Boden und werden später dennoch in den Mund gesteckt. Zu viel Hygiene schwächt den Menschen.

    Marjolein bittet mich, die stehengelassenen Nudeln der Kinder durch die Toilette zu spülen. Ich weiß nicht, ob das praktische oder rituelle Gründe hat.

    "Wenn du was komisch findest, sagst du's, ja?", fragt Marjolein.

    Ich finde nichts komisch.

    Im Badezimmer putze ich der Jüngsten die Zähne. Sie leckt die Zahnpasta von der Zahnbürste und presst danach den Mund zu. Ich schaffe es nicht, ihre Zähne zu putzen, wohl gelingt es mir, ihre Zunge mit der Zahnbürste in Berührung zu bringen.

    Das darf nur Papa

    Die Vaterschaft geht mit Scheitern einher, etwa alle fünf Minuten.

    "Lies Layla nur vor."

    Layla und ich gehen ins Zimmer oben, wo die Älteste schläft, obwohl sie die Gewohnheit hat, mitten in der Nacht zum großen Bett unten zu gehen und ihren Vater dort rauszuschubsen, der sich daraufhin notgedrungen oben ins Kinderbett legt. So wurde mir berichtet. Das Matriarchat fängt früh an.

    Ich darf nicht aus "Pippi Langstrumpf" vorlesen. Das darf nur Papa.

    Ein Buch über den Nikolaus darf der Reservevater vorlesen. Die vierjährige Thura gesellt sich zu uns und sagt: "Nikolaus ist verkleidet, aber es gibt ihn schon."

    Eine Aussage, die für mich bestimmt zu sein scheint: verkleidet als Ersatzvater, aber nicht erfunden.

    Marjolein erzählt: "Meine Mutter hat fünf Kinder bei vier Männern gezeugt. Meinen Vater hatte sie sich ausgesucht, weil sie ein Halbblutkind wollte. Ich wurde fast nie geschlagen, weil ich einfach alles tat, was sie wollte."

    "Möchtest du noch ein fünftes Kind?", frage ich.

    "Ich denke schon darüber nach", antwortet sie, "ich dachte letztens, ich sei schwanger. Obwohl wir verhüten, wir fassen uns sowieso kaum noch an. Aber neulich fuhr ich mit dem Rad an ein paar Jugendlichen vorbei, mit meinen vier Kindern. Und da hörte ich sie sagen: 'Siehst du die Frau da? Die hat echt mächtig drauflosgefickt.' So will ich doch nicht abgestempelt werden."

    (Fortsetzung folgt morgen)

    (Arnon Grünberg, 22.9.2017)

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